# taz.de -- Nachts im Museum: Kleine Taschenlampe, brenn
       
       > Im Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museum wird nachts das Licht
       > ausgeknipst. Bei Taschenlampenführungen sind auch Mumien zu entdecken.
       
 (IMG) Bild: Schaustück im Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museum: ein mumifiziertes Krokodil
       
       Staatliche Museen sind irgendwie beruhigende Orte. In gut gepflegten
       Monumentalbauten stehen sie in den Innenstädten, haben Geschichte intus
       oder Kunst, beides Dinge, von denen keine Gefahr ausgeht, weil
       katalogisiert, kanonisiert, analysiert und in der Regel bereits vergangen.
       
       In Hildesheim zum Beispiel mag die Fußgängerzone hart kämpfen gegen
       Verödung, aber das [1][Roemer- und Pelizaeus-Museum] (RPM) ist
       angeschlossen an den beleuchteten, aus Granitplatten gebauten Spazierweg
       namens „Welterbeband“, der Ortsfremde zu den Sehenswürdigkeiten führt, die
       sonst nicht so leicht zu finden sind in dieser [2][Stadt der vielen
       Kriegsnarben.]
       
       Fast niemand ist mehr da im großzügigen Museumsfoyer, kein Wunder, die
       Besuchszeit ist vorbei. Nach und nach kommen dennoch Menschen von der
       Garderobe zum Kassenhäuschen, zehn sind es, darunter zwei Kinder, von denen
       eines weiß, was es will: Mumien sehen, und zwar im Dunklen, beschienen nur
       von einer Taschenlampe.
       
       Taschenlampenführungen sind nichts ganz Neues, es gibt sie auch an anderen
       Häusern. Im RPM bekommt an diesem späten Nachmittag jede*r
       Teilnehmer*in eine eigene Lampe und das sonstige Licht bleibt aus. Das
       wirkt, als wären es zehn Taschenlampen, die, Menschen hinter sich
       herziehend, aufbrechen zu dieser Führung der Museumspädagogin Josefine
       Neidhardt durch dieses Museum, in dem sich die zweitgrößte
       [3][Altägpytensammlung] Deutschlands befindet.
       
       Der Weg in die Dunkelheit führt über die imposante Treppe im Inneren des
       Neubaus, die an eine Pyramide erinnert – die Stufen leuchten in hellem
       Braun. Im Ausstellungssaal mit den hohen Decken sitzt dann Hemiunu, Prinz
       der altägyptischen 4. Dynastie und höchstwahrscheinlich Erbauer der
       Cheobspyramide, hier anwesend als 4.500 Jahre alte Statue. Als solche hat
       Himiunu Brüste – das ist in den Lichtkegeln der Taschenlampen gut zu
       erkennen. Altägyptische Queerness? Nein, er ist lediglich „dick abgebildet,
       damit er im Jenseits keine Notwendigkeit hat, hart zu arbeiten“, sagt
       Museumspädagogin Neidhardt.
       
       Überhaupt, das Jenseits. Grabkammern, Totengott, Sarkophage, Schreintüren –
       das Jenseits ist der Ort, um den sich alles dreht bei diesem Rundgang. Die
       Exponate gehören zum ersten Teil der neu konzipierten Dauerausstellung. Der
       zweite Teil wird erst noch eröffnet. Das Museum hat sich für die
       Zweiteilung entschieden, nachdem es Anfang November 2023 [4][einen Einbruch
       gab], die Versicherung die Versicherungssumme gedeckelt hat und nun
       spezielle [5][Sicherheitsvitrinen angeschafft werden müssen.] 
       
       Dementsprechend darf niemand allein unterwegs sein zwischen den Exponaten.
       Außerdem sind vom Museum zwei Mitarbeiterinnen dabei – die Museumpädagogin
       und eine Kollegin zur Aufsicht.
       
       Taschenlampenführung heißt auch: Die Lichtkegel zeigen, wo die Leute
       hinschauen. Bei dieser Gruppe folgen die Lichtkegel sehr diszipliniert dem
       Inhalt der Führung, die Taschenlampen sind wie Pointer auf den
       Reliefplatten. Mitunter werfen Objekte wie das Schiffsmodell, das den
       Ägyptern die Reise ins Jenseits veranschaulichte, schöne Schatten an die
       Wand. Und dann geht es ans Eingemachte: die Mumien.
       
       Eine davon liegt in einer Glasvitrine und ist – ein Krokodil. Mumifiziert
       wurde es im alten Ägypten in dem Glauben, dass ein Gott in ihm steckt. Von
       einer anderen Mumie ist nur die Mumienhülle ausgestellt, also eine Art Sarg
       mit einem aufgemalten Gesicht. Null gruselig. Der kleine Junge mit dem
       Mumieninteresse kommt nicht so recht auf seine Kosten. Vielleicht hat ihm
       aber auch die Information gereicht, wie die Ägypter die Mumifizierung
       bewerkstelligten – mit Entnahme der Organe und einem Hirn, das durch die
       Nase abfließt.
       
       Zurück im Diesseits gibt es einen Werbeblock für weitere Veranstaltungen
       außerhalb des Regelbetriebs. Mit den Taschenlampenführungen ist es vorbei,
       sobald das Tageslicht die vorabendliche Dunkelheit vertreibt. Dafür gibt es
       zum Beispiel einmal im Monat Yoga vor wechselnden Gräbern, Göttinnen oder
       Baumeistern. Oder auch ein thematisches 3-Gänge-Menü im Anschluss an eine
       Führung: „Quinoa, Kartoffel und Kürbis: Essen in Alt-Peru“.
       
       13 Jan 2026
       
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