# taz.de -- Ausstellung zu jüdischer Islamforschung: Die Geschichte war verwoben
> Die Ausstellung „Die Morgenländer“ in Hohenems ist lehrreich. Sie zeigt,
> was den jüdischen Blick auf den Orient im 19. Jahrhundert bedeutend
> machte.
(IMG) Bild: Die Nofretete – mit Make-up von Loni Baur westlich inszeniert und nun in Hohenems zu sehen
Im Foyer des Jüdischen Museums im österreichischen Hohenems hängen acht
Fotografien. Rechts [1][viermal Nofretete.] Farbig, poppig, mal mit grellem
Make-up, mal mit Silberschmuck. Eine Stilikone, 3.500 Jahre alt. Vis-à-vis
sieht man vier historische Männerporträts, Fotos von europäischen Juden mit
morgenländischem Outfit, Turban und osmanischem Gewand.
Die Nofretete ist ein orientalisches Bild, das verwestlicht inszeniert ist
– die vier Männerporträts zeigen Westler, die orientalisiert auftreten. Die
Grenzen verschwimmen.
Der Orient ist, laut Edward Said, ein von westlichen Projektionen
überschriebener Raum. Die Ausstellung „Die Morgenländer“ reinszeniert Saids
[2][Kritik des Orientalismus] nicht – sie wählt einen anderen,
deutsch-jüdischen Blick. Jüdische Gelehrte wie Abraham Geiger und Ignaz
Goldziher prägten im 19. Jahrhundert das Verständnis des Islam, ja sie
schufen überhaupt erst dessen wissenschaftliche Grundlage.
Ignaz Goldziher, geboren 1850, reiste nach Damaskus. Nach einem
Freitagsgebet in einer Moschee schrieb er: „Ich war innerlich überzeugt,
dass ich selbst Muslim war.“
## Ein Goldenes Zeitalter
Der jüdische Blick auf den Orient unterschied sich von dem europäischen: Er
suchte Bekanntes, eigene Wurzeln, Selbstvergewisserung. Der Islam erschien
jüdischen Forschern im 19. Jahrhundert nicht als rückständig, sondern als
verheißungsvolle Erinnerung an ein Goldenes Zeitalter, an die kreative
jüdisch-islamische Synergie in Spanien vor der Vertreibung der Juden 1492.
Al-Andalus war das Gegenbild zu dem stickigen christlichen Antisemitismus.
Auch deshalb ähnelt die Große Synagoge in Berlin in der Oranienburger
Straße übrigens einem maurischen Sakralbau. Die Vossische Zeitung vermerkte
bei deren Einweihung 1866 verzückt deren „Arabeskenkranz von feenhafter,
überirdischer Wirkung“.
Die US-Religionswissenschaftlerin Susannah Heschel bringt die jüdische
Sehnsucht nach dem Morgenland in einem lesenswerten Aufsatz in dem
Ausstellungskatalog mit einem prägnanten Zitat auf den Punkt: „Der Islam
hat das jüdische Volk gerettet.“ Das sagte 1958 der Islamwissenschaftler
und Historiker Shlomo Dov Goitein, 1900 in Deutschland als Fritz Goitein
geboren.
Kurzum: Im jüdischen Blick auf den Orient im 19. Jahrhundert findet man
nicht die Mischung aus Exotismus und Gewalt, die den europäischen
kennzeichnet, sondern eine Bewegung, die zwischen Traditionserkundung und
gegenwärtiger Identitätssuche oszilliert.
## Sprachvirtuose Gelehrte
Die Ausstellung allerdings will nicht auf Thesen hinaus. Geiger und
Goldziher kommen nur am Rande vor. „Die Morgenländer“ will zeigen, nicht
beweisen und angesichts von auf engem Raum versammelten überbordenden
Geschichten und Biografien visuell ansprechend wirken. Die Wände des
Hauptraumes schmückt das Bühnenbild von Carl Goldmarks Oper „Die König von
Saba“, ein gelbgetönter exotistischer Traum, in dem das spezifisch Jüdische
allerdings eher verschattet wirkt.
Nach den sprachvirtuosen jüdischen Gelehrten des 19. Jahrhunderts, die
Koran und Islam erforschten, betrat im frühen 20. Jahrhundert mit dem
deutschen Kolonialismus ein neuer deutsch-jüdischer Typus die orientalische
Bühne: eine Mixtur von Abenteurer, Diplomat und Forscher. So wie Max von
Oppenheim.
Oppenheim, geboren 1860 in Köln, war Orientalist, Archäologe, Diplomat,
Musikethnologe. Zu hören sind Flöten, die er 1913 in Nahost aufnahm, zu
sehen ein Seidenmantel und Fliesen aus Syrien aus seinem Besitz. Ein Foto
im Foyer zeigt ihn mit weißem Turban.
Oppenheim entdeckte [3][Tell Halaf,] den Palast eines versunkenen
aramäischen Königreichs, schaffte die gewaltigen Basaltfiguren nach Berlin,
wo sie im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges später beschädigt wurden. Er
war ein deutscher Lawrence von Arabien, faszinierend und ruchlos in der
Vertretung deutscher Interessen. Er gab die Zeitschrift El Dschihad heraus,
mit der im Ersten Weltkrieg Muslime für das Kaiserreich agitiert wurden.
Für polyglotte Orientexperten, die Arabisch und Osmanisch sprachen, Kultur
und Machtstrukturen verstanden, war der Weg zum Einflussagenten im
imperialen Spiel kurz.
## Vorfahren von Indiana Jones
Auf einem anderen Foto sieht man die deutschen Juden Otto Rubensohn und
Ludwig Borchardt. Sie posieren in Ägypten vor einem Grabeingang, mit
Lederschaftstiefeln, Tropenhelm und dem lässigen, selbstsicheren Blick von
Vertretern überlegener Kulturen. Vorfahren von Indiana Jones. Borchardt
entdeckte 1912 die Büste der Nofretete. Im ausgestellten Grabtagebuch
notierte er lakonisch-fasziniert die berühmte Sentenz: „Beschreiben nutzt
nichts. Anschauen.“
Die deutsch-jüdische Orientalistik endete in blutigem Untergang. Die Nazis
jagten jüdische Forscher aus dem Land. Sie wurden ermordet und in den
Suizid getrieben. Borchardt, Entdecker der Nofretete, starb 1938 auf der
Flucht vor den Nazis in Kairo. Oppenheim, eine der seltsamsten Figuren
dieses Ensembles, versuchte sich 1938 bei den Nazis mit dem Vorschlag
anzudienen, die Araber unter Führung des berüchtigten Mufti von Jerusalem
al-Husseini gegen die Briten aufzustacheln.
Edward Saids scharfe Kritik des westlichen Orientalismus richtet sich vor
allem gegen dessen britische und französische Fassungen. Für die Geschichte
der deutsch-jüdischen Orientalistik trifft Saids Analyse nicht in gleichem
Maße zu, auch wenn mit Wilhelminismus und Kolonialismus der besondere
jüdische Blick ausbleichte.
Die Konfrontation zwischen Juden und Muslimen wirkt nach dem 7. Oktober und
dem Krieg gegen Gaza verhärtet wie nie. Die Rechtsextremen in Israel halten
ein Zusammenleben mit Palästinensern für unmöglich. Solche
Essenzialisierungen führen in die Logik des Terrors: Wir oder sie.
Diese kleine, geistreiche Ausstellung öffnet ein Fenster. Sie illustriert,
dass das Judentum mit dem Islam eine verwobene Geschichte teilt, dass es
anders war und werden kann. Ein Rückblick nach vorne. Auf mehr ist nicht zu
hoffen.
8 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Stefan Reinecke
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