# taz.de -- Die Pandemie von links gelesen: Das Leben hat einen Wert an sich
> Der Sammelband „Die verdrängte Pandemie“ liest die Gesundheitskrise als
> Labor. Die Coronapolitik zeigte demnach, wer im Zweifelsfall überflüssig
> ist.
(IMG) Bild: Die Maßgabe, während der Pandemie beim Einkaufen eine Maske tragen zu müssen, rief bei vielen Affektexplosionen hervor
Während der [1][Coronapandemie] konnte man die gesellschaftlichen
Zusammenhänge und seine Mitmenschen noch einmal anders kennenlernen. Das
war immer wieder überraschend. Die grellsten Auswüchse waren Aufgewühlte,
die ihren Unwillen, sich und andere durch eine Gesichtsmaske zu schützen,
laut auf Demos kundtaten. Verschwörungsirre, die das Virus für eine
Erfindung hielten und so lange an den Statistiken herumrechneten, bis es
passte, während auf den Intensivstationen Menschen am Beatmungsgerät hingen
und erstickten.
Von heute aus betrachtet lässt sich sagen, dass während der Coronapandemie
gesellschaftliche Kommunikation darüber erprobt wurde, wo die
gesellschaftlichen Prioritäten liegen und wer im Zweifelsfall überflüssig
ist. Entsprechende Ideen werden seither keineswegs nur am rechten Rand
ventiliert, sondern kommen aus der Mitte.
Die an Corona Verstorbenen und das Leid, das die an Long Covid Erkrankten
aktuell erfahren müssen, werden dagegen heute weitgehend verdrängt. Das ist
die Ausgangsthese der Herausgeber des Bandes „Die verdrängte Pandemie“. Sie
diagnostizieren einen weitreichenden „Pandemierevisionismus“. Revidiert
werden soll demnach alles, was an die Notwendigkeit des Schutzes der
Schwachen erinnert. „Rechte verteufeln weiter mit ungebrochenem Eifer die
vergangenen Eindämmungsmaßnahmen und die Impfangebote“, schreibt Paul
Schuberth in seiner „sehr kurzen Geschichte der Coronapandemie“.
Schon damals richteten sich Proteste gegen die Einschränkung der
persönlichen Freiheit, während die Wirtschaftssphäre nicht berührt werden
durfte. Dass man trotz geschlossener Schulen weiter in voll besetzten
Bussen und U-Bahnen ins Büro fahren musste, versetzte kaum jemanden in
Aufruhr. Auch hier war die Prioritätensetzung klar: Die Arbeitswelt bleibt
weitgehend intakt, das Seuchengeschehen wird derweil über die
Einschränkungen des Bewegungsradius von Kindern und Jugendlichen reguliert.
Während die Maßgabe, beim Einkaufen eine Maske tragen zu müssen, hingegen
Affektexplosionen hervorrief.
## Bei der Ware Arbeitskraft ist kein Mangel aufgetreten
Der Publizist Thomas Ebermann erinnert daran, dass die Schulen und der
Kulturbetrieb lahmgelegt waren, die Lieferketten aber intakt blieben. „Bei
der Ware Arbeitskraft ist kein Mangel aufgetreten, keine Situation
eingetreten, bei der gesagt werden musste, jetzt kann nicht produziert
werden, weil zu viele Menschen gerade sterben.“
Dass das eine – die Fahrt zur Arbeit – klaglos hingenommen, die
Selbstbeschränkung zum Schutz der Schwächeren aber zu heftigen Protesten
führte, erklärt Ebermann damit, dass „das Arbeitsethos in die Menschen
eingewandert“ und „Selbstverhärtung zur Tugend erklärt worden“ sei.
Den „Sozialdarwinismus“, der sich während der Pandemie Bahn gebrochen habe,
interpretiert die Politologin Natascha Strobl als „Scharnier zwischen
Faschismus und Marktradikalismus“. Strobl erinnert an die Wortmeldungen,
die damals in der Mitte wie am rechten Rand zu hören waren. Boris Palmer,
zu jener Zeit noch bei den Grünen, schlug vor, nicht allzu viel Kosten und
Mühen für Menschen aufzuwenden, die ohnehin bald sterben würden. Autoren
der rechtsradikalen Zeitschrift Sezession spotteten über verwöhnte
Menschen, die an Unverträglichkeiten litten und nichts mehr aushielten.
## Spargelproduktion war systemrelevant
Stefan Dietl erinnert in seinem Beitrag an Nicolae Bahan, den ersten
Erntehelfer, der in Deutschland an einer Covid-Infektion verstorben ist.
Landwirtschaftliche Interessenverbände streuten im Verbund mit der
damaligen Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft Julia Klöckner
(CDU) das Gerücht, Bahan sei an einem Herzinfarkt gestorben, um die
Spargelproduktion nicht zu gefährden, und erinnerten so unfreiwillig daran,
dass die Produktion in der freien Marktwirtschaft eine Maschinerie ist,
deren Funktionieren auf keinen Fall infrage gestellt werden darf.
Auch das zeigte sich unter Pandemiebedingungen klarer noch als sonst. „Mit
Unterstützung der deutschen Bundesregierung konnten die
landwirtschaftlichen Betriebe die Covid-19-Pandemie nutzen, um die
Mechanismen zur Ausbeutung migrantischer Arbeitskraft weiter auszubauen“,
schreibt Dietl. „So wurden die Erntehelfer*innen zu ‚systemrelevanten‘
Beschäftigten erklärt und mit dieser Begründung Teile des
Arbeitszeitgesetzes außer Kraft gesetzt – und die bisher schon gängigen
katastrophalen Arbeitsbedingungen und überlangen Arbeitszeiten von bis zu
14 Stunden am Tag damit legalisiert.“ Das alles war möglich, weil der
kollektive Spargelkonsum auch in Pandemiezeiten zur nationalen
Notwendigkeit erklärt und damit als „systemrelevant“ klassifiziert wurde.
Die Gnadenlosigkeit, mit der über all diese Dinge gesprochen wurde, war
damals noch überraschend. Heute fällt Hendrik Streeck, damals Mitglied des
Corona-Expertenrats der Bundesregierung, mit der Einlassung, man solle aus
Kostengründen die Vergabe von teuren Medikamenten an hochbetagte Menschen
überprüfen, nicht weiter auf.
Alles das sind keine [2][gesundheitspolitischen Diskurse im engeren Sinne],
sondern Ansagen. Ein gesellschaftlicher Diskurs, der klarmacht: Das Leben
hat keinen Wert an sich, wer nicht mehr produziert, aber kostet, darf gerne
sterben. Es sei wichtig zu betonen, schreibt Herausgeber Paul Schuberth,
dass die „wohlfeile Abgrenzung gegen Querdenker*innen natürlich dabei
half, die ‚Barbarei im Demokratischen‘ (Thomas Ebermann) zu überdecken“.
## Ein Abwehraffekt gegen das Schwache
Die Verdrängung, von der die Herausgeber ausgehen, greift auch auf einer
subjektiven Ebene. Der Bericht des Wiener Oberarztes Wolfgang Hagen, der
von Beginn der Pandemie an auf einer Covid-19-Station gearbeitet hat, wirkt
wie die Beschreibung eines Szenarios, das schon ewig her ist. Was damals
omnipräsent war – die Bilder von nächtlichen Militärkonvois in Bergamo, die
Särge abtransportierten, die Bilder von Pflegepersonal in Schutzanzügen –,
wirkt heute fremd und irreal.
Allerdings ließe sich mit den Autor*innen von „Die verdrängte Pandemie“
einwenden, dass die Pandemie keineswegs Geschichte ist, sondern bis in die
Gegenwart ragt und die Zukunft vorbereitet. Der Abwehraffekt gegen das
Schwache bestimmt demnach auch noch die Debatte um ME/CFS (Long Covid). Der
Bremer Soziologe Wolfgang Hien hat sechs Fallgeschichten von Betroffenen
zusammengefasst. Fast alle Patient*innen berichten davon, dass ihr
Umfeld auf die Erkrankung verständnislos bis abwehrend reagiert hat.
„Leistungsfähigkeit ist ein zentrales Kriterium, das die soziale Wertigkeit
eines Menschen in der Gesellschaft bemisst“, kommentiert Hien. Wer nicht
mehr leistungsfähig ist, wird sozial abgestraft, im Kleinen wie im Großen.
Ein weiterer Komplex, der in „Die verdrängte Pandemie“ eine Rolle spielt,
ist die Genese von Viren, die nicht einfach als Naturereignisse oder
-katastrophen erfasst werden, sondern eine Sozialgeschichte haben. Der
Epidemiologe Rob Wallace sieht die Gefahr von Pandemien durch bestimmte
Produktions- und Wirtschaftsweisen steigen. Die Zerstörung von Ökosystemen
und die Eingriffe in Wälder und Lebensräume, die Wildtiere näher an den
Menschen treiben, begünstigen die Übertragung von Viren von tierischen
Wirten auf den Menschen.
Der genaue Ursprung des Sars-CoV-2-Erregers sei noch nicht abschließend
erforscht, schreibt Herausgeber Schuberth, und auch die Laborthese, also
der Verdacht, dass das Coronavirus in einem Labor in Wuhan entstanden ist,
könne „nicht einwandfrei verworfen werden“. Doch liege es sehr nahe, dass
auch bei der Entstehung der Coronapandemie „die Industrialisierung und
Kapitalisierung der konventionellen Fleischproduktion in Südchina (seit der
Liberalisierung der chinesischen Wirtschaft) eine gewichtige Rolle
spielte“.
## Sich als Freiheitskämpfer aufführen, Untertan bleiben
Jeder Aspekt der Pandemie und ihrer Verheerungen wird in „Die verdrängte
Pandemie“ sozial und politisch aufgefasst. Unter ihren Bedingungen zeigt
sich der Normalbetrieb wie unter einem Brennglas: Wer ist entbehrlich, was
muss laufen, was muss pausieren? Was verstehen die Menschen unter Freiheit,
was wird verteidigt, was wird hingenommen?
In der Pandemie zeigte sich auch, wie Protestformen aussehen, die es
erlauben, sich als Freiheitskämpfer aufzuführen und zugleich Untertan zu
bleiben. Den Herausgebern ist es gelungen, ein zugleich
multiperspektivisches wie umfassendes Bild der Verheerungen der Pandemie zu
zeichnen. Und zwar nicht nur der gesundheitlichen, sondern vor allem der
gesellschaftlichen. Die verschiedenen Perspektiven der Autor*innen
schaffen so eine Gegenerzählung zur momentan laufenden Umdeutung und
Neuschreibung von Corona.
29 Dec 2025
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## AUTOREN
(DIR) Benjamin Moldenhauer
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