# taz.de -- Bücher über U-Bahn-Schützen Bernie Goetz: Kaltblütig und ohne erkennbaren Grund
       
       > Bernhard Goetz schoss 1984 vier Schwarze Jugendliche an. Er wurde zum
       > Helden von Law and Order. Aktuelle Sachbücher ziehen Linien in die
       > Gegenwart.
       
 (IMG) Bild: Bis heute zeigt er keine Reue: Bernhard „Bernie“ Goetz mit Polizeibeamten
       
       Heather Ann Thompsons Buch „Fear and Fury“ lag im Januar dieses Jahres
       schon gedruckt zur Auslieferung bereit, und so konnte die preisgekrönte
       Historikerin das Werk über den Subway-Schützen Bernhard „Bernie“ Goetz und
       die 80er Jahre nicht mehr aktualisieren. Dabei hätte sie das bestimmt allzu
       gern noch getan. Die jüngsten Ereignisse in Minneapolis, wo an jenem Tag
       Renee Good [1][von ICE-Milizen erschossen] wurde, knüpften ganz unmittelbar
       an ihr Thema an.
       
       Sie selbst schlägt auf den letzten Seiten des Buchs bereits den Bogen
       zwischen dem Terror der Einwanderungstruppe ICE und der beinahe gänzlich
       ungestraften Selbstjustiz durch Bernhard Goetz, der am 22. Dezember 1984
       kaltblütig und ohne erkennbaren Grund in der New Yorker U-Bahn auf
       vierSchwarze Jugendliche geschossen hatte.
       
       Das Gleiche gilt für das parallele Werk von Elliot Williams, dessen Buch
       über Goetz – einer zentralen Symbolfigur in Ronald Reagans Amerika – nur
       eine Woche nach dem Werk von Thompson und drei Tage nach dem Tod von Alex
       Pretti erschien.
       
       Das plötzliche Wiederaufleben des Interesses an Bernie Goetz in der Ära
       Trump ist kein Zufall. Gute Historiker sind von der Neugier daran
       getrieben, wie die Vergangenheit Licht auf die Gegenwart werfen kann. Und
       Goetz sowie das Milieu, das ihn zum Phänomen machte, hat immens viel mit
       der amerikanischen Realität im Jahr 2026 zu tun.
       
       ## Als das Fass überlief
       
       Bernie Goetz war im New York der frühen 80er Jahre ein schrulliger
       Außenseiter. Nachdem er mehrere hochkarätige Jobs als Elektroingenieur
       verloren hatte, hielt er sich damit über Wasser, in seiner kleinen Wohnung
       an der 14th Street Elektrogeräte zu reparieren. Dabei entwickelte er einen
       wachsenden Zorn über den maroden Zustand seiner Heimatstadt. Kein Tag
       verging, an dem er nicht über den Dreck und Drogen, die Prostitution und
       die Kriminalität wetterte. Als er dann selbst auf dem Nachhauseweg
       ausgeraubt wurde, lief für ihn das Fass über. Er besorgte sich mehrere
       Pistolen, von denen er stets eine bei sich trug.
       
       Ähnlich wie die ICE-Männer in den Straßen von Minneapolis wartete Goetz nun
       nur auf eine Gelegenheit, seine Waffen einzusetzen. An jenem
       verhängnisvollen 22. Dezember 1984 war es dann so weit. Vier Schwarze
       Jugendliche aus der Bronx stiegen in den U-Bahn-Waggon, in dem Goetz saß.
       Sie waren übermütig und laut, wie Teenager nun einmal sind, aber nicht
       bedrohlich. In ebendieser Laune fragte einer von ihnen, Troy Canty, Goetz,
       ob er ihnen nicht fünf Dollar geben wolle.
       
       Goetz schaute mit einem eisigen Blick auf und bat Canty, das noch einmal zu
       wiederholen. Als Canty, noch immer übermütig, Folge leistete, stand Goetz
       auf, griff in seine Jacke, wie um eine Brieftasche zu zücken. Doch zum
       Vorschein kam sein Revolver. Goetz stellte sich breitbeinig auf und begann
       zu feuern. Zuerst auf Canty und dann auf die anderen drei jungen Männer,
       die drei Meter entfernt saßen.
       
       Als einer von ihnen, Darrell Cabey, wimmerte, er habe doch nichts getan,
       erwiderte Goetz: „Du siehst gar nicht so schlimm aus. Hier ist noch eine.“
       Damit verpasste er Darrell eine weitere Kugel, die ihn für den Rest seines
       Lebens auf den Rollstuhl angewiesen sein lässt.
       
       ## Ära radikalen Sparens
       
       Insbesondere Thompson beschreibt diese Begegnung als direktes Resultat der
       gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der Zeit. Die Stadt New
       York hatte sich Mitte der 70er Jahre in den finanziellen Ruin manövriert.
       Die großzügige Sozialstaatlichkeit der Stadt war durch das Verschwinden von
       Handwerk und Industrie sowie eine massive Rezession nicht mehr zu
       finanzieren. New York war dazu gezwungen, die Hoheit über ihre Finanzen an
       ein Konsortium aus Financiers sowie Vertretern des Bundes und des Staates
       abzutreten. Es begann eine Ära radikalen Sparens, um die Schulden der Stadt
       zu bedienen. Soziale Dienste und Infrastruktur wurden drastisch gekürzt.
       
       Für Thompson war dies jedoch nicht nur eine Wende in der Stadtpolitik. Es
       war Teil einer nationalen politischen und gesellschaftlichen Wende, die
       direkt zum Amerika Trumps führte. Das Gemeinwohl wurde der Gesundheit der
       Institutionen geopfert. Es begann eine zynische Politik der
       Vernachlässigung der sozial Schwächsten, gerechtfertigt durch die Ideologie
       des „trickle down“ – des angeblichen Effekts, dass der Reichtum der wenigen
       am Ende allen zugutekommt.
       
       Mit der Wahl Ronald Reagans 1980 wurde diese Ideologie, auch „Reaganomics“
       genannt, dann zur Staatspolitik. Reagan artikulierte dabei ganz unverhohlen
       die neue Haltung: Sozial Schwache seien nicht als Opfer eines
       Systemversagens zu sehen, sondern trügen die Schuld an ihrem eigenen
       Schicksal. Sie seien schlicht zu faul und nicht dazu bereit, ihr Schicksal
       in die eigenen Hände zu nehmen.
       
       Die vier Jugendlichen, die Goetz niederstreckte, gehörten zu den Opfern
       dieser Politik. Sie wuchsen in der mittlerweile völlig heruntergekommen
       Bronx auf. Die Sozialbauten, in denen sie lebten, waren verrottet,
       öffentliche Schulen funktionierten praktisch nicht mehr. Freizeitangebote
       oder außerschulische Betreuung gab es nicht mehr.
       
       Trotzdem waren die vier Jungs nicht, wie viele Medien sie später
       zeichneten, gefährlich. Darrell, der an diesem Tag von Goetz zum Krüppel
       geschossen wurde, hatte sich noch am selben Nachmittag rührend um seine
       kranke Großmutter gekümmert. Sie alle hatten, wie Thompson beschreibt,
       Träume von einem besseren Leben, weg von der Bronx. Ihre schlimmsten
       Verfehlungen waren mindere Drogendelikte, Schwarzfahrten in der U-Bahn und
       das Aufbrechen von Spielautomaten für ein paar Dollar.
       
       ## Für Law and Order sorgen
       
       Dennoch stand das Narrativ der Attacke vom ersten Tag an fest. Befeuert von
       der vom späteren Fox-News-Gründer [2][Rupert Murdoch] geführten
       Boulevardpresse wurden, bevor auch nur die Ermittlungen abgeschlossen
       waren, die Opfer zu Tätern. Sie wurden zum Symbol dafür, warum die
       anständige weiße Mittelschicht sich in der Stadt nicht mehr sicher fühlt.
       Bernie Goetz wurde hingegen zum Helden, weil er sich, von der Politik im
       Stich gelassen, traute, endlich selbst etwas zu tun. Er wurde der Charles
       Bronson New Yorks – der moderne Cowboy, der mit dem Colt in der Hand selbst
       für Law and Order sorgt.
       
       Das wirklich Tragische an dem Fall war, dass das Narrativ durch den
       gesamten juristischen Prozess hindurch hielt. Alle Zeugenaussagen und
       selbst ein Geständnis von Bernie Goetz, in dem er seine Kaltblütigkeit und
       seine Blutlust zugab, nützten nichts. Die Staatsanwaltschaft änderte unter
       öffentlichem Druck mehrfach die Anklage. Die Geschworenen rangen sich
       gerade einmal dazu durch, Goetz des illegalen Waffenbesitzes für schuldig
       zu befinden. Goetz verbrachte acht Monate in Haft und zeigt bis heute keine
       Reue.
       
       Auch juristisch gibt es eine direkte Verbindung zwischen dem Goetz-Fall und
       unseren Tagen. Im Goetz-Urteil galt schon das reine Empfinden einer
       Bedrohung als Rechtfertigung für Notwehr. Dasselbe Argument wurde für die
       Schützen von Minneapolis vorgebracht. Und im Grunde wird es für die gesamte
       Politik Trumps hervorgeholt: Die vermeintliche Bedrohung anständiger weißer
       Bürger durch Einwanderer und die angeblich anarchischen Zustände in
       amerikanischen Städten, die als Begründung für die Entsendung von Truppen
       genannt werden, existiert allein in den Köpfen.
       
       ## Eskalation von Polizeigewalt
       
       Thompson zeigt auf, wie sich durch die Reagan- und auch die Clinton-Jahre
       im amerikanischen Bewusstsein die Überzeugung festgesetzt hat, dass die
       Opfer der rasant wachsenden sozialen Ungleichheit in Wirklichkeit die Täter
       sind und wie die Gewalt gegen sie normalisiert wurde. Das zeigt sich in
       einer Häufung von Fällen der Selbstjustiz wie dem Mord an Jusuf Hawkins in
       New York oder der Erschießung von [3][Trayvon Martin], aber natürlich auch
       in der steten Eskalation von Polizeigewalt, die zur
       Black-Lives-Matter-Bewegung führte.
       
       Mit Donald Trump, so das Fazit, sind die USA nun an einen Punkt gelangt, an
       dem Gewalt gegen die Sündenböcke für komplexe soziale und ökonomische
       Probleme sowie deren Entrechtung zur Staatspolitik geworden ist. Das
       Zynische daran ist, dass es genau diejenigen trifft, die am meisten unter
       diesen Problemen leiden.
       
       Der Rückblick auf die Zeit von Bernie Goetz hilft dabei, zu erkennen, dass
       all dies nicht erst mit Donald Trump angefangen hat. Er mindert jedoch auch
       die falsche Hoffnung, dass das Goetz-Paradigma mit Donald Trump wieder
       verschwindet.
       
       10 Mar 2026
       
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