# taz.de -- Kriminologe über Polizeireformen: Verpasstes Momentum
> Nach dem NSU-Versagen versprach die Polizei Reformen und sieht sich heute
> sensibilisiert im Umgang mit Rassismus. Ein Kriminologe hat da Zweifel.
(IMG) Bild: Kassel, 06.04.2018: am Gedenkstein für Halit Yozgat wird an weitere NSU-Opfer erinnert
Berlin taz | Es waren deutliche Worte, die der NSU-Untersuchungsausschuss
des Bundestags bereits in seinem Abschlussbericht im Jahr 2013 fand. Die
Polizei habe bei der Mordserie die Gefahr des Rechtsterrorismus „völlig
falsch eingeschätzt“. Sie habe nicht offen ermittelt, ihre Analysen seien
„fehlerhaft“ gewesen, eine Koordination habe gefehlt. Es habe „neben
strukturellen auch schwere individuelle Fehler“ gegeben. Der Umgang mit den
Opfern sei „nicht angemessen“ gewesen.
Und der Ausschuss gab klare Handlungsempfehlungen. Bei Gewalttaten, die
aufgrund der Person des Opfers einen [1][rassistischen Hintergrund] haben
könnten, müsse dieses Motiv „eingehend geprüft“ und entsprechend
dokumentiert werden. Ermittlungen müssten koordinierter erfolgen und zudem
besser evaluiert werden. Es brauche „eine neue Arbeitskultur“ der Polizei
und eine Fehlerkultur. Ungeklärte Straftaten mit möglichem
Rechtsterrorbezug müssten neu und „mit Hochdruck“ überprüft werden.
Interkulturelle Kompetenz müsse fester Teil der Polizeiausbildung und des
Alltags werden. Für die Kommunikation mit Opfern brauche es außerdem
speziell geschulte Beamte.
Tatsächlich erfolgte nach dem NSU-Auffliegen die Überprüfung von rund 3.300
ungeklärten Todesfällen, beauftragt vom BKA. Bei 745 wurden Hinweise auf
ein mögliches rechtsextremes Motiv gesehen – die sich laut BKA aber
letztlich in keinem Fall erhärten ließen. Auch bei den NSU-Taten kam am
Ende nur eine neue Tat hinzu, weil ein NSU-Helfer diese offenbarte: ein bis
dahin ungeklärter Sprengstoffanschlag im Juni 1999 in Nürnberg. Auch
klaffen die Zahlen rechtsextremer Todesopfer seit dem Jahr 1990 weiterhin
auseinander: Behörden erkennen 113 Opfer offiziell an,
zivilgesellschaftliche Initiativen und Medien zählen mehr als 200 Opfer.
## Sensibilisiert, aber nur schwach umgesetzt
Der Frankfurter Kriminologe Tobias Singelnstein zieht 14 Jahre nach dem
Auffliegen des NSU ein zwiespältiges Fazit. „Insgesamt hat die Sensibilität
der Polizei für Rassismus zugenommen“, sagt er der taz. So seien nach dem
NSU-Versagen durchaus Reformen angestoßen worden. Die Sensibilität aber
gebe es vor allem, weil die Gesellschaft mehr über das Thema diskutiere.
„Was den Abbau des institutionellen Rassismus angeht, steht die Polizei
aber trotzdem [2][noch ganz am Anfang].“
Denn es gebe in der Polizei auch gegenläufige Entwicklungen, so
Singelnstein. „Migration und Kriminalität werden diskursiv immer stärker
miteinander verknüpft, etwa durch den Begriff sogenannter Clankriminalität.
Das schafft und reproduziert [3][rassistisches Wissen in der Polizei].“
Auch tauchten bis heute rechtsextreme Chatgruppen von Polizist*innen
auf. Die Entwicklung sei ein „Hin und Her“, so der Polizeiforscher.
Jochen Kopelke, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, betont dagegen,
dass die Polizei nach dem NSU interne Fortbildungen angepasst, interne
Meldesysteme gefördert und mancherorts Antirassismusbeauftragte eingeführt
habe. Teils seien auch externe Polizeibeauftragte eingeführt worden. In
einer bundesweiten Polizeistudie sei festgestellt worden, dass der Großteil
der Bediensteten demokratisch gefestigt sei. Das Disziplinargesetz sei
verschärft worden, um rechtsextreme Vorfälle zu ahnden.
Die Polizeibeamten seien heute „im Umgang mit Rassismus sensibilisiert“,
findet Kopelke. Für menschenverachtendes Gedankengut gebe es in der Polizei
keinen Raum. „Pauschalverurteilungen“ seien fehl am Platz. Die Behörden
müssten sich aber stetig aktiv für Weltoffenheit einsetzen, damit das
Vertrauen der Bevölkerung und der Communitys „weiterhin hoch bleibt“.
Kriminologe Singelnstein erkennt zwar die Fortschritte an. Aber:
Antirassistische Fortbildungen blieben auf wenige Stunden begrenzt, die
Polizeibeauftragten hätten wenig Ressourcen, Raum für Supervision in der
Polizeiarbeit sei weiter knapp, und Diversität in der Belegschaft bleibe
überschaubar. „Die Maßnahmen bleiben zarte Pflänzchen, sie sind noch kein
Gamechanger“, bilanziert Singelnstein. „Der Kulturwandel der Polizei steht
weiter aus.“
11 Oct 2025
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## AUTOREN
(DIR) Konrad Litschko
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