# taz.de -- Von Israel besetztes Westjordanland: Hinrichtung mit Augenzeugen
       
       > Bei einem Einsatz im Westjordanland erschießen israelische Soldaten zwei
       > unbewaffnete Männer. Aufnahmen von diesem Vorfall sorgen für Empörung.
       
 (IMG) Bild: Israelische Soldaten während einer Razzia in der Stadt Tubas im Westjordanland
       
       Zwei Männer kriechen unter einem gebrochenen Rolltor aus einem Gebäude
       heraus. Vor ihnen stehen zwei Soldaten, zwei weitere warten neben dem
       Bagger mit ausgestrecktem Stiel. Die Männer ziehen ihre Pullover hoch, sie
       sind offenbar unbewaffnet. Die Soldaten bedeuten ihnen, ins Gebäude
       zurückzukehren. Mindestens ein Soldat geht in Stellung und zielt mit einem
       Maschinengewehr auf sie. Dann fallen die Schüsse, während die Männer zu
       Boden fallen.
       
       Das Video, das von einem Journalisten des Senders Al-Ghad aus der
       Entfernung aufgenommen wurde, zeigt eine mutmaßliche Hinrichtung zweier
       Palästinenser durch israelische Soldaten in Dschenin und hat eine Welle der
       Empörung im Westjordanland ausgelöst.
       
       Das israelische Militär hat später mitgeteilt, bei den Getöteten handele es
       sich um zwei Gesuchte, die Verbindungen zu einem Terrornetzwerk gehabt
       hätten. Diese hätten sich in dem Gebäude verschanzt und seien erst nach
       einigen Stunden und dem Einsatz des Baggers herausgetreten. Dann hätte man
       auf sie geschossen. Das Militär hat nach eigenen Angaben eine Untersuchung
       des Vorfalls eingeleitet.
       
       ## Israels Armee kündigt Untersuchung an
       
       Auf palästinensischer Seite herrscht wenig Hoffnung auf Gerechtigkeit.
       Dschenins Gouverneur Kamal Abu al-Rub sprach im Gespräch mit der
       Nachrichtenagentur Reuters von einer „kaltblutigen Hinrichtung“ der zwei
       Männer, die unbewaffnet waren und sich ergeben hatten. Er hegt Zweifel
       daran, dass die Tat fair verfolgt wird. Mehr als 1.000
       Palästinenser*innen sind seit dem 7. Oktober von israelischen
       Streitkräften oder Siedlern getötet worden – die meisten davon im
       Flüchtlingslager Dschenin. Das zeigen Daten des Büros für die Koordinierung
       humanitärer Angelegenheiten der Vereinten Nationen. Das israelische Militär
       spricht in vielen Fällen von getöteten Terroristen.
       
       [1][Die Gewalt im Westjordanland nimmt seit Monaten zu]. Die israelische
       Armee hat dort [2][über 30 000 Menschen aus ihren Häusern vertrieben], die
       [3][Übergriffe durch Siedler haben einen Höchststand erreicht]. Doch über
       [4][90 Prozent aller Untersuchungen von Straftaten an
       Palästinenser*innen enden ohne Anklage], hat die israelische NGO Yesh
       Din errechnet.
       
       Die Palästinensische Autonomiebehörde hat die zwei Männer, die jetzt
       getötet wurden, inzwischen identifiziert. Sie waren 26 beziehungsweise 37
       Jahre alt. Sie wirft dem israelischen Militär vor, die beiden unrechtmäßig
       hingerichtet zu haben. Es handele sich um ein „vollständig dokumentiertes
       Kriegsverbrechen, um eine eklatante Verletzung jeglicher Gesetze,
       internationalen Übereinkünfte, Normen und menschlichen Werte“, so die
       Behörde.
       
       Ganz anders sieht es [5][Israels rechtsextremer Sicherheitsminister Itamar
       Ben-Gvir]. In einem Post auf X, ehemals Twitter, erklärte er: „Volle
       Unterstützung für die IDF-Streitkräfte, die auf gesuchte Terroristen
       feuerten, welche in Dschenin aus einem Gebäude herauskamen. Die Kämpfer
       handelten genau so, wie es von ihnen erwartet wird – Terroristen müssen
       sterben!“.
       
       ## Die Stadt Tubas wird belagert
       
       In mehreren Städten des Westjordanlands, vor allem in Tubas, ist das
       israelische Militär seit Tagen im Einsatz. Die Armee spricht von
       „Operationen gegen den Terror“. Die über 20 000 Einwohner zählende Stadt
       Tubas, nördlich von Nablus gelegen, wird seitdem belagert.
       
       Der Direktor der dortigen Handelskammer, Maan Sawafteh, berichtet,
       Zufahrtsstraßen seien gesperrt und mehrere Familien aufgefordert worden,
       ihre Häuser zu verlassen. Straßen, Wasser- und Stromleitungen seien
       zerstört worden. Eine Ausgangssperre hindere die Einwohner*innen daran,
       Grundmittel zu kaufen, Farmer*innen müssten ihre Arbeit einstellen.
       „Eine solche Lage hatten wir seit 2002 nicht gehabt, mit
       Apache-Helikoptern, die abfeuern und Panik unter Kindern verursachen.“
       
       Kritiker*innen befürchten, die Militäreinsätze und die Belagerungen
       seien Teil einer Strategie, um das Westjordanland schrittweise zu
       annektieren. Ein von ultrarechten Politikern im israelischen Parlament
       vorangetriebene [6][Gesetzentwurf zur Annexion des Westjordanlands] wurde
       Ende Oktober vom israelischen Parlament vorläufig angenommen, er überstand
       die Vorablesung. Premierminister Benjamin Netanyahu hatte sich bisher gegen
       eine Annexion ausgesprochen. Auch die USA und Deutschland lehnen sie strikt
       ab.
       
       28 Nov 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Siedlergewalt-im-Westjordanland/!6129845
 (DIR) [2] /Gewalt-im-Westjordanland/!6131466
 (DIR) [3] /Siedlergewalt-im-Westjordanland/!6122590
 (DIR) [4] /Siedlergewalt-im-Westjordanland/!6122590
 (DIR) [5] /Sanktionen-gegen-israelische-Minister/!6093605
 (DIR) [6] /US-Vize-und-Aussenminister-in-Israel/!6123875
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Serena Bilanceri
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Westjordanland
 (DIR) Israel
 (DIR) Palästina
 (DIR) Besatzung
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Nahost-Debatten
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Siedlergewalt im Westjordanland: Mehr als zwei Angriffe pro Tag
       
       Das israelische Militär selbst dokumentierte im Jahr 2025 insgesamt 867
       Angriffe von Siedlern auf Palästinenser. Selten werden die Täter
       verurteilt.
       
 (DIR) Gewalt im Westjordanland: Siedler greifen Aktivist*innen an
       
       In einem palästinensischen Dorf sollen israelische Siedler:innen drei
       Italiener und eine Kanadierin zusammengeschlagen haben. Ein Aktivist
       berichtet.
       
 (DIR) Gewalt im Westjordanland: Mit dem Bulldozer durch die Camps
       
       Ein neuer Bericht von Human Rights Watch wirft Israel Kriegsverbrechen in
       den Flüchtlingslagern des Westjordanlands vor. Mindestens 850 Häuser sind
       nicht mehr bewohnbar.
       
 (DIR) Siedlergewalt im Westjordanland: Es gilt das Recht des Stärkeren
       
       Seit Jahren ist das Leben im Westjordanland von Gewalt und Unrecht geprägt.
       Die Lage spitzt sich immer weiter zu – und kaum jemand schaut hin.
       
 (DIR) Protest gegen Gewalt im Westjordanland: „Wir lassen uns nicht abschrecken“
       
       Aktivisten aus Israel wollten palästinensische Bauern vor Angriffen
       schützen. Am Checkpoint werden sie aufgehalten – und protestieren einfach
       dort.