# taz.de -- KünstlerInnen bangen um Atelierräume: Wenig gespart, viel verloren
       
       > KünstlerInnen haben sich das Arbeitsraumprogramm hart erkämpft. Es ist
       > weltweit einzigartig. Doch es ist in Gefahr, wenn es zu Kürzungen kommt.
       
 (IMG) Bild: Die KünstlerInnen aus der Belziger Straße 25: Eva M. Kreutzberger, Katharina Bach, Mona Könen, Konrad Mühe und Sonja Schrader
       
       Berlin taz | Ein Slogan aus der Verzweiflung geboren: „Ohne Kunst habt ihr
       nix zu lachen.“ Damit standen vergangenen Mittwoch 34 KünstlerInnen vor dem
       Abgeordnetenhaus (AGH). Sie wissen nicht, wie lange sie noch in ihren vom
       Senat geförderten Ateliers bleiben können. Drinnen wurde zur gleichen Zeit
       um den Kulturhaushalt 2026/27 gerungen. Und das heißt: um den schwarz-roten
       Sparkurs.
       
       368 Atelier-Mietverträge laufen in den nächsten zwei Jahren aus. Die ersten
       schon zum Ende dieses Jahres. Eine weitere Verlängerung der
       Hauptmietverträge durch den Senat, der von seinen Untermietern, den
       KünstlerInnen, zwischen vier und sechs Euro pro Quadratmeter verlangt, ist
       nicht gesichert. Grund dafür ist eine für das [1][Arbeitsraumprogramm]
       fatale Gemengelage zwischen den Senatsverwaltungen für Kultur und für
       Finanzen.
       
       So kann die Senatsverwaltung für Kultur mithilfe einer
       Verpflichtungsermächtigung der Senatsverwaltung für Finanzen im Namen des
       Landes Berlin Hauptmietverträge abschließen, die über den aktuellen
       Haushalt hinausgehen. Seit Frühjahr 2024 aber ist die Nutzung dieses
       finanzpolitischen Instruments immer öfter durch Finanzsenator Stefan Evers
       (CDU) gesperrt. Gleichzeitig verkündet die Kulturverwaltung, dass „um den
       Förderbeitrag zu senken, neue Zielgruppen angesprochen werden sollen, die
       den (marktüblichen) Mietpreis zahlen können.“
       
       Bis jetzt werden die rund 1.100 geförderten Ateliers vom [2][Berufsverband
       bildender KünstlerInnen Berlin] (bbk) verwaltet. Auch Dejan Marković vom
       Vorstand des BBK demonstrierte am Mittwoch. Für ihn und die KünstlerInnen
       steht drohend im Raum, dass die Verwaltung von Kultursenatorin Sarah
       Wedl-Wilson (parteilos, für CDU) plant, die Zielgruppen auszutauschen.
       Nicht mehr die prekär lebenden KünstlerInnen, die alle zwei Jahre ihre
       finanzielle Situation darlegen müssen, sollen künftig unterstützt werden.
       In die Räume soll vielmehr Gewerbe einziehen, das sich die marktüblichen
       Mieten leisten kann.
       
       ## Alle fünf haben ihre Ateliers im obersten Stock
       
       Was so ein Mieteraustausch generell für ein Haus bedeutet, erzählen fünf
       KünstlerInnen im 2. Hinterhof in der Belziger Straße 25 in Schöneberg. Alle
       fünf haben ihre Ateliers im obersten Stockwerk. Eva M. Kreutzberger und
       Katharina Bach entdeckten die Räume Anfang der 1980er, als sie an der
       Schöneberger Dependance der Hochschule der Künste (HdK, heute Universität
       der Künste, UdK) Kunstpädagogik studierten. Räume, die sehr lange keinen
       Handwerker gesehen hatten. Sogar die Türen fehlten. Aber es gab Platz und
       Licht.
       
       1994 schafften sie es, dass die Atelierräume in das neu eingeführte
       Berliner Arbeitsraumprogramm aufgenommen wurden. Im 2. Hinterhof
       existierten damals noch traditionelle Gewerbe, unter anderem eine
       Eisengießerei und eine Druckerei. Deren spezifischer Klangteppich wich mehr
       und mehr den Rhythmen, die aus den Fenstern der neu gegründeten Tanzschulen
       den Hof beschallten. Dort ist es heute ruhig. An den Aufgängen finden sich
       dezente Hinweise auf ansässige Architekturbüros. Und ganz oben als
       Kontinuität zwischen den Epochen die KünstlerInnen.
       
       Mona Könen ist seit über 30 Jahren vor Ort. Sie bereitet gerade eine
       Ausstellung im bulgarischen Plowdiw vor. Kurz setzt sie sich hin, lässt
       ihren Blick durchs Atelier schweifen und bleibt an einem Bild hängen, aus
       dem sich ein einsam gewordener High-Heel-Stiletto in den Raum bohrt. Für
       sie ist klar: „Ich kann mir keine höhere Miete leisten. Aber wie soll ich
       ohne Atelier künstlerisch tätig sein? In meinem Atelier kommen mir die
       Ideen, gleichzeitig ist es der Raum, der mir die Möglichkeit gibt, sie zu
       realisieren, und es ist auch der einzige Ort, an dem ich meine Kunst immer
       jemandem zeigen kann.“
       
       Sonja Schrader und Konrad Mühe arbeiten seit fünf Jahren in der Belziger
       Straße 25. Mithilfe des gemeinsamen Ateliers, das in der Nähe ihrer Wohnung
       liegt, schaffen sie es, Familienleben mit Kind und künstlerische Tätigkeit
       zu vereinen. Doch der Hauptmietvertrag für die vier Ateliers läuft im
       Sommer nächsten Jahres aus. Mühe ist inzwischen Sprecher der
       Ateliergemeinschaft und tauscht sich wöchentlich mit den SprecherInnen der
       anderen bedrohten Ateliergemeinschaften aus. Sie haben sich organisiert im
       „Bündnis der bedrohten Atelierhäuser“ und die [3][Online-Petition
       „#SaveOurStudiosBerlin“] auf den Weg gebracht, die bisher über 6.000
       Menschen unterzeichnet haben.
       
       ## „Wir geben der Gesellschaft auch etwas zurück“
       
       Bei der Demo am Mittwoch schallte es chorisch Richtung AGH: „Wenig gespart,
       viel verloren.“ Maria Anwander hält das Transparent, das auf die Petition
       verweist, mit drei MitstreiterInnen gegen den eisigen Wind. Sie hat ihr
       Atelier in der Wilsnacker Straße in Moabit und sagt: „Wir geben der
       Gesellschaft auch etwas zurück. In mein Atelier kommen Kita-Gruppen und
       Schulklassen. Mein Kunstansatz ist partizipativ, denn ich möchte mit der
       Gesellschaft arbeiten.“
       
       Anwander erinnert sich an ihren zweijährigen Lehrauftrag an der Hochschule
       für Bildende Künste Braunschweig: „Da hatte ich zwei Jahre lang ein
       konstantes Einkommen. Aber das ist auch schon wieder Jahre her.“ Peter
       Behrbohm hält sich am großen „#Hobrecht31“-Transparent fest. In der
       Neuköllner Hobrechtstraße 31 existiert mit 21 Ateliers eines der größten
       Atelierhäuser der Stadt, über 30 KünstlerInnen arbeiten hier. Behrbohm
       teilt sich dort mit Anton Steenbock ein Atelier. Für beide, als Künstlerduo
       „Sonder“ unterwegs, ist „ohne ein Atelier mit Lastenaufzug unsere
       raumgreifende installative und intervenierende künstlerische Praxis
       undenkbar“.
       
       Im Nach-Wende-Berlin hatten sich KünstlerInnen das Arbeitsraumprogramm hart
       erkämpft. Es ist weltweit einzigartig, wurde über die Jahre hinweg
       ausgebaut und hat Vorbildcharakter für andere Städte. Noch leben und
       arbeiten über 10.000 bildende KünstlerInnen in Berlin. Ungefähr 20 Prozent
       haben Zugang zu einem geförderten Atelier. Lange war von einem weiteren
       Ausbau des Arbeitsraumprogramms die Rede.
       
       Am Mittwoch trafen die KünstlerInnen im AGH auf Kulturstaatssekretärin
       Cerstin Richter-Kotowski (CDU), der im Auftrag des „Bündnisses der
       bedrohten Atelierhäuser“ bei der Gelegenheit auch die Petition übergeben
       wurde. Richter-Kotwoski sicherte zu, dass „im Augenblick die ganze große
       Prämisse“ sei, „dass wir den Bestand der Ateliers, die wir haben, erhalten
       wollen“.
       
       ## Alles doch nicht so schlimm?
       
       Andere, die sich derzeit noch im Aufbau befinden, wie die Ateliers in der
       Lehrter Straße, will die Kulturverwaltung demnach „zu Ende führen und ins
       Programm einfließen lassen“. In Bezug auf das Atelierhaus in der
       Hobrechtstraße 31 wurde die CDU-Frau konkret: „Große, alte Strukturen wie
       die Hobrechtstraße, wo es einen Eigentümer gibt, der selber weitermachen
       will, das werden wir weiterführen.“ Alles doch nicht so schlimm?
       
       Dejan Marković vom bbk beobachtet, dass bei der Senatsverwaltung für Kultur
       das Framing und das, was tatsächlich beschlossen und umgesetzt wird, immer
       öfter auseinanderklafft. Fakt ist, dass, falls beim Doppelhaushalt 2026/27
       nicht nachgebessert wird, die Ausgaben für Kultur im kommenden Jahr weniger
       als zwei Prozent des Berliner Gesamthaushalts ausmachen werden und bei der
       Kultur definitiv wieder über 100 Millionen eingespart werden.
       
       Die VertreterInnen vom „Bündnis der bedrohten Atelierhäuser“ haben schon
       mal angekündigt, am 13. Oktober im Abgeordnetenhaus wieder auf der Matte zu
       stehen. Man sei mit Kulturstaatssekretärin Cerstin Richter-Kotowski im
       Guten auseinander gegangen. Es schien fast, als kämpfe man an
       unterschiedlichen Fronten für die gemeinsame Sache. Wenn das, was
       Richter-Kotowski sagt, mehr ist als positiv aufgeladenes Framing, dann gibt
       es noch eine reale Chance für die bedrohten Atelierhäuser. Und die
       KünstlerInnen können sich wieder auf das konzentrieren, was ihr Metier ist:
       die Kunst.
       
       7 Oct 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.berlin.de/sen/kultur/foerderung/foerderprogramme/arbeitsraeume/
 (DIR) [2] https://www.bbk-berlin.de/
 (DIR) [3] https://innn.it/save-our-studios-berlin
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katja Kollmann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Berliner KünstlerInnen
 (DIR) Kürzungen
 (DIR) Sparhaushalt
 (DIR) Freie Szene
 (DIR) Kultur in Berlin
 (DIR) Kultur in Berlin
 (DIR) Freie Szene
 (DIR) Kunst Berlin
 (DIR) Kunsträume Berlin
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) unterm strich: Weiterhin zittern müssen die in Berlin geförderten Ateliers
       
 (DIR) Gefährdete Ateliers in Berlin: Was einmal weg ist, ist weg
       
       Ohne Räume kann keine Kunst entstehen. In Berlin ist fast jedes dritte
       geförderte Atelier gefährdet. Fatal ist das nicht nur für die
       Künstler:innen.
       
 (DIR) Sparhaushalt und die Freie Szene: Die große Verunsicherung
       
       Am Donnerstag beschließt die schwarz-rote Mehrheit im Abgeordnetenhaus den
       Sparhaushalt. Die Kultur lässt Federn. Die Freie Szene ist stark betroffen.
       
 (DIR) Über Ateliers und die Immobilienkrise: „Ohne Ateliers gibt es keine Kunst“
       
       Seit Januar hat Berlin zwei neue Atelierbeauftragte. Die taz hat mit ihnen
       und ihrem Vorgänger über die Lage der bildenden KünstlerInnen gesprochen.
       
 (DIR) Künstler*innen in Berlin: Wenig hilfreich für Kollektive
       
       Die Stadt wird teurer, Künstler*innen werden weiter verdrängt. Betroffen
       sind auch die Treptow Ateliers, die nun ausziehen müssen.