# taz.de -- Ehemaliger DDR-Umweltminister über Agrar: Mehr Humus, weniger Hass
> Michael Succow hat die Untiefen des DDR-Systems sowie die Schwierigkeiten
> und Chancen der Wende erlebt. Nun kämpft er für eine bessere
> Agrarindustrie.
(IMG) Bild: Michael Succow, Umweltschützer, Moorexperte und Umweltminister in der DDR-Übergangsregierung
Menschen wie Michael Succow, die nicht aufgeben, gegen die Zerstörung des
Planeten zu kämpfen, sind wichtiger denn je. Bald erscheint eine
[1][politische Biografie über ihn].
Draußen: Am Ende der Straße gibt es keine Gartenzäune. Die Grundstücke sind
zur Straße und zum Nachbarn offen. Statt Thuja-Hecken und kurz gemähtem
Gras wachsen Äpfel, Quitten, Wildblumen, Kohl, Wein und hohe Sträucher.
„Ich habe vor 25 Jahren, als wir hier einzogen, den Zaun abgerissen“, sagt
Michael Succow. „Es haben alle Nachbarn nachgezogen, außer dem letzten
Sterilo neben mir.“ In dessen Garten herrscht Zucht und Ordnung. Vor der
Eingangstür von Michael Succows zweistöckigem Klinkerhaus stehen eimerweise
rotbackige Äpfel und knallgelbe Quitten. „Da können Sie später mitnehmen,
so viel Sie wollen.“ Die Äpfel kommen von der großen Streuobstwiese hinterm
Haus, die sich – nur getrennt durch einen Wanderweg – bis zum angrenzenden
Moor hinzieht. Das Haus liegt in Vorpommern am Rand der Gemeinde Wackerow,
nicht weit von Greifswald.
Drinnen: Es ist wohlig warm im Haus. Am gemauerten Specksteinofen im Salon
liegt es nicht, er ist nicht an. Dafür scheint die Sonne vom Garten durch
die bodentiefen Fenster. Lammfelle liegen auf den dunklen Ledersesseln.
Neben der Couchecke steht ein alter Sekretär. Bücher, Bilder, Mitbringsel
und ein Fernseher füllen das Holzregal. Succow bietet trotz der angenehmen
Wärme noch Felllatschen mit nach oben gebogener Spitze an. „Die Mongolen
wollen den Boden nicht treten. Die Erde ist ihnen heilig“, sagt er. Der
84-jährige Succow lebte 25 Jahre mit seiner Frau Ulla hier. Die beiden
Töchter sind längst fort, seine Frau starb vor vier Jahren nach einem
Sturz.
Bauernhofkindheit: „Die beiden Dinge, die für mich wichtig sind, ist die
Tierliebe und die Menschenliebe. Die einen lieben die Tiere abgöttisch und
die anderen lieben die Menschen. Als Bauernhofkind gehörte bei mir immer
beides zusammen.“ Er habe als Junge die Schafe des Hofs gehütet und
gepflegt. Dass diese [2][bei der Zwangskollektivierung zu DDR-Zeiten]
weggebracht wurden, tue ihm immer noch weh.
Das Credo: Zur Menschlichkeit gehöre Naturliebe und umgekehrt. Bei
[3][vielen Nationalparkprojekten] wurden die Ethnien umgesiedelt, weil die
Natur sich frei entwickeln sollte, Schimpansen und Elefanten ungestört sein
sollten. „Ich bin viel in der Welt umher gekommen. Und da waren in
Schutzgebieten immer die Völker raus. Ich will Landschaft erhalten mit den
kleinen Völkern, mit den Ethnien“. Er hat Nationalparkprogramme in
Georgien, Kirgistan, auf Kamtschatka sowie in der Mongolei begleitet. Seine
Geschichte erzählt er auch in dem Dokumentarfilm: [4][„Wie geht Natur?!
Michael Succow – ein Leben für den Naturschutz“]. Succows Credo: „Wald muss
dicht und Laubwald sein. Acker muss Humus und Regenwürmer haben. Das
Grundwasser muss klar und trinkbar sein. Und die Nahrung muss gesund sein.
Gesunde Böden, gesunde Nahrung, trinkfähiges Grundwasser, gesunde Menschen.
Die sind dann meist freundlich.“
Idole: Bei aller Tierliebe ist Succow kein Vegetarier. Obwohl eines seiner
Idole Kurt Kretschmann – „der das Naturschutz-Symbol Eule erfunden hat“ –
Vegetarier war. „Ein Pazifist, Antifaschist, Freidenker, Naturschützer, der
trotz SED-Parteimitgliedschaft den Sozialismus kritisch sah. Aber [5][Kurt
und Erna Kretschmann] wollten eine neue Gesellschaft.“ Ein anderer
Hoffnungsträger ist für ihn der englische König Charles III. und [6][sein
Engagement für biologische Landwirtschaft].
Entwicklung: „Wir hatten einen Bauernhof, und Vater Wilhelm stammt aus der
Uckermark. Das ist meine Heimat. Meine Mutter sprach fließend Englisch und
Französisch. Sie hat als junge Frau Geflügelfarmen in Südafrika aufgebaut.“
Der Bauernhof, den sich seine Eltern gemeinsam erarbeiteten, wurde wie fast
alle in der DDR zwangskollektiviert. Succow studierte Biologie, musste
seine Unikarriere zunächst jedoch wegen offener Sympathie für den Prager
Frühling aufgeben. Er wurde Kombinatsleiter und arbeitet weiter [7][an
seinem Schwerpunktthema Moor]. 1970 promovierte er an der Universität
Greifswald über die Talmoore. Zwischen 1974 und 1990 arbeitete er am
Institut für Bodenkunde der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften der
DDR, zuletzt als Professor.
Der Politiker: In der Übergangsregierung nach 1989 wurde Succow
stellvertretender Minister für Natur-, Umweltschutz und Wasserwirtschaft
der DDR. Klaus Töpfer, damals Umweltminister der BRD, förderte ihn, die
DDR-Umweltbewegung brachte ihn in die Regierung. Durch einen kritischen
Beitrag im DDR-Fernsehen war Succow bekannt geworden. „Umweltschutz, das
war in der DDR bis dahin offiziell die Behauptung, der Trabant
Zweitaktmotor sei das umweltfreundlichste Auto der Welt“, sagt Succow
spöttisch. Für die Berufung stellte er eine Bedingung: „Naturschutz allein
ist mir zu eng.“ Als Landwirtssohn habe er den Niedergang der Agrarkultur
mit „dieser Gülle und der Überdüngung in der DDR“ gesehen, das Waldsterben
mit Sorge betrachtet. Er habe dann vorgeschlagen, dass zum Naturschutz der
Ressourcenschutz und die Landnutzung hinzukommt. „Dazu gehört der Wald, der
Boden, das Wasser. Also übergreifend. Und das war möglich.“
Der Coup: Als stellvertretender Umweltminister in der vorletzten
DDR-Regierung hat Succow mit Mitstreitern das sogenannte
Nationalparkprogramm ausgearbeitet. Drei Wochen vor der Wiedervereinigung
1990 wurden knapp 12 Prozent – die militärisch genutzten Gebiete und die
ehemaligen Jagdgebiete des DDR-Gebiets – als Großschutzgebiete ausgewiesen.
Ein Coup. Der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer prägte für dieses
Naturerbe den Begriff „Tafelsilber der Deutschen Einheit“. Unter anderem
für diese Leistung wurde Succow 1997 der [8][Alternative Nobelpreis]
verliehen. „Wir träumten damals von einer sozialökologischen Republik“,
erzählt er.
Der Umweltschützer: Im Jahr 1992 kehrte Succow zurück an die Universität
Greifswald. Dort führte er den Studiengang „Landschaftsökologie und
Naturschutz“ ein. [9][Ein Schwerpunktthema blieben für ihn die Moore]. 1999
gründete er die Succow-Stiftung mit dem Geld, das ihm der Alternative
Nobelpreis eingebracht hatte, und engagierte sich für Natur-, Moor- und
Klimaschutz. Die Stiftung fördert bis heute Projekte zur Wiedervernässung
von Mooren und zur nachhaltigen Nutzung von Ökosystemen, um die Klimakrise
zu bekämpfen.
Die Gegenwart: „Die ganze Anfangseuphorie, dass man was geschafft hat, der
Traum von der ökologischen Republik ist vorbei“, sagt Succow. „Alle großen
Zivilisationen dieser Erde waren zu Ende, als ihr Humus zu Ende war, die
Mayas, die Ägypter. Wir werden folgen, wenn wir diese dünne Schicht des
Lebens nicht erhalten, nicht mehren.“ Die Humusschicht schwinde rasant
durch die ausbeuterische kapitalistische, industrielle Produktion in der
Landwirtschaft. Die dünne den Boden aus. Und das werde weltweit immer
schlimmer. „Wir brauchen einen ökologischen Landbau“, fordert er. Auch die
Trinkwasserversorgung aus den Flächen sei in Gefahr. Die Böden seien so
verdichtet, dass der Niederschlag nicht mehr versickern könne. Kein
Regenwurm, nirgends. „Die kleinen Fließe, aus denen ich als Kind noch
getrunken habe. Das war ja alles Trinkwasser.“ Erster Grundsatz einer
agrarischen Landnutzung müsse die Verbindung von Tier und Pflanze sein. Das
erzeuge Humus.
Der Rechtsruck: „Dass wir hier diese starke AfD haben, ist auch ein Produkt
der Übernahme der Agrarflächen durch Investoren. Vorbereiter dieser
Entfremdung waren die Enteignungen in der DDR.“ Kein einziger der
Bauernsöhne in seinem Heimatdorf sei noch als Bauer tätig. Die jungen
Frauen seien gleich nach der Wende in den Westen gegangen und die jungen
Männer steckten in Firmen, die riesige Flächen bewirtschaften. „Das alles
hat dazu geführt, dass dieser ländliche Raum im Niedergang ist, seine
Identität völlig verloren hat.“ Ein idealer Nährboden der AfD, im
Wortsinne.
Die Zukunft: Wie es nicht weitergehen kann, das sieht er klar. „Gier nach
Geld. Gier nach Macht. Gier nach Weib. Und dann der Hass auf alles andere,
was nicht so ist. Das sind die Eigenschaften, die diese machtversessenen
Machos in sich tragen. Und glauben Sie mir, ich habe viele kennengelernt.“
Sein Grundsatz: „Ohne ein Zusammenspiel mit der Natur sind wir
zukunftslos.“ Aber er sehe auch sehr viele aufgeklärte, engagierte junge
Leute. Die Bewegung Fridays for Future gäbe ihm Hoffnung. „Die Zukunft“,
sagt er, „ist weiblich, oder es sieht schlecht für sie aus.“
30 Nov 2025
## LINKS
(DIR) [1] https://www.oekom.de/buch/das-abenteuer-des-lebens-9783987265112
(DIR) [2] /Landwirtschaft-in-Sachsen/!5035238
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(DIR) [4] https://www.youtube.com/@WIEGEHTNATUR
(DIR) [5] https://www.nabu.de/wir-ueber-uns/infothek/mitgliedermagazin/archiv/02527.html
(DIR) [6] /Experiment-mit-der-Natur/!5177446
(DIR) [7] /Naturschuetzer-Michael-Succow-ueber-MV/!5798792
(DIR) [8] https://rightlivelihood.org/the-change-makers/find-a-laureate/michael-succow/
(DIR) [9] /Biologe-Michael-Succow-ueber-Moorschutz/!5919347
## AUTOREN
(DIR) Edith Kresta
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