# taz.de -- „Kunstseidenes Mädchen“ mit Puppen: Trügerische Selbstbestimmung
> Beladen mit existenzieller Trauer: Irmgard Keuns Großstadtroman „Das
> kunstseidene Mädchen“ wird in Bremen mit Menschen und Puppen inszeniert.
(IMG) Bild: Anna Stieblich als Irmgard Keun (links)
Auf ins [1][Babylon Berlin]. Wo sich Gratwanderer am Abgrund des
Nationalsozialismus den Vergnügungen glitzernder Tanzpaläste und
drogenseliger Bars hingeben, glühende Intellektualität in Literaturcafés
feiern oder im Glamour der Mode und des Kinos sonnen. So möchte auch „Das
kunstseidenen Mädchen“ von Irmgard Keun ihre Lebenslust ungehemmt von
Konventionen und moralischen Korsetts in Taten umsetzen.
Für diese Abenteuer hat das „Mensch, Puppe!“-Team das intime
Kellertheater-Ambiente der eigenen Spielstätte verlassen. Aufgrund der
finanziellen Unterstützung durch die [2][Arbeitnehmerkammer Bremen] und des
Wunsches, mit ihrer Kunst raus in die Stadt zu gehen, gastiert die Premiere
des Keun-Stoffes auf einem offenen Podium im charmefreien
Multifunktionssaal der Kammer. Aber wenn das Licht verlöscht, lässt der
Zauber des Schau- und Puppenspiels den Ort vergessen.
## Rauschhaftes Ringen um Identität
„Ich möchte gern furchtbar glücklich sein“, sagt Irmgard Keun. „Ich will
ein Glanz werden“, so beschreibt das kunstseidene Mädchen Doris sein
Hochhinauswollen aus piefiger Kleinbürgerlichkeit. Mit diesen Mantras
stellt Regisseur Philip Stemann die Autorin der Romanfigur gegenüber, um
ihre rauschhaft um Identität ringenden Konzepte selbstbestimmten Lebens zu
hinterfragen.
Schauspielerin Anna Stieblich zeigt Irmgard Keun beladen mit existenzieller
Trauer. Das Glück in der Welt der Lustbarkeiten scheint sie hinter sich zu
haben, tanzt nur noch allein mit einer Schlager-LP aus den 1970er Jahren,
hinter ihr ein Paravent, geschmückt mit Zeitschriftentitelseiten,
Film-Stills, Plakaten aus der Nachkriegszeit. Als Nostalgie-Bote singt Max
Raabe aus dem Off.
Als humorvolle Chronistin der letalen [3][Weimarer Republik] und Stimme der
Frauen dieser Zeit ist Keun berühmt und erfolgreich geworden. Nach der
sogenannten Machtergreifung der Nazis wurde ihre Literatur verboten. Es
sagt einiges über ihren Mut, dass sie eine Schadenersatzklage einreichte
wegen des Verdienstausfalls durch die Beschlagnahme ihrer Bücher – was die
Gestapo erst recht gegen sie aufbrachte.
Im Nachkriegsdeutschland fand Keuns sozialer Aufstieg durch literarisches
Schaffen keine Fortsetzung. Ihr In-die-Welt-Staunen versank in
Alkoholismus. Sie kam [4][in die Psychiatrie], starb verarmt. Das alles
führt die Inszenierung nicht aus. Aber sie betont, dass Keun schon ihre
Doris mittellos in die Obdachlosigkeit abgleiten ließ.
Weswegen das Stück auch „Irmgard Keun – Das kunstseidene Mädchen“ betitelt
ist: Beide Figuren spiegeln die folgenreichen Sehnsüchte der jeweils
anderen. Zwei Unbehauste, Gescheiterte, Verlorene. Zusammen sind sie eins,
kuscheln daher auch gern mal miteinander.
Jeanette Luft gibt der Doris-Puppe die görenfrech sprudelnde Stimme, eine
Hand und auch die baumelnden „Beene“. Im Gesicht der Figur ist die bleiche
Traurigkeit von Beginn an vom Glanz puppenhafter Schönheit übertüncht. Luft
ergänzt die Starrheit mit schier unzerstörbarem Optimismusstrahlen. Sie
liebäugelt, lächelt, auf dass auch die Puppenaugen in müder Kessheit zu
funkeln scheinen, und das von Keun beschriebene „weinende Lachen“ den
großen, frechen Mund umspielt. So kann Doris in naiver Trotzigkeit gegen
enttäuschte Hoffnungen anschnoddern und ironisieren, dass sie gerade nicht
anders überleben könne als durch unterwürfige Affären mit reichen Männern.
## Dem Machismo die Sporen geben
Diese Typen spielt Anna Stieblich mit Filmstarmaske, fummelt, torkelt und
gibt dem [5][Machismo] die Sporen. Doris „heult sich eine Ostsee“ nach den
Abstürzen solcher ausbeuterischen Beziehungen und propagiert sofort wieder:
„Ich liebe jeden, der mir gefällt.“ Und damit sie gefällt, auffällt, eben
reich und berühmt und so zum Glänzen gebracht werden kann, macht Doris sich
Rollenbilder aus der Werbung und dem Film zu eigen. Sie verinnerlicht
männliche Niedlichkeitsvorstellungen und Erwartungen.
Die beiden Spielerinnen finden zu einer zarten Art des Miteinanders in der
Desillusionierung, verfallen dabei nur selten ins grobe Berlinern und
singen sanft einige lustig-melancholische Evergreens der
Zwischenkriegszeit. Resümierend kommen sie in einem Gefühl zusammen, das
sie so beschreiben, [6][wie es Marlene Dietrich 1931 besungen hat]: „Wenn
ich mir was wünschen dürfte, möcht′ ich etwas glücklich sein, denn wenn ich
gar zu glücklich wär′, hätt′ ich Heimweh nach dem Traurigsein.“
Wunscherfüllung, Schmerz und Trost in einem. Genau diese ambivalente
Stimmung evozieren die beiden Spielerinnen. Keine kleine, eine feine
Leistung.
1 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Neue-Staffel-Babylon-Berlin/!5654275
(DIR) [2] /Bildung-auf-nahezu-allen-Ebenen/!527076&s=Arbeitnehmerkammer+Bremen/
(DIR) [3] /Weimarer-Republik/!t5023483
(DIR) [4] /Psychiatrie/!t5019235
(DIR) [5] /Machismo/!t5309962
(DIR) [6] https://www.dailymotion.com/video/xiaduv
## AUTOREN
(DIR) Jens Fischer
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