# taz.de -- Graphic Novel über Jane Austen: Beschränkungen durch die Etikette
       
       > Janine Barchas und Isabel Greenberg zeichnen in einer empfehlenswerten
       > Graphic Novel Jane Austens Leben nach. Zentral sind die
       > Geschlechterrollen.
       
 (IMG) Bild: Höchste Empfindsamkeit: Janine Barchas übernimmt Jane Austens Ton
       
       Ihr feinziselierter Humor lässt schmunzeln, der Sarkasmus, mit dem sie die
       Unzulänglichkeiten ihrer Charaktere sichtbar macht, sie aber nie zur Schau
       stellt. Zugleich beeindruckt die scheinbare Leichtigkeit, mit der sie die
       Geschlechterungerechtigkeit ihrer Zeit an den Pranger stellt, ohne die
       Etikette zu verletzen.
       
       Sie war eine Frauenrechtlerin avant la lettre, in jedem ihrer Romane
       thematisiert sie das absurde Erbrecht, das ausschließlich männliche
       Nachfahren bedenkt und Töchter zwingt, aus rein wirtschaftlichen Gründen zu
       heiraten. Andere Beschränkungen durch die Etikette – Autorin zu sein, ist
       unschicklich, eine Frau darf bei öffentlichen Veranstaltungen nur mit einem
       Mann tanzen, wenn sie einander offiziell vorgestellt wurden – wirken
       dagegen fast unwesentlich, haben den weiblichen Alltag dennoch dominiert.
       
       Janine Barchas fokussiert in „Jane Austen – Ihr Leben als Graphic Novel“
       die zugewiesenen Geschlechterrollen. Klasse, Austens anderes großes Thema,
       schwingt unweigerlich mit. Die an der University of Texas lehrende
       Austen-Expertin Barchas erzählt [1][Austens Leben] in drei Teilen.
       
       Der erste Teil „Aufstrebende Autorin 1796–1797“ stellt die Familie Austen
       als sich wertschätzende Gemeinschaft vor, der Umgangston ist liebevoll,
       Ironie und Sprachwitz ein wichtiger Bestandteil der Kommunikation. Jane
       wird als gewitzte, uneitle junge Frau vorgestellt, die schreiben muss. Ihre
       Schwester Cassandra ist im Malen begabt, sieht sich aber zweifellos als
       Hobbymalerin.
       
       Im zweiten, „Erfolglose Künstlerin 1801–1809“ betitelten Teil geht es nicht
       nur um schriftstellerische Rückschläge – Austen verkauft zwar ein
       Manuskript an einen Buchhändler, der es aber nicht veröffentlicht –,
       sondern auch um persönliche. Aus Kostengründen – und auch weil Austens
       Vater sich wohl doch erhofft, seine unverheirateten Töchter noch unter die
       rettende Haube zu bringen – zieht die Familie nach Bath. Dort wird sich
       nicht wohlgefühlt. In Aussicht stehende Erbschaften und die hoffentlich
       mildtätige Verwandtschaft werden offen diskutiert. Wie in Austens Romanen
       geschieht dies sachlich und mit Anstand.
       
       Barchas übernimmt nicht nur den Ton der Austen-Romane – Eva Bonné führt in
       ihrer Übersetzung den Ton der bekannten Austen-Übertragungen von Andrea Ott
       weiter –, sie fügt vielfach Zitate aus den Romanen und zeitgenössische
       Begebenheiten und Fakten ein, die entweder direkt im Text oder im
       detaillierten Glossar erläutert werden.
       
       Dass Frank Austen, Janes Bruder, nähen kann und es auch tut, wirft ein
       Schlaglicht auf das Genderverständnis in der Familie – wenngleich sie ein
       konventionskonformes Leben führt. Der dritte und letzte Teil beleuchtet die
       „Veröffentlichte Autorin 1809–1817“ und ihre sorgloseren Jahre [2][in
       Chawton,] die schriftstellerische Erfolge zeitigen.
       
       ## Geforderte und eingehaltene Konventionen
       
       Verbildlicht werden die leichtfüßig erzählten Episoden aus dem Leben der
       Familie Austen von der Londoner Illustratorin Isabel Greenberg, die die
       gestalterischen Möglichkeiten des Mediums Graphic Novel vortrefflich nutzt.
       Um das in vorgegebenen Bahnen und deshalb eintönige Leben Jane Austens zu
       veranschaulichen, hat sie sich für eine monochrome gelb-blaue Farbgebung
       entschieden.
       
       Ausgenommen die Momente, in denen Janes Fantasie sie beflügelt: Sie
       erscheinen in leuchtendem Rot. Ihre federleichten Zeichnungen entsprechen
       auch überhaupt nicht gängigen Ideen von weiblicher Anmut. Ihre Gesichter
       sind eckig und ulkig verschoben, aber immer freundlich und sympathisch.
       Hiermit verdeutlicht sie auch die Diskrepanz zwischen geforderten und
       eingehaltenen Konventionen.
       
       Welchen Beitrag Austen dafür geleistet hat, dass die Dinge sich i[3][n den
       vergangenen 200 Jahren] doch geändert haben, ist schwer einzuschätzen. Aber
       bedenkt man, dass auch heutzutage von institutioneller Gleichberechtigung
       von Männern und Frauen nicht die Rede sein kann, ist Jane Austen aktuell
       wie zu ihren Lebzeiten.
       
       15 Dec 2025
       
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