# taz.de -- Musikhören gegen Demenz: Selbst schuld!
> Es gibt allerlei Ratschläge, um Demenz vorzubeugen. Das suggeriert: Wer
> trotzdem erkrankt, trägt eine Mitschuld. Doch Gesundheit ist keine
> Privatsache.
(IMG) Bild: Was gegen Demenz helfen soll: Zwei aktuelle Studien verweisen auf die positiven Effekte, die Musik und Mehrsprachigkeit haben sollen
Jede Zeit hat ihre Krankheiten, die in besonderem Maße die Ängste der
Menschen anspricht. In der heutigen Zeit sind das vor allem degenerative
Nervenerkrankungen, und hier wiederum besonders Demenz. Das liegt freilich
einerseits daran, dass es immer mehr alte Menschen gibt und dementsprechend
die Diagnose immer häufiger auftritt.
Es liegt aber auch daran, dass Demenz in der allgemeinen Vorstellung den
sozialen Tod bedeutet: Man fällt heraus aus seinen sozialen Bindungen, weil
man sich irgendwann nicht einmal mehr an die eigenen Allerliebsten erinnern
kann, es reißen sozusagen die inneren Verankerungen des sozialen Netzes.
Das liegt aber auch daran, dass diese Welt nicht nur nicht für demente
Menschen gebaut ist, sondern geradezu gegen sie – wer nicht mehr in der
Lage ist, zu verstehen, was eine Ampel ist und wie sie funktioniert, ist
weniger wichtig als der reibungslose Verkehrsfluss.
Und das ist Teil dieser Angst vor Demenz: plötzlich weniger wert zu sein
als der Subaru der Nachbarsfamilie. Vor diesem Hintergrund lesen sich die
ganzen Ratschläge – es gibt dazu regalmeterweise Bücher und einen Berg an
Studien – nicht mehr ganz so wohlmeinend, wie sie vermutlich gedacht sind.
Beinahe wöchentlich erreichen eine*n neue Erkenntnisse, was alles einer
möglichen Demenz vorbeugen könnte: kein Alkohol, nicht rauchen, Sudokus
lösen (oder ähnliches, was manche Expert*innen im vollen Ernst
„Gehirnjogging“ nennen), virale Infekte vermeiden, wenig Fleisch essen,
Sport machen, Kaffee trinken (doch, doch, aber bitte nur in Maßen!). Zwei
aktuelle Studien verweisen auf die [1][positiven Effekte, die Musik] und
[2][Mehrsprachigkeit haben sollen]. Blockflöte spielen gegen die eigene
Abwrackung! So wird aus jeder freudvollen Betätigung am Ende doch noch eine
trockene Tugend.
Es spricht nichts gegen Prävention, Demenz ist auch in einer idealen Welt
nichts Wünschenswertes. Diese wohlmeinenden Ratschläge haben aber einen
moralischen Unterton: Wer sich nicht risikoarm verhalten hat, ist eben ein
bisschen selbst schuld, wenn er oder sie dann erkrankt. Und entsprechend
auch selbst schuld, wenn dann kein Platz mehr ist in der Gesellschaft: Denn
dass die Welt so ist, wie sie nun einmal ist, hätte man ja auch vorher
wissen können.
## Die Verschiebung ins Private
Mit dem [3][Rückbau der Sozialsysteme] und auch der Gesundheitsfürsorge
verschiebt sich die Verantwortung für die eigene Funktionalität mehr und
mehr ins Private; und damit wird jede zwischenmenschliche Abhängigkeit
potenziell zu einer Zumutung für nahestehende Personen. Eines der
Hauptmotive, Sterbehilfe bei schwerer Erkrankung in Betracht zu ziehen, ist
die Angst, jemandem zur Last zu fallen.
Sterbehilfebefürworter*innen sprechen in diesem Zusammenhang auch
davon, dass bisweilen das biografische Leben vor dem biologischen endet.
Aber sollte man nicht eher andersherum fragen, warum es für manche Leben in
dieser Gesellschaft kein Platz mehr gibt? Dazu gibt es leider keine
Regalmeter an Ratgeberliteratur.
Der soziale Kontext einer Krankheit fällt auf ihren Verlauf zurück. Ich
arbeite als Pflegekraft. Ältere Kolleg*innen aus der DDR erzählten mir
oft, dass sie früher – also vor der Wende – bei dementen Personen kaum
einmal aggressives Verhalten erlebt hätten. Der normale Verlauf sei eher
ein Dahindämmern gewesen, diese sogenannten Problemfälle, die auch
körperlich übergriffig werden, die hätten sie erst in den letzten zwanzig,
dreißig Jahren gesehen – seither allerdings in zunehmendem Maße.
Man könnte hier ganz zynisch sagen: Angesichts all dieser
Selbstoptimierungssuadas – Gehirnjogging! – sind regelmäßige Wutausbrüche
vielleicht gar nicht Teil des Krankheitswerts, sondern eine völlig
nachvollziehbare Reaktion.
26 Nov 2025
## LINKS
(DIR) [1] https://www.welt.de/wissenschaft/article692437530f2241537f41a84b/demenz-gesundes-gehirn-regelmaessiges-musikhoeren-senkt-das-demenz-risiko-signifikant.html
(DIR) [2] https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/demenz-wer-mehr-sprachen-spricht-senkt-wohl-sein-risiko-zu-erkranken-a-19c819cc-b7d9-48ea-96a5-2d0c1177aa66
(DIR) [3] /Nullrunde-beim-Buergergeld/!6107618
## AUTOREN
(DIR) Frédéric Valin
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