# taz.de -- Trotz chaotischem Verkehr: Mit dem Rad durch Bogotá
> In der kolumbianischen Hauptstadt können Menschen kostenlos Fahrradfahren
> lernen. Zu Besuch in einer Radschule, die die Gesellschaft verändern
> will.
(IMG) Bild: Bogota ist die „Weltfahrradhauptstadt“
Daniel hält den Lenker des roten Fahrrads und stößt sich mit den Füßen ab.
An den Plastikhütchen entlang, den anderen Kindern und dem Mann mit dem
breiten Sonnenhut hinterher. Die Pedale sind abgeschraubt, vorerst. Unter
den Kindern ist der Junge mit den dunklen Haaren der Größte. Geradeaus
schubsen, wie ein Laufrad. Dann um die Ecke und wieder geradeaus. Plopp,
ein Hütchen muss dran glauben.
Es ist Daniels zweite Unterrichtsstunde hier im Park. Auf einer der Bänke
im Schatten sitzt seine Mutter. Es ist Ferienzeit in der kolumbianischen
Hauptstadt. Da können die Kinder auch unter der Woche in die Fahrradschule
kommen.
Der Distriktpark Alfonso López hat im Vergleich zum Rest der Stadt
ungewöhnlich viele hohe Bäume. Im Park, der nur einen Häuserblock lang und
breit ist, drängen sich unter anderem: ein Kinderspielplatz, ein
Basketballplatz und ein Fußballfeld – und ein rötlich gepflasterter Platz.
In dessen Ecke steht ein bunt besprühter Container. Escuela de la bici
steht drauf, Fahrradschule.
Die Fahrradschule ist ein Angebot der Stadt Bogotá, genauer gesagt des Amts
für Freizeit und Sport. Außer sonntags öffnet sie täglich von 8 bis 16 Uhr.
Dann sind der Mechaniker und die Lehrkräfte da, holen die Räder aus dem
Container – vom Kleinkindrad bis zum Erwachsenenmodell. Jede volle Stunde
beginnt der Unterricht. Alles kostenlos.
## Auf dem Rad fühle ich mich größer
Vor einem Jahr bekam Daniel ein Fahrrad zu Weihnachten. Seine Eltern und
die Schwestern übten mit ihm, aber es klappte nicht. Dann sah er ein paar
ältere Frauen in der Fahrradschule und wollte es nochmal versuchen. „Ich
will das lernen, damit Papa stolz auf mich ist“, sagt der Zehnjährige. Aber
nicht nur. „Auf dem Rad fühle ich mich größer und kann mich viel schneller
bewegen.“
Früher lag bergeweise Müll im Park, Obdachlose durchwühlten die Abfälle,
Menschen konsumierten Alkohol und Drogen, auch tagsüber. Dann, vor
zweieinhalb Jahren, stellte das Sportamt den Container mit der
Fahrradschule auf, und auf einmal tat sich etwas. Bewohner:innen fingen
an, mit Mitarbeiter:innen des Botanischen Gartens Blumenbeete
anzulegen. Sozialarbeiter:innen sprachen mit den Obdachlosen. Diese
halfen mit, um den Müll unter Kontrolle zu bekommen, und viele suchten sich
zum Konsumieren andere Ort. Man sah nun Anwohner:innen, die ihren Park
verschönerten, berichtet Steffania Alonso. Sie ist eine der
Koordinatorinnen des Programms „Bogotá mit dem Rad“ beim Sportamt.
Bogotá hat eine der besten Radinfrastrukturen der Welt, sagt Alonso. Daher
der Beiname „Weltfahrradhauptstadt“. Das hat mit den Radwegen zu tun, die
[1][in der Pandemie ausgebaut] wurden. Und mit der Ciclovía, so heißt die
Fahrradroute, für die an Sonn- und Feiertagen Teile der Straßen gesperrt
werden. Mit der Idee war Bogotá in den 70ern die erste Stadt weltweit. Doch
der Verkehr ist immer noch chaotisch.
Heute stehen an 39 Orten im Stadtgebiet fixe Container. Dazu kommen 14
mobile Standorte. Etwa 86 Prozent der Nutzer:innen sind Frauen. Und wenn
nicht gerade Ferienzeit ist und sich Kinder im Radeln üben, sind etwa 80
Prozent mindestens 60 Jahre alt. Dass viele Frauen erst so spät Radfahren
lernen, habe mit Sexismus und Vorurteilen zu tun, die in ihrer Generation
verbreitet waren. „Fahrräder waren nichts für Frauen, diese gehörten nach
Hause. Als Mädchen hatten sie kein Rad, später verbot es der Mann“, sagt
Fahrradlehrer Alexander Ramirez.
In den letzten Minuten der Unterrichtsstunde tritt Daniel zum ersten Mal in
die angeschraubten Pedale. Er wackelt leicht beim Bremsen, fängt sich aber
mit den Beinen. „Wie cool, mein Schatz“, ruft seine Mutter. Lili Pedeaña
ist Künstlerin und fährt mit dem Rad zur Arbeit. Dass ihr Sohn sich wie sie
in den Verkehr der 8-Millionen-Stadt stürzen könnte, macht ihr etwas Angst.
Aber sie träumt davon, mit der Familie auf der Ciclovía zu fahren. „Ein
bisschen fehlt noch“, sagt Daniel. „Aber ich denke, in dieser Woche werde
ich es lernen.“
4 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katharina Wojczenko
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