# taz.de -- Kunst von Cauleen Smith: Minen zu Höhlen
> In der Kunst der US-Amerikanerin Cauleen Smith werden Pflanzen zu
> Vorkämpferinnen der Emanzipation. Die Kestner Gesellschaft Hannover
> widmet ihr eine Soloschau.
(IMG) Bild: Ziemliche Verkabelung einer scheinbar leichten Message: Ansicht von Cauleen Smiths „The Volcano Manifesto“
Ein feiner Duft wie im Blumenladen liegt derzeit im Foyer der Kestner
Gesellschaft Hannover. Er entspringt einem Ikebanaarrangement. Die
US-amerikanische Filmemacherin und Multimediakünstlerin Cauleen Smith führt
mit dem minimalistischen Blumengedeck in ihre Ausstellung ein, ihre erste
institutionelle Soloschau im deutschsprachigen Raum.
Denn Ikebana, allgemeiner: Pflanzen und Blumen, spielen eine große Rolle in
ihrem hier vorgelegten Arbeitsquerschnitt aus über zehn Jahren. Smiths
Ausstellung „The Volcano Manifesto“ ist auch die erste, die Eva Birkenstock
verantwortet. Die Kunsthistorikerin übernahm zum August 2025 die Direktion
des Hannoveraner Traditionshauses.
Cauleen Smith, 1967 an der US-Westküste geboren und dort lebend, arbeitend
wie lehrend, kann man bis zum 11. Januar auch im Kunstmuseum Wolfsburg
begegnen. In der Ausstellung „Utopia. Recht auf Hoffnung“ zeigt ihr gut
22-minütiges Video „Sojourner“ von 2018 ein feministisches Utopia eines
Kollektivs von Women of Colour in der kalifornischen Wüste.
## Texte aus Transistorradios
Auszüge aus dem Manifest des Combahee River Collective von 1977 und andere
Texte ertönen aus Transistorradios. Sie klagten die multiple Unterdrückung
Schwarzer Frauen an und protestierten für Freiheit und Gleichberechtigung.
Smith präsentiert aber nicht einfach ein Video, sondern schafft eine
vielfältige Rauminstallation mit Diskokugeln, Plattenspieler,
Sitzmöglichkeiten, einen Ort zum Austausch.
In der Kestner Gesellschaft bespielt sie alle vier sogenannten Hallen im
Erd- und Obergeschoss. Sie bekommt mit ihren ausgreifenden Video- und
Mixed-Media-Installationen, großen Textilarbeiten – vier Fahnen zieren
bereits die Fassade –, Zeichnungen und massiven Kerzenskulpturen das Haus
spielerisch in den Griff. Und sie sorgt für eine Atmosphäre, die zu
längerem Verweilen einlädt. Denn diese ist nötig, allein eine Stunde dauert
es, die Videos ihrer titelgebenden Trilogie anzuschauen: „My Caldera“
(2022), „Mines to Caves“ (2023) und „The Deep West Assembly“ (2024).
Mit stilistisch unterschiedlichen Mitteln, teils nur abstrakten Farb- und
Klangcollagen, nähert sich Smith dem Natur- wie auch metaphorischen
Phänomen des Vulkanausbruchs: eine enorme Zerstörungskraft und zugleich
eine Katharsis, die Neues entstehen lassen kann. Erstarrende Lavamassen
formten etwa Höhlen, jahrtausendelang elementare Schutzräume für Mensch und
Tier. Sie bestimmten Rhythmus wie Radius, in dem sich diverse Spezies so
effizient wie harmonisch in der Natur bewegten.
Smith konfrontiert diese behütenden Kavernen mit kapitalistisch
ausgebeuteten Minen, jenen zerstörerischen menschlichen Eingriffen, die
einzig der Profitgier dienen. Ihr Plädoyer: Gebt die Minen der Natur
zurück, lasst sie wieder zu Höhlen werden.
## Tiefes Naturverständnis
Ein tiefes Naturverständnis prägt auch ihre Meditationen zu Pflanzen. Sie
werden zu Persönlichkeiten – und Stellvertreterinnen für wichtige
Vorkämpferinnen der Emanzipation und Selbstermächtigung. Wie einst [1][die
feministische Künstlerin Judy Chicago] in ihren 39 symbolischen Gedecken
der „Dinner Party“ bedeutender Frauen gedachte, findet Smith 2024 in ihrem
Video „Home Girls“ für 34 Autorinnen einer Anthologie zu Schwarzem
Feminismus je eine individuell zugeschriebene Blume, bis sich ein
ästhetisch stimmiges Ganzes ergibt.
Acht weitere Videos ihrer 2010 begonnenen [2][Ikebana- und Blumenserie]
sind im Ausstellungsparcours zu entdecken. Eine Tapete mit dem Signet einer
afrikanischen Palme bekleidet zudem eine Wand ihres
Reading-and-Listening-Raums im Erdgeschoss. Smith will hier nicht nur einen
Ort für Gespräche, zum Lesen und Nachdenken für die Besucher:innen
schaffen, sondern mit dieser Indikatorpflanze, die auf Diamantvorkommen im
Boden verweist, ihr großes Thema initiativ ansprechen: die global
ungebremste Ausbeutung aller natürlichen, auch humanen Ressourcen.
Aber statt mit dem moralischen Holzhammer die drohende Apokalypse
anzuklagen, erfindet Cauleen Smith farbenfrohe, optimistische und
assoziationsreiche Bilderzählungen. Ist nicht gar ein aufspringendes
Niedersachsenross unter all dem Nippes ihrer Installation „… we are running
…“? Es sind feine Einladungen, auf eine alternative, bessere Welt nicht nur
zu hoffen.
5 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Feminismus/!5198905
(DIR) [2] /Schau-zu-Ikebana-Kunst-in-Muenchen/!6076623
## AUTOREN
(DIR) Bettina Maria Brosowsky
## TAGS
(DIR) wochentaz
(DIR) Moderne Kunst
(DIR) Kunstmuseum Wolfsburg
(DIR) Videokunst
(DIR) Buch
(DIR) Bildende Kunst
(DIR) Bildende Kunst
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Popjournalismus der 1980er: An der Oberfläche kratzen
Ein Faksimile-Band erinnert an das Magazin „Elaste“, das 1980 in Hannover
entstand. Thema ist es auch in Erika Thomallas Oral History zum
Popjournalismus.
(DIR) Ian Waelder-Ausstellung in Hannover: Nasen der Erinnerung
Nasenförmige Meisenknödel und zerfallene Vaterporträts: In Hannover
verbindet Ian Waelder Innen und Außen der Kestner-Gesellschaft zu einer
Erzählung.
(DIR) Kunstverein Kestner Gesellschaft: Ein Haus im Fluss
Nicht ohne Turbulenzen hat sich Hannovers Kestner Gesellschaft von ihrem
Künstlerischen Leiter Adam Budak getrennt. Die Nachfolge-Suche läuft.