# taz.de -- Sabotageakte in Polen: Sprengsätze und Stahlklemme
       
       > An einer Bahnstrecke, die für Transporte in die Ukraine wichtig ist,
       > explodieren Bomben. Laut Warschau hätten russische Geheimdienste die
       > Taten beauftragt.
       
 (IMG) Bild: Polens Ministerpräsident Donald Tusk (2.v.r.) besichtigt die durch Sabotage beschädigte Eisenbahnstrecke Mika in der Nähe von Deblin
       
       In Polen sollte es zu zwei Zugkatastrophen kommen. Mögliche Todesopfer
       nahmen die Täter in Kauf. An der Bahnstrecke zwischen Warschau und der
       südpolnischen Stadt Lublin explodierte vor wenigen Tagen eine Sprengladung.
       Weitere Bomben scheinen nicht gezündet zu haben.
       
       Mehrere Züge konnten sogar noch über die beschädigten Gleise fahren, bis
       einem Lokführer auffiel, dass das Fahrgeräusch an dieser Stelle ein anderes
       war, und er die Bahnzentrale informierte. Auf dieser Strecke fahren oft
       Transportzüge mit Militär- und Hilfsgütern aus den USA und Europa in die
       Ukraine.
       
       An derselben Strecke steckte bei Pulawy, ebenfalls in der Nähe der
       südpolnischen Stadt Lublin gelegen, eine Stahlklemme zwischen den Gleisen.
       Sie sollte den nächsten Zug zum Entgleisen bringen, wie Premier Donald Tusk
       am Dienstag das Parlament in Warschau informierte. Doch der Lokführer
       konnte den Zug rechtzeitig zum Stehen bringen. Neben dem Gleis mit der
       Stahlklemme war ein Smartphone mit Powerbank angebracht, das das Geschehen
       aufzeichnen sollte.
       
       [1][Polens Geheimdienst konnte bereits zwei Verdächtige identifizieren. Es
       handelt sich um ukrainische Staatsbürger, die – so Tusk – „seit langem mit
       russischen Diensten zusammenarbeiten]“. Die beiden mutmaßlichen Täter
       konnten sich direkt nach dem Anbringen der Bomben und der Stahlsperre nach
       Belarus absetzen.
       
       ## Viele Unklarheiten
       
       Der eine Mann sei im Mai dieses Jahres von einem Gericht im
       westukrainischen Lwiw wegen „Sabotageakten“ verurteilt worden, erklärte
       Tusk nach der Sondersitzung der Regierung im Sejm. Der zweite Verdächtige
       sei ein Bewohner des russisch kontrollierten Donbass im Osten der Ukraine.
       Wie es ihnen gelingen konnte, zunächst über die ukrainisch-belarussische
       Grenze und dann über die belarussisch-polnische Grenze nach Polen
       einzureisen, ist bislang nicht geklärt.
       
       Ebenso unklar ist, warum der bereits wegen Sabotage Verurteilte auf freiem
       Fuß war. Den polnischen Behörden seien die Namen der mutmaßlichen Täter
       bekannt, informierte Tusk. Um die laufenden Ermittlungen nicht zu
       gefährden, sollen sie der Öffentlichkeit aber erst zu einem späteren
       Zeitpunkt mitgeteilt werden.
       
       Der Kreml reagierte sofort auf die Rede von Tusk. [2][„Russland wird für
       alle Formen hybrider oder direkter Kriegsführung verantwortlich gemacht“,
       klagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow]. In Polen, wo die „Russenfeindlichkeit
       in ihrer ganzen Pracht“ gedeihe, sei dies ganz besonders ausgeprägt. „Es
       wäre seltsam, wenn nicht direkt Russland beschuldigt werden würde“, sagte
       er, wies die Anschuldigungen aber nicht ausdrücklich zurück.
       
       Viele Polen sorgen sich inzwischen, dass Zugfahrten nicht mehr sicher sind.
       General Marek Dukaczewski, der ehemalige Chef des polnischen
       Militärabwehrdienstes, erklärte am Dienstagabend im öffentlich-rechtlichen
       Sender TVP-Info, dass genau dieses Schüren von Angst zu den Zielen der
       russischen Sabotageakte gehöre. Allein im Oktober seien acht Verdächtige
       festgenommen worden.
       
       ## Brände als Sabotageakte
       
       Die Anschläge der letzten Tage seien keineswegs die ersten, so General
       Dukaczewski. Vielmehr werde Polen seit vielen Jahren von Katastrophen
       heimgesucht, die sich später oft als Sabotageakte erwiesen hätten, die der
       Kreml in Auftrag gegeben habe.
       
       Zunächst waren dies vor allem Brände. Im Mai 2024 brannte das
       Handelszentrum Marywilska in Warschau mit 1.400 Verkaufsstellen zu 90
       Prozent aus. Die Ermittlungen dauerten ein ganzes Jahr. Danach war sicher,
       dass es sich auch hier um einen Sabotageakt im Auftrag Moskaus gehandelt
       hatte.
       
       Auch dass unter den Verdächtigen häufig Ukrainer seien, gehöre zur
       Strategie des Kremls, so Dulaszewski. Meist seien das Gelegenheitstäter,
       die für wenig Geld angeheuert würden und – ganz im Sinne des Kremls –
       auffliegen sollen, um in Polen für eine antiukrainische Stimmung zu sorgen.
       
       Für die Bahn-Versorgungsstrecken in die Ukraine hat Polens Regierung nun
       die Terror-Gefahrenstufe „Charlie“ bis zum 28. Februar 2026 ausgerufen.
       Doch wie sicher die anderen Strecken im Lande sind, kann zurzeit niemand
       sagen. Zwar werden alle Strecken rund um die Uhr überwacht, aber
       anscheinend konnten die Täter in den letzten Tagen sowohl die Bomben als
       auch die Stahlklemme unbemerkt anbringen.
       
       19 Nov 2025
       
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