# taz.de -- Expertin über Transplantationen: Menschen mit Schweineherzen?
       
       > Die Forschung zu Tierorganen für Menschen macht Fortschritte. Ein
       > Gespräch über Mögliches, Ethisches und Gefährliches.
       
 (IMG) Bild: Operation für die Entnahme einer Niere, die zur Transplantation vorgesehen ist
       
       taz: Frau Dahmen, können Schweine Leben retten? 
       
       Uta Dahmen: Prinzipiell können Schweineorgane Menschenleben retten. Das hat
       sich schon mehrfach in Einzelfällen gezeigt, bei denen Schweineherzen
       beziehungsweise Schweinenieren transplantiert wurden. In einem kürzlich
       publizierten Fall bekam ein Patient erstmals eine genetisch veränderte
       Schweineleber zur Überbrückung transplantiert. Er litt an einer
       Leberzirrhose und hatte einen großen Lebertumor entwickelt. Nach der
       Entfernung des Tumors wäre die verbleibende Restleber zu klein gewesen, um
       den Stoffwechsel des Patienten aufrechtzuerhalten. Daher wurde die
       Schweineleber zusätzlich zur Restleber anstelle des tumortragenden
       Leberanteils in den rechten Oberbauch transplantiert. Die transplantierte
       Schweineleber hat über vier Wochen im Körper des Patienten funktioniert,
       bis das Organ wieder entfernt werden musste, weil der Körper begann, sie
       abzustoßen. Der Patient lebte danach noch weitere drei Monate, bevor er an
       einer schweren Blutung verstarb.
       
       taz: Können Menschen, die [1][ein Tierorgan bekommen], damit ein halbwegs
       normales Leben führen? 
       
       Dahmen: Bisher wurde nur von diesem einen Lebereingriff bei einem lebenden
       Menschen berichtet. Der Eingriff und die postoperative Betreuung mussten
       unter sehr kontrollierten Bedingungen ablaufen und der Patient engmaschig
       überwacht werden. Schon deshalb ist es bei solchen klinischen Heilversuchen
       sinnvoll, wenn der Patient die gesamte Zeit im Krankenhaus bleibt. Was das
       für den Mann bedeutet hat, ist aber schwer zu sagen. Dahinter steckt dann
       die Frage: Wann ist ein Leben lebenswert? – Und das beantwortet
       möglicherweise jeder Mensch anders.
       
       taz: Was bedeutet dieser Erfolg mit einem lebenden Patienten für die
       Transplantationsmedizin? 
       
       Dahmen: Einerseits ist es ein kleiner Schritt auf dem sehr weiten Weg bis
       zur klinischen Routine. Bei einem früheren Versuch wurde eine genetisch
       veränderte Schweineleber in einen hirntoten Empfänger transplantiert. Dort
       hat sie zehn Tage lang funktioniert. Bei diesem lebenden Patienten waren es
       bereits 30 Tage. Andererseits kann man diesen Erfolg an sich schon als eine
       Trendwende bezeichnen: Der Körper des Mannes hat die Leber als zusätzliche
       Hilfe zu seiner eigenen, erkrankten Leber angenommen und sie hat zu einem
       gewissen Grad funktioniert, wenn auch nur für eine begrenzte Zeit. Jetzt
       gilt es, auf diesen Erfahrungen aufzubauen.
       
       taz: Versuche gab es bisher mit [2][Leber, Herz und Nieren]. Warum gerade
       diese Organe – und wäre auch prinzipiell eine Lungentransplantation
       möglich? 
       
       Dahmen: Leber, Herz und Niere werden am häufigsten benötigt. Im Jahr 2024
       wurden in Deutschland 2.075 Nieren, 890 Lebern sowie 350 Herzen und 311
       Lungen transplantiert. Prinzipiell wäre es auch möglich, einem Menschen
       eine Schweinelunge zu transplantieren. Das zeigt bereits eine
       Machbarkeitsstudie. Ein Fallbericht aus diesem Jahr beschreibt den Verlauf,
       nachdem eine Schweinelunge in einen menschlichen, allerdings hirntoten
       Empfänger transplantiert wurde.
       
       taz: In den USA hat die Food and Drug Administration (FDA) klinische
       [3][Studien zur Xenotransplantation] mittlerweile genehmigt. Wie sieht die
       Forschungslage hier bei uns aus? 
       
       Dahmen: Auch in Deutschland ist die Wissenschaft auf dem Gebiet extrem
       stark reguliert und steht unter strenger Beobachtung der entsprechenden
       Behörden. Am Uniklinikum in München wird intensiv an diesem Thema
       gearbeitet: Ein Ziel ist es, neue Konzepte zu entwickeln, um die
       Immunantwort zu beeinflussen. Zudem geht es darum, genetisch veränderte
       Schweine zu entwickeln und präklinische Studien durchzuführen. Außerdem
       wird daran gearbeitet, klinische Studien zur Transplantation der genetisch
       veränderten Herzen vorzubereiten.
       
       taz: Mal abgesehen von der Regulation, was sind die größten biologischen
       Hürden der Xenotransplantation? 
       
       Dahmen: Die größte Herausforderung ist, die komplexen Abstoßungsreaktionen
       zu verhindern. Es gibt vielfältige und zeitlich unterschiedlich verlaufende
       Immunreaktionen auf das fremde Transplantat. Innerhalb von Minuten bis
       Stunden kann sich eine hyperakute Abstoßung entwickeln: Das bedeutet, der
       Organismus reagiert auf Oberflächenmerkmale des Transplantats. Beim
       Schweineorgan sind das Zuckermoleküle, die mit Antikörpern im Blut
       reagieren. Das aktiviert die Gerinnungskaskade, sodass sich Blutgerinnsel
       im transplantierten Organ bilden. Das Transplantat wird dann abgestoßen, da
       es nicht mehr durchblutet wird. Bei dem lebenden Patienten gab es keine
       solche hyperakute Abstoßung, weil das Schweineorgan genetisch verändert
       wurde und dann nicht direkt vom Körper als „fremd“ erkannt wurde.
       
       taz: Kann das Immunsystem danach trotzdem noch reagieren? 
       
       Dahmen: Ja. Im weiteren Verlauf können andere Formen der Abstoßreaktion
       auftreten, bei denen kleine Blutgefäße im Transplantat geschädigt werden.
       Das beeinträchtigt die Funktion massiv. Genau diese Komplikation hat der
       Patient entwickelt, sodass das Transplantat nach vier Wochen wieder
       entfernt werden musste. Die aktuelle Herausforderung ist also, die
       immunologischen und sonstigen Langzeitkomplikationen nach der
       Transplantation eines Schweineorgans zu verhindern.
       
       taz: Was kann man gegen die Langzeitfolgen von Xenotransplantationen tun? 
       
       Dahmen: Das Transplantat muss so weit wie möglich „humanisiert“, also
       vermenschlicht werden. Das kann durch eine Kombination aus verschiedenen
       genetischen Veränderungen gelingen. Einerseits werden Gene des Schweins
       ausgeschaltet, andererseits menschliche Gene eingeschleust. Zusätzlich muss
       die geeignete Kombination von Medikamenten gefunden werden, mit denen die
       komplexen Abstoßungsreaktionen gezielt unterdrückt werden können.
       
       taz: Viele menschliche Organe zur Transplantation kommen von Verstorbenen –
       aber das sind [4][längst nicht genug]. Wie geht man aktuell gegen den
       Organmangel vor? 
       
       Dahmen: Aktuell werden Organe, meist Nieren oder Teillebern, von lebenden
       Spendern verwendet. Spenden können etwa nah verwandte oder emotional
       nahestehende Menschen. Sie selbst können gut mit ihrer zweiten, gesunden
       Niere oder mit ihrer nachwachsenden Restleber überleben. Vor der Entnahme
       der Organe überprüft man natürlich, ob sie für den Empfänger verträglich
       sind. Kriterien sind dabei etwa die Organgröße oder die Blutgruppe.
       
       taz: Und wie sieht es mit Wegen aus, bei denen niemand etwas spenden muss? 
       
       Dahmen: Es gibt noch das sogenannte Organ Engineering, also die Züchtung
       neuer Organe: Dazu werden Organgerüste benötigt. Solche Gerüste können aus
       Organen von Schweinen oder Menschen gewonnen werden, bei denen die Zellen
       entfernt werden. Oder sie kommen quasi künstlich aus einem 3D-Drucker. Die
       zellfreien Gerüste müssen danach mit den verschiedenen organtypischen
       menschlichen Zellen besiedelt werden. Aktuell kann man auf diese Weise
       jedoch noch keine funktionsfähigen Organe herstellen.
       
       taz: Was wird es zuerst in der praktischen Anwendung geben?
       Xenotransplantation oder Organ Engineering? 
       
       Dahmen: Das lässt sich derzeit noch nicht sagen. Vorerst sind keine der
       beiden Techniken reif für die medizinische Routine. Allerdings wurden
       bereits genetisch veränderte Schweineorgane in Patienten transplantiert,
       jedoch noch keine gezüchteten Organe. In Zukunft wird es vermutlich nicht
       den einen Weg geben, sondern es werden beide Verfahren parallel
       weiterentwickelt.
       
       28 Nov 2025
       
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