# taz.de -- Wünsche für das neue Jahr: Gemeinsam durch unsichere Zeiten
       
       > Eine deutsche Gesellschaft, die Entsolidarisierung nicht passiv erduldet,
       > sondern aktiv die Zukunft gestaltet – das wünscht sich unser Autor für
       > 2026.
       
 (IMG) Bild: Aeham Ahmad, der durch sein Klavierspiel in den Ruinen eines Stadtviertels von Damaskus zum YouTube-Star wurde, spielt in Marburg
       
       An einem halb sonnigen Tag im Dezember sitze ich im Zug und fahre von
       Hamburg nach Bayern, um meine Familie zu besuchen und mit ihr die Tage
       zwischen den Jahren zu verbringen. Während die ziemlich schöne, frostige
       Landschaft vorbeizieht, kann ich meine Gedanken noch nicht ganz von der
       Arbeit, den E-Mails und meiner gigantischen To-do-Liste lösen. Ich sehe
       eine E-Mail der taz-Redaktion, in der mir angeboten wird, über meine
       Wünsche für 2026 zu schreiben.
       
       Erst denke ich an die große Bühne: Ich sollte wohl über die Lage der Nation
       schreiben, oder? Über eine grandiose Vision für Europa? Ich blicke meine
       Frau an, sie rollt mit den Augen. Also schaue ich aus dem Zugfenster und
       denke an das Persönliche: Gesundheit. Hoffnung. Vertrauen. Dinge, die man
       erst vermisst, wenn sie fehlen. Doch während der Zug weiterruckelt, frage
       ich mich, wie eng diese persönlichen Wünsche mit dem Zustand der
       Gesellschaft verbunden sind. Denn Hoffnung ist nichts rein Privates, oder?
       Sie wächst oder schrumpft im öffentlichen Raum.
       
       Ich weiß aus meiner persönlichen Geschichte genau, wie schnell Gewissheiten
       und Sicherheiten verschwinden können. Hoffnung ist für mich kein abstrakter
       Begriff, sondern etwas, das ich verloren und wieder neu zusammensetzen
       musste. Deshalb wünsche ich mir für 2026 zuerst solche ganz einfachen
       Dinge, für uns alle im Einzelnen und in der Gesellschaft. Allerdings weiß
       ich auch, wie schwer greifbar Hoffnung oder Vertrauen sind, wenn man
       versucht, sie auf gesellschaftlicher Ebene wiederherzustellen.
       
       Meine Geschichte hängt vielleicht auch mit dem viel genannten
       Vertrauensverlust in der deutschen Gesellschaft zusammen. Am Anfang war ich
       eines von vielen Gesichtern, die 2015 ankamen, in einer Zeit, die chaotisch
       und auch anstrengend war. Hat mich damals jemand in Hamburg herumlaufen
       gesehen und dabei gedacht, [1][der sollte nicht hier sein?]
       
       ## Sätze, die mich persönlich treffen
       
       Ich erinnere mich an das Ankommen, das Fremdsein, die vielen Fragen, das
       Umgebensein von einer Sprache, die für mich unbeherrschbar schien. Aber ich
       erinnere mich auch an eine Offenheit, die heute nicht mehr so oft erwähnt
       wird. Damals wurde nicht alles richtig gemacht, das wissen wohl alle
       Beteiligten. Aber vieles wurde überhaupt erst möglich gemacht von Millionen
       von Menschen, die freiwillig Zeit, Geld, Netzwerke und ihr Zuhause zur
       Verfügung stellten.
       
       Heute höre ich Sätze, die mich persönlich treffen. Wenn in Landtagen gesagt
       wird, Syrer seien undankbar. Wenn pauschal von [2][„Rückführung“]
       gesprochen wird, als ginge es um Aktenordner und nicht um Menschen. Wenn
       Abschiebung als einfache Antwort auf komplexe Fragen verkauft wird. Dabei
       geht um Biografien wie meine, mit dem Unterschied, dass ich bereits 2014
       vor Krieg und Verfolgung fliehen musste, nicht 2024. Ich wünsche mir für
       das kommende Jahr, dass wir uns daran erinnern, dass auch die
       Abzuschiebenden und die Geduldeten ihre Hoffnung verlieren können.
       
       Seit den Krisen der letzten Jahre – Pandemie, Krieg in der Ukraine,
       Wirtschaftskrise, Demokratieabbau – sagen mir viele, dass wir müde geworden
       seien. Die Geduld sei weniger geworden, die Bereitschaft, sich in andere
       hineinzuversetzen, auch. Und so komme ich in meinen Gedanken doch wieder
       bei einer Vision an. Einer Richtung für unsere Gesellschaft, die verbindet,
       die mehr ist als Krisenmanagement. Dafür brauchen wir ehrliche Gespräche
       über Herausforderungen und Zumutungen, aber auch über Möglichkeiten und
       Ziele.
       
       Somit wünsche ich mir also neben Gesundheit, Hoffnung und Vertrauen auch
       eine mutigere deutsche Politik. Politiker*innen, die den Mut haben, eine
       Vision zu formulieren, die über Vierjahrespopulismus hinausgeht. Die uns
       ermöglicht, füreinander und [3][miteinander Verantwortung zu übernehmen,]
       und daraus Gefühle der Sicherheit entstehen lässt.
       
       Für 2026 wünsche ich mir, dass die Gesellschaft wieder sichtbarer wird, in
       der Menschen mit ähnlichen oder unterschiedlichen Hintergrundgeschichten
       nicht nur geduldet werden, sondern selbstbewusst dazugehören. Eine
       Gesellschaft, die sich daran erinnert, dass Solidarität und Mitgefühl keine
       Ausnahmezustände sind, sondern die Basis für unsere zukünftige Stärke.
       
       Vielleicht ist das meine Vorstellung von Zusammenhalt im Jahr 2026:
       gemeinsam durch Unsicherheit zu gehen – und sich trotzdem nicht voneinander
       abzuwenden.
       
       4 Jan 2026
       
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