# taz.de -- Anthropologe über Ethnonationalismus: „Rassismus ist ein modernes Phänomen“
       
       > Mihir Sharma forscht zum politischen Leben des Begriffs „white working
       > class“ und zeigt, wie die Kategorie „weiß“ konstruiert wird.
       
 (IMG) Bild: Den „kleinen weißen Mann“ im Blick: rechte Parteien
       
       taz: Herr Sharma, Sie sprechen über die „white working class“. Gibt es die
       überhaupt? 
       
       Mihir Sharma: Es gibt sie als Begriff, vor allem in den USA, unter vielen
       rassifizierten anderen Begriffen. Differenzkategorien wie race sind
       konstruiert, und haben als soziale Fakten materielle Konsequenzen. Die
       Frage bleibt, was der Mehrwert und Effekte des Begriffs sind – historisch
       kann man über Bewusstsein der rassifizierten Klassenverhältnisse sprechen.
       Eine solche Gruppe durch den Begriff wäre eine Verdinglichung heterogenen
       und komplexen sozialen Verhältnisse.
       
       taz: Was meinen Sie damit? 
       
       Sharma: Differenzkategorien wie race werden konstruiert. [1][Rassismus ist
       ein modernes Phänomen.] Vor der Erfindung des Rassismus war weiß-sein keine
       vorhandene Subjektivität. Ethnonationalismus wird als Differenzkategorie
       überspitzt, um eine Mehrheitspolitik machen zu können. Das ist nicht
       einzigartig für die USA oder Deutschland: Hindunationalist*innen in
       Indien oder die AKP in der Türkei machen das auch.
       
       taz: Ist es nicht naheliegend, dass es in Europa keinen Rassismus gab, wenn
       vor dem Kolonialismus die meisten Menschen weiß waren?
       
       Sharma: Es gab eine Art Urrassismus, zum Beispiel gegen Jüd*innen oder
       Sinti und Roma. Spanien wurde zum ersten ethno-nationalistischem Staat,
       [2][als 1492 Jüd*innen verbannt wurden]. Rassismus ist eine der ersten
       modernen Herrschaftstechniken, die Herrschaftsverhältnisse auf globaler
       Ebene geprägt haben. Als Deutsche in Massen nach Pennsylvania immigriert
       sind, hat Benjamin Franklin [3][davon geredet,] dass die Mehrheit der
       Immigrant*innen nicht weiß sind. Damit meinte er auch Deutsche,
       Schwed*innen, Italiener*innen, Spanier*innen.
       
       taz: Was bedeutet die Konstruktion einer „white working class“? 
       
       Sharma: Wenn wir diese Gruppe konstruieren, hat das Konsequenzen. Nicht nur
       für nationale und internationale Politik, sondern insbesondere für
       Menschen, die von einer ethno-nationalistischen Mehrheitspolitik betroffen
       sind. Als Wissenschaftler*innen sollten wir kritischer im Umgang mit
       medialen und populären Begriffen sein. Wir sollten rechtspopulistische
       Vorstellungen nicht weiterverbreiten.
       
       taz: Warum ist der Begriff rechtspopulistisch? 
       
       Sharma: Wenn behauptet wird, dass es die „white working class“ gibt,
       impliziert das, dass diese Klasse bestimmte Begehren, Absichten und
       deswegen auch Verhaltensweisen hat. Es besteht die Gefahr, dass sich
       Menschen mit bestimmten Parteien, die vermeintlich die Interessen dieser
       angeblichen Klasse vertreten, identifizieren.
       
       taz: Parteien wie die CDU, die auf Wahlplakaten mit „Politik für normale
       Leute“ werben. 
       
       Sharma: Genau. Der Diskurs über die „white working class“ hat Parallelen
       mit dem vom „kleinen Mann“ oder den „einfachen Leuten“. Die Rede ist von
       einem Subjekt, das imaginiert wird als „normale“ Person, als Idealsubjekt
       für die Nation. Auch die AfD hat den Begriff „Normalität“ in der letzten
       Bundestagswahl genutzt. Es ergibt Sinn, dass die CDU das macht. [4][Sie
       wollen ja nicht nur die Migrationspolitik oder Verteidigungspolitik der AfD
       übernehmen], sondern auch diese auf [5][Normalität] basierte populistische
       Vorstellung, sie seien sozusagen für die Mehrheit der bürgerlichen
       Gesellschaft da. Gleichzeitig nutzen wir den Begriff als eine Art Shaming.
       
       taz: Was meinen Sie damit? 
       
       Sharma: Die vermeintliche „white working class“ wird genutzt, um den
       Anstieg der Rechten in weiß dominierten Gesellschaften zu erklären. Aus
       Erklärungsnot werden pauschal arme weiße Menschen zum Sündenbock zum
       Anstieg der rechten gemacht.
       
       19 Jan 2026
       
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