# taz.de -- Dinner for One als Young-Adult-Serie: Klassenübergreifend die Leber schädigen
       
       > Der humoristische Dauerbrenner „Dinner for One" als "Young Adult"-Serie?
       > Das zündet nicht – denn junge Leute nehmen die Liebe dafür doch zu ernst.
       
 (IMG) Bild: Miss Sophie (Alicia von Rittberg) und Butler James (Kostja Ullmann) verbindet eine verbotene Liebe
       
       Hätte sich James, der Butler aus „Dinner for One“, die alkoholische
       Menübegleitung von Miss Sophies sämtlichen No-Shows tatsächlich an einem
       einzigen Abend hinter die Binde gekippt (je viermal Sherry, Weißwein,
       Schampus und Portwein), wäre sein Blutalkoholpegel laut aktueller
       Berechnungen bei fast 4 Promille gelandet. James’ als vorfreudig lesbares
       Grinsen am Ende deutet somit darauf hin, dass der Lustgreis einigermaßen
       habituiert war.
       
       Vermutlich ist es genau das, jener sorglose Umgang mit Nervengift in
       Verbindung mit makellosem Slapstick und angedeutetem Best-Ager-Sex, der
       Lauri Wylies 1963 entstandenen Sketch zur liebsten Silvesterunterhaltung
       der Deutschen macht. Schließlich trinken sich zwei aussortierte einsame
       Menschen hier voller Freude in den Liebesrausch. Und scheren sich weder um
       falsche Moral noch um Klassismus oder Ageismus, am allerwenigsten aber um
       ihre Gesundheit.
       
       [1][„Dinner for One“] ist jedoch nicht allein darum ein Phänomen. Auch am
       letzten Silvesterabend fuhr der uralte Sketch wieder Traumquoten von bis zu
       16,3 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen im Ersten ein. Dabei
       schauen die umschwärmten jüngeren Zuschauer:innen angeblich erstens am
       liebsten ihresgleichen beim Necking zu, und tun das zweitens ungern bei den
       Öffentlich-Rechtlichen.
       
       Man kann sich also genau vorstellen, wie die Idee zustande kam, aus „Dinner
       for One“ eine Serie zu machen, die den „YA“-Bereich, die sogenannten
       [2][Young Adults], abholt. Denn jene jungen Menschen werden zwar momentan
       mit „Enemy-to-Lovers-Romantasy“, mit Internatsliebesgeschichten und
       Regency-Dramen regelrecht zugeschissen. Doch zwischen Leber und Viscus
       passt immer noch ein Kuss.
       
       ## Lustwandeln in erstaunlich modernen Kleidern
       
       Im vorliegenden Fall versucht die serielle Erzählung „Miss Sophie – Same
       Procedure as Every Year“ (Amazon Prime) sich in sechs Folgen an der
       Vorgeschichte von Sophie (Alicia von Rittberg), ihren vier Galanen (Mr.
       Pommeroy, Mr. Winterbottom, Sir Toby und Admiral von Schneider) und dem
       Butler James (Kostja Ullmann).
       
       Es geht um eine heimliche Liebe über die Klassenunterschiede (Adlige Sophie
       und Butlersohn James) hinweg; um finanzielle Nöte der
       State-of-the-Art-selbstermächtigten Protagonistin nach dem Tod ihrer
       Eltern, die der Idee einer Zweckehe mit einem [3][solventen Gentleman]
       Vorschub leisten; und um das von Suki Waterhouse und The Cure untermalte
       Schlösserlustwandeln in erstaunlich modernen Kleidern.
       
       Dass „Miss Sophie“ dennoch nicht so einschlägt, wie es sich seit dem Erfolg
       der generischen Klassismus-Liebesserie „Maxton Hall“ Sender- und
       Streamingverantwortliche im Land wünschen, liegt neben dramaturgischen
       Wacklern und der zuweilen umständlichen Inszenierung am Ton, in dem die
       Produktion daherkommt. Genau wie im Originalsketch versucht sie es nämlich
       mit Humor.
       
       ## Pathos und Leid berühren Teenagerherzen
       
       Dabei ist Liebe – zumindest für junge Menschen – selten komisch, sondern
       zunächst eher dramaserienkompatibel schmerzhaft und erschreckend. Das
       Pathos, das erfolgreiche YA-Serien aufbauen, die von jungen
       Schauspieler:innen leidenschaftlich vergossenen Tränen in „Maxton Hall“,
       das emotionale Leid in „Bridgerton“, die großangelegte schwerwiegende
       Lädierung der gesamten Welt in „Euphoria“ (und seiner überzeugenden
       deutschen Adaption) sind elementare Zutaten für das Berühren von
       Teenagerherzen. Es ist, wie Young Adults-Experte Gene Pitney es einst in
       seinem größten Hit sang: „Ours is not an easy age / We’re like tigers in a
       cage / What a town without pity can do!“
       
       Dass die 90-jährige Miss Sophie in „Dinner für One“ fröhlich ihr Glas heben
       kann, um unsichtbaren Geistern aus der Vergangenheit zuzuprosten, liegt an
       ihrer über die Jahrzehnte gewachsenen Lebenserfahrung: Die fidele alte Dame
       muss sich nicht um schwindende Gefühle sorgen, sondern genießt ihr
       (restliches) Leben mit Sherry, Weißwein, Schampus, Portwein und einem
       Lover, der es auch noch nach vier Skål-Runden zumindest einmal im Jahr die
       Treppe rauf ins Schlafzimmer schafft. Da kann man schon mal gut lachen
       haben.
       
       9 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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