# taz.de -- Paare sind wie kleine Äffchen: Ein suppender Wrap als Gottesbeweis
       
       > Wenn ein Paar gemeinsam isst, entsteht eine eigenwillige Symbiose. Das
       > ist Kultur, das ist Psychologie, vor allem aber ein Hinweis auf das
       > Universum.
       
 (IMG) Bild: Aus dem Grund eignet sich das Essen nicht to go, weil man sich auf der Straße komplett damit einsauen würde
       
       Ich sitze mit meiner Frau in einem syrischen Imbiss, der von Geflüchteten
       betrieben wird. Sie hat einen Falafelwrap bestellt, ich einen mit Chicken.
       Alles schön bunt, mit Joghurtsoße, ordentlich Zwiebel, Salat, komplett. Die
       [1][Wraps sind eher so länglich] und liegen auf hübschen, ebenfalls
       länglichen, also tendenziell rechteckigen Tellerchen. Sie sind bis fast
       oben hin sorgfältig mit Papier umwickelt. Der Schutzanzug ist unbedingt
       nötig, weil die Soße sonst raussuppt wie nichts Gutes. Aus dem Grund eignet
       sich das Essen nicht to go, weil man sich auf der Straße komplett damit
       einsauen würde. Deshalb essen wir die Dinger auch im Lokal.
       
       In einer weiteren Vorsichtsmaßnahme essen wir mit Messer und Gabel. Von
       links nach rechts, das Papier in Essrichtung immer ein kleines Stück weiter
       zurückziehend. Etwa nach dem halben Wrap drehe ich den Teller in vertikale
       Richtung, weil mir das angenehmer erscheint. Ich esse nun also nicht mehr
       von links nach rechts, sondern praktisch von vorne nach hinten.
       
       Dann gucke ich zu meiner Frau rüber und sehe, dass sie den Teller genauso
       gedreht hat. Ohne dass wir uns dabei zugesehen, geschweige denn in
       irgendeiner Weise abgesprochen hätten. Es ist der unverfälschte Geist von
       Mutter Natur, die hier, unabhängig voneinander, unsere Gedanken und unsere
       Greifwerkzeuge geführt hat. In einer instinktiven und wohl einzig logischen
       Choreografie, die die Form des Wraps und des Tellers zulassen.
       
       Das wirft mich nun doch aus der Bahn. Es ist ein epiphanischer Moment: Wie
       so kleine Äffchen oder Dohlen tun wir unbewusst das Beste, das Richtige,
       das Naturgegebene. Wie eine Meerkatze, die einen Halm in einen Termitenbau
       steckt und damit die Termiten herausangelt. Oder eine Krähe, die sich eine
       Nuss von einem vorbeifahrenden Auto knacken lässt. Ein
       [2][Einsiedlerkrebs,] der sich mit einer Muschelrüstung schützt. Sie alle
       machen das ohne jede Überlieferung oder Gebrauchsanweisung. Es steckt
       einfach in ihnen drin.
       
       Ich habe Tränen in den Augen, bin wie berauscht von diesem Gottesbeweis.
       Das ist die Evolution, wir sind einfach nur ein Teil davon. [3][Befreit vom
       Ballast menschlicher Zivilisation] und Youtube-Tutorials erkennen und
       erfahren wir uns endlich als reinen Teil des Ganzen wieder, der großen
       Gemeinschaft aller Lebewesen: Tier, Mensch und Pflanze, Brüder im Geiste,
       Schwestern im Instinkt.
       
       9 Dec 2025
       
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