# taz.de -- Frauen-Handball-WM: Die Schönheit des Spiels
> Handball, wie ihn die Norwegerinnen spielen, ist physische Poesie. Nur
> schade, dass die Frauen-Handball-WM in Deutschland zurzeit keiner sehen
> kann.
(IMG) Bild: Hart elegant: Nora Mørk bei den Olympischen Spielen 2024
Gemeinhin denken Menschen, wenn sie an Handball denken, an
Gehirnerschütterung, Brutalität und an diesen einen Typen mit dem seltsamen
Schnauzbart – und eher nicht an Schönheit, Raffinesse und die
atemberaubende Eleganz ausgebuffter Spielzüge.
Und daran wird sich wohl auch vorerst nichts ändern, obwohl ja gerade
[1][die Handball-WM der Frauen] in Deutschland und den Niederlanden
stattfindet, die ein Schaulaufen sein könnte, um zu beweisen, dass dieser
Sport dem Fußball in vielem haushoch überlegen ist.
Es ändert sich deshalb nichts daran, weil ARD und ZDF sich entschieden
haben, frühestens ab dem Viertelfinale Spiele zu übertragen. Und das auch
nur dann, wenn das deutsche Team sich dafür qualifiziert, was alles andere
als sicher ist. Aber selbst dann würde man als Zuschauer nicht verstehen,
was sich der Autor dieses Textes hier herbeifantasiert. Sie würden es
verstehen, wenn sie Nora Mørk spielen sehen könnten.
Wobei: Streng genommen spielt die Norwegerin Nora Mørk keinen Handball. Sie
komponiert ihn. Sie springt nicht, sie schwebt. Und wenn sie aus dem
Rückraum kommt, dann nicht wie eine Maschine, sondern wie eine Tänzerin auf
Adrenalin – voller Kraft, Kontrolle und Anmut.
Mørk ist das Herz der norwegischen Nationalmannschaft. Dieses Team beweist
seit Jahren, dass man anstatt mit reiner Kraft auch schön und schnell
spielen und trotzdem gewinnen kann.
In ihren besten Momenten spielen Norwegerinnen so, wie Handball sein
sollte: wie hochverdichtete, physische Poesie. Da wird nicht bloß geworfen,
da wird getäuscht, verzögert, beschleunigt, geblufft, gezirkelt. Ihr Spiel
überrascht. Handball, wie ihn Norwegen spielt, ist ideenreich, durchdacht
und für den Gegner unberechenbar.
Besonders auffällig ist das Zusammenspiel. Da fliegt der Ball in schnellen
Dreiecken, plötzlich wird die Kreisspielerin freigespielt, die vorher
niemand gesehen hat, oder eine Lücke genutzt, die eigentlich nie da war.
Täuschungsmanöver, Doppelpässe, No-Look-Abspiele, blitzschneller
Richtungswechsel – das ist keine rohe Gewalt, das ist tänzerische Taktik,
ganz hohe Schule.
Handball ist ein Spiel voller Gegensätze. Es ist schnell, hart, und
körperlich, zugleich aber elegant, durchdacht, beinahe feingliedrig. Wer
nur auf den Lärm hört, auf das Quietschen der Schuhe, das Krachen in den
Zweikämpfen, der sieht diese Schönheit nicht.
Dabei liegt gerade in der Reibung zwischen Wucht und Anmut die Faszination
dieses Spiels. Es gibt diese Momente, in denen der Sport alles auf einmal
ist: roh und raffiniert, kompromisslos und voller Taktgefühl. Eine
Spielerin prallt auf die Abwehr – und im nächsten Augenblick hebt sie
scheinbar schwerelos ab und zieht den Ball im Fallen am Torwart vorbei. Es
ist diese Spannung zwischen Instinkt und Komposition, die Handball
einzigartig macht.
Und niemand beherrscht dieses Spiel der Kontraste so vollkommen wie das
norwegische Team. Sie lassen Räume entstehen, wo vorher keine waren, sie
spielen den Ball in Laufwege hinein, die noch gar nicht existieren. Und
Nora Mørk ist die Virtuosin dieser Dynamik.
Schade nur, dass Ihnen nichts anderes übrig bleibt, als dem Autor dieser
Zeilen das alles zu glauben. Im Fernsehen können Sie das ja gerade nicht
überprüfen.
28 Nov 2025
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(DIR) Matthias Kalle
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