# taz.de -- Antigone in Berlin: Staatsräson oder menschliches Gefühl
       
       > Der Regisseur Jan Bosse inszeniert "Antigonae/Hyperion" am
       > Maxim-Gorki-Theater in Berlin. Trotz aller Mühe gelingt es ihm aber
       > nicht, die Distanz zum Stoff zu überwinden.
       
 (IMG) Bild: Tragödien-Darsteller auf irritierend düsterer Theaterbühne.
       
       BERLIN taz Eigentlich soll an diesem Abend nur ein Toter begraben werden.
       Antigone will ihren im Krieg vor der Stadt Theben gefallenen Bruder
       beerdigen - wider den Willen des Königs Kreon, der in Polyneikes einen
       Staatsfeind vermutet, nicht mehr wert, als Hunden und Vögeln ein Fraß zu
       sein. Das familiäre und in Sophokles Drama auch göttlich-religiöse Recht
       streitet gegen den Staatsbefehl. Und weil mädchenhafter Ungehorsam hier den
       Egoismus der Mächtigen entlarvt, aber auf beiden Seiten Verblendung
       herrscht, ist "Antigone" für das Theater ein zeitlos interessanter Stoff.
       Welchem Gesetz soll man folgen?
       
       Regisseur Jan Bosse will mit seiner Inszenierung am Berliner
       Maxim-Gorki-Theater aber noch einiges mehr als nur den Streit um Moral und
       Recht ausfechten. Vielleicht hat ihn der Erfolg seiner
       Klassikerinszenierungen angestachelt, in denen das Weitertreiben und
       -erzählen auch immer dazugehört. Jedenfalls hat er zusammen mit der
       Dramaturgin Andrea Koschwitz das Stück um Auszüge aus Hölderlins Briefroman
       ergänzt. "Antigonae/Hyperion" so der Titel des Abends; von "Schatten der
       deutschen Romantik auf der Tragödie des Sophokles" ist im Spielplan die
       Rede. Diese Schatten werfen allerdings kein frisches Licht. Sie lasten
       schwer auf dem Abend, und das Bühnenbild von Stephan Laimé trägt seinen
       Teil dazu bei. Der ganze Theaterraum ist irritierend düster.
       
       Kleidungsstücke verteilen sich über die schwarz verhängten Sitzreihen. Auf
       der Bühne türmen sie sich zu Kleiderhaufen, zwischen denen einzelne Arme,
       Beine, Gliedmaßen erkennbar sind. Krieg hat hier gewütet. Polyneikes hat
       gegen den eigenen Bruder gekämpft. Aber auch die diffus romantische
       Todessehnsucht, von der viel die Rede ist, ergibt optisch eben dieses
       Schlachtfeld, einen "weit umherliegender Todtengarten", in dem Polyneikes
       fallen wird, nicht ohne vorher den "Schmerz der Sterblichkeit", die
       "verschlossenen Arme der Natur" und "Verstummen, Vergessen alles Daseins"
       zu beklagen.
       
       Der Schauspieler Sebastian Rudolph verschmelzt die Figur des Polyneikes mit
       dem schwelgenden Text von Hyperion. In den Armen seiner Schwester Antigone,
       die ihn zwischen den Kleidern und Leichen findet, beschwört er das
       Unendliche, das im Endlichen steckt, und das Heroische, dessen gefährliche
       Nähe er suchte, während sie an Liebe, nicht an Hass appelliert - und so
       viel Leid, hehres Pathos und entfesseltes Gefühl machen dann tatsächlich
       die Toten wieder lebendig. Sebastian Rudolph steht wieder auf, öffnet weit
       die Augen oder zappelt wie in letzten Leichenzuckungen.
       
       Ungebrochen bringt Bosse auch diesen Klassiker nicht auf die Bühne. So
       konsequent wie etwa in seinem "Hamlet" am Schauspielhaus Zürich der Stoff
       regelrecht erspielt wird, gelingt das allerdings nicht. Polyneikes
       Leichenzuckungen geraten zu ernst für ein Spiel mit der Illusionsmaschine
       Theater und zu unernst, um an eine Auferstehung von den Toten durch Kraft
       der Liebe zu glauben. König Kreon (Ronald Kukulies) schimpft am Rednerpult:
       "Krise, Krise, Krise." Dieser Verweis auf reale Gegenwart bringt zwar
       sichere Lacher, hängt aber einsam und unpassend in der Luft. Kreons Sohn
       Haimon geht an Krücken, und ihm wie dem ein Dutzend Mann starken Chor
       baumelt eine Soldatenmarke am Hals, während man den Hofstaat sofort an
       Anzug und Schlips erkennt.
       
       Doch weniger Staatsräson als menschliche Gefühle erklären bei Jan Bosse die
       Handlung: das zunehmende Schuldbewusstsein Kreons, die Bruderliebe
       Antigones, Ismenes Zweifeln oder die Verschlagenheit des Boten, der eigene
       Interessen verfolgt. Bosse lässt die "Antigonae"-Übersetzung von Hölderlin
       spielen. Sie trägt das dunkle, wuchtige in sich. Mit den dräuenden Sätzen
       wenden sich die Schauspieler nach vorn und sprechen monologisch-dringlich
       ins Publikum. Sie treten auch von beiden Zuschauergängen auf, um mehr Nähe
       zu suchen. Und man ist auf der Hut, ob sie nicht gleich auf Zuschauersitze
       klettern. Aber zu wem spricht eigentlich Anja Schneiders Antigone, wen
       meint sie, wenn sie ruft: "Seht, ihr Vaterlandsbürger, den letzten Weg mich
       gehen"? Man schaut sie gern an mit ihrer Zopffrisur des Edelfräuleins und
       den fein geschminkten Augen. Doch wer kann sich bei solcher Ansprache schon
       gemeint fühlen?
       
       Trotz aller Mühe wird die Distanz zum Stoff und zur Sprache nicht
       überwunden. "Intelligente Literaturvermittlung" wird in jüngster Zeit zum
       Zaubermotto des Theaters ausgerufen. Aber wie schnell landet man damit bei
       einer Textvermittlung, die mehr verdeckt als freilegt und konventionelle
       Spielweisen befördert. Die Durchlässigkeit zwischen Leben und Tod kann man
       an diesem Abend am ehesten in den gedehnten, traurigen Sounds von Arne
       Kraehahn vermuten. Auf der Bühne löst sie sich jedenfalls nicht ein, da
       kann Polyneikes noch so oft die Augen aufschlagen und von den Toten
       auferstehen.
       
       20 Dec 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Simone Kaempf
       
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 (DIR) Antigone
       
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