# taz.de -- Ukraine vor Trump-Gipfel in Florida: Selenskyj bereit zu Referendum über möglichen Friedensplan
       
       > Der ukrainische Präsident Selenskyj und US-Präsident Trump verhandeln in
       > Florida über einen 20-Punkte-Plan. Darüber abstimmen sollen später auch
       > die Ukrainer.
       
 (IMG) Bild: Ukraines Präsident Selenskyj beim Zwischenstop in Kanada auf dem Weg zu Präsident Trump nach Florida
       
       Vor dem mit Spannung erwarteten Treffen des ukrainischen Präsidenten
       Wolodymyr Selenskyj mit US-Präsident Donald Trump, werden in der Ukraine
       Pläne für ein Referendum und für Wahlen konkreter. Selenskyj, der sich vor
       dem Gipfel mit europäischen und kanadischen Partnern abgesprochen
       hatte[1][, will mit Präsident Trump die 20 Punkte für einen von den USA
       angestoßenen Friedensplan besprechen].
       
       Über diesen möglichen Friedensplan sollen anschließend laut Selenskyj auch
       die Ukrainer abstimmen. Das Referendum solle gleichzeitig mit möglichen
       Präsidentschaftswahlen durchgeführt werden. Für diese beiden Voten, so der
       Vorsitzende der Regierungsfraktion „Diener des Volkes“, Dawyd Arachamija,
       benötige man insgesamt 90 Tage: 30 Tage für die Einleitung der Wahlen durch
       den Gesetzgeber und 60 Tage für Meinungsbildung und Wahl. Derzeit sind
       Wahlen in der Ukraine aufgrund des seit Februar 2022 geltenden Kriegsrechts
       verfassungsrechtlich untersagt.
       
       Parlamentswahlen stehen für Arachamija dagegen noch nicht an.
       Präsidentschaftswahlen hätten weniger Kandidaten und seien deswegen
       leichter durchzuführen, zitiert das öffentlich-rechtliche Fernsehen
       suspilne.media den Politiker. Ob die Voten umsetzbar sind, hänge aber davon
       ab, ob es Sicherheitsgarantien für einen geordneten Ablauf gebe, erklärte
       Präsident Selenskyj und fügte hinzu, das Referendum gehe auf eine
       US-amerikanische Initiative zurück. Es sei nur denkbar, wenn Russland einem
       mindestens 60-tägigen Waffenstillstand zustimme. Anhaltender
       Raketenbeschuss bei der Abstimmung würde für eine geringere Wahlbeteiligung
       sorgen, was Zweifel an der Legitimität aufkommen lassen könnte.
       
       ## Zweifel an der Umsetzbarkeit
       
       Manch einer in der Ukraine wundert sich, dass erst im siebten Jahr von
       Selenskyjs Präsidentschaft ernsthaft über die Durchführung eines
       Referendums nachgedacht wird. Schließlich hatte das Team um Selenskyj 2019
       kurz nach dessen Wahlsieg groß angekündigt, [2][unter seiner
       Präsidentschaft aktiv Elemente einer direkten Demokratie einzusetzen].
       
       Doch es gibt Zweifel an der praktischen Umsetzbarkeit von Wahlen und dem
       gleichzeitigen Referendum. „Es gibt keine Wahlen“, sagt ein Fahrer in
       Charkiw am Taxi-Stand zur taz, „weil es nirgendwo im Krieg Wahlen gibt,
       außer vielleicht in Israel.“ Dann fügt er hinzu: „Ich werde Selenskyj nicht
       noch einmal wählen. Aber ich will nicht, dass wir jetzt im Krieg Wahlen
       durchführen. Selenskyj soll bleiben, solange wir Krieg haben, und dann soll
       er gehen.“
       
       Er fragt sich, wie die Wahlen praktisch aussehen sollen. „Die in den
       besetzten Gebieten können nicht wählen, die an der Front auch nicht
       unbedingt, die in Russland leben, sowieso nicht, und ob man in Westeuropa
       wird wählen können, wird sich zeigen. Und nach solchen Wahlen kann Putin
       wirklich sagen, der Präsident ist nicht legitim.“ Auch von online
       durchgeführten Wahlen hält er nichts.
       
       Zweifel hat auch Olha Ajwasowska vom Wahlbeobachternetzwerks OPORA und
       langjährige unabhängige Wahlbeobachterin in der Ukraine. Sie sieht derzeit
       keine realistische Möglichkeit für ein nationales Referendum. Der Zustand
       des staatlichen Wählerregisters, die massive Binnenflucht sowie mehrere
       Millionen Ukrainer im Ausland machten es unmöglich, die gesetzlich
       vorgeschriebene Mindestwahlbeteiligung von 50 Prozent zu erreichen. Auch
       die Zeitpläne von 30 Tagen für die Gesetzgebung und 60 Tagen für den
       Wahlkampf seien unrealistisch, zitiert Interfax Ajwasowska.
       
       ## Korruptionsermittlungen gegen Parlamentarier
       
       Während sich Präsident Selenskyj auf den Weg in die USA machte, tauchten in
       Kyjiw Beamte des [3][Nationalen Antikorruptionsbüros] (NABU) und der
       Spezialisierten Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAP) in Büros von
       Abgeordneten der Regierungsfraktion „Diener des Volkes“ auf. Im Zentrum der
       Ermittlungen stehen die Abgeordneten Jewhen Piwowarow, Olha Sawtschenko,
       Ihor Nehulewskyj und Jurij Kissel. Es geht um mutmaßliche
       Bestechungszahlungen für Abstimmungen im Parlament.
       
       Russland setzte unterdessen seine Angriffe fort und drohte mit einer
       Fortsetzung des Krieges. In der Nacht auf Samstag waren in der ukrainischen
       Hauptstadt Wohnhäuser, neunstöckige, zehnstöckige und ein Hochhaus mit 24
       Stockwerken angegriffen worden. Getroffen wurde auch zivile Infrastruktur,
       ein Straßenbahndepot und Energieanlagen. In sieben Stadtbezirken kam es zu
       Bränden und Zerstörungen.
       
       Bürgermeister Vitali Klitschko berichtet von 28 Verletzten in der Stadt,
       von denen 13 stationär behandelt werden müssen. Auch zwei Kinder sind unter
       den Verletzten, mindestens ein Mensch wurde bei den Angriffen getötet. Auch
       Autos, private Gebäude und Werkstätten brannten. Duch die Angriffe kam es
       zu massiven Ausfällen in der Energieversorgung. So berichtet die Kyjiwer
       Stadtverwaltung von über 4.000 Wohnhäusern, 187 Kindergärten, 138 Schulen
       und 22 sozialen Einrichtungen, in denen am Samstag die Heizung ausgefallen
       ist. Nach den jüngsten Luftangriffen haben die meisten Wohnungen in Kyjiw
       nur noch zwölf Stunden Strom am Tag.
       
       Auch im russischen Gebiet Belgorod wurde am Sonntagmorgen ein Zivilist
       durch den Angriff einer FPV-Drohne verletzt. Der Mann musste mit
       Splitterverletzungen in ein nahe gelegenes Krankenhaus gebracht werden,
       berichtet Wjatscheslaw Gladkow, Gouverneur des Gebietes Belgorod, auf
       Telegram.
       
       Wie sehr sich die Menschen in der Ukraine Frieden wünschen, machte eine
       Bewohnerin von Odessa deutlich. „Ich habe jeden Tag Geburtstag“, schreibt
       die 35-jährige Verkäuferin Katarina der taz über einen Messenger. „Jeder
       neue Tag ist für mich ein Geschenk. Jeden Morgen freue ich mich, dass ich
       noch lebe.“ Doch so schnell wird ein Frieden wohl nicht kommen.
       
       28 Dec 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Krieg-in-der-Ukraine/!6141200
 (DIR) [2] https://en.interfax.com.ua/news/general/587969.html
 (DIR) [3] /Korruption-in-der-Ukraine/!6131084
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernhard Clasen
       
       ## TAGS
       
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