# taz.de -- Neuer Roman von Thomas Pynchon: Wie das Heulen über den Himmel kam
       
       > Thomas Pynchon erzählt von der Welt vor dem Zweiten Weltkrieg und dem
       > Aufstieg des Faschismus. Ein Kommentar zu den Entwicklungen der
       > Gegenwart?
       
 (IMG) Bild: Lesen in den Wirren Mitteleuropas, wie Thomas Pynchon sie beschreibt. Budapest 1930
       
       Die Literaturkritikerin Kathryn Schulz hat im New Yorker schon irgendwo
       recht. Tatsächlich würde man rund um Thomas Pynchons neuen Roman
       „Schattennummer“ irgendeine Form von Signal in Richtung von „Hab ich’s euch
       nicht gesagt?“ erwarten. Schließlich bemüht die US-amerikanische
       MAGA-Realität sich gerade sehr, noch die weirdesten Wendungen dieses Autors
       in die Realität zu übersetzen.
       
       Alternative Fakten, dunkle Machenschaften und Lügereien, Verschwörungen,
       Menschen, die von der Straße weg verhaftet werden können, paranoide
       Regierungsorganisationen – wenn man sich die gegenwärtigen Entwicklungen in
       den USA ansieht, mag man inzwischen viele Aspekte seines Werks als
       prophetisch nehmen.
       
       So ein Signal kommt in dem Roman aber nicht vor. Und selbstverständlich
       gibt das große Phantom der Weltliteratur auch immer noch keine Interviews
       und lässt sich auch nicht für Porträts befragen. Oder kommt so ein Signal
       eben doch, nur auf seine, auf Pynchons Art?
       
       Eine gute Maxime beim Pynchon-Lesen ist es, sich nicht festlegen zu lassen.
       Ist es Hochliteratur, ist es Pulp-Fiction? Gibt es einen Plan dahinter,
       gibt es keinen? Ein Pynchon-Roman schillert zwischen solchen Polen. Auch
       dieser Roman, der neunte des inzwischen 88-jährigen Autors, schillert so,
       auch wenn er, verglichen mit seinen großen Weltentwürfen in „Die Enden der
       Parabel“, „Gegen den Tag“ und „Mason & Dixon“ in „Schattennummer“ sogar
       zurückhaltend verfährt.
       
       ## Schnelle Dialoge, Knarren, Verwicklungen
       
       Sparen wir uns die obligatorischen Hinweise darauf, wie unmöglich die
       Handlung in allen Details nachzuerzählen ist. Im Kern ist „Schattennummer“,
       wie die beiden vorangegangenen Romane auch schon, eine Detektivgeschichte,
       die auf den Mustern einer Hardboiled-Ästhetik aufsitzt. Schnelle Dialoge,
       Knarren, mondäne Frauenfiguren, Verwicklungen, die, je tiefer der Detektiv
       in sie eindringt, [1][immer unübersichtlicher werden] – alles drin.
       
       Angesiedelt ist die Handlung um 1930. In den USA herrscht gerade noch
       Prohibition, in Europa sind die Nazis auf dem Vormarsch. Der Privatdetektiv
       Hicks McTaggert (toller Pynchon-Name!) bekommt den Auftrag, Daphne Airmont
       zurückzubringen, die Erbin eines Käseimperiums (toller Pynchon-Kontext),
       die einerseits auf der Flucht vor ihrem Vater, dem „Al Capone des Käses“
       (darauf kann wirklich nur Pynchon kommen), ist, andererseits ihrer großen
       Liebe hinterhersucht. In Milwaukee beginnt die Handlung, im zweiten Teil
       springt sie über nach Europa. Budapest, Fiume, diverse Hafenstädte, die
       Wälder Ungarns und Landschaften Kroatiens spielen eine Rolle.
       
       Und wie immer bei Pynchon ist die Musik wichtig. In „Schattennummer“
       Klezmer und Swing. Und so holpert, stürmt, schleudert, weht und tanzt eben
       auch die Handlung durch die „Wirren von Mitteleuropa“ und den „Ring von
       historischem Schutt, der einmal zum Königreich Ungarn gehörte“.
       
       ## Die „Hitler-Bewegung“ als Bedrohung
       
       Ein historischer Roman? Zum einen ja. Thomas Pynchon erzählt von der
       Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs. „Schattennummer“ ist somit eine Art
       Prequel zu seinem immer noch berühmtesten Roman [2][„Enden der Parabel“,]
       der mit dem Heulen deutscher V2-Raketen über dem Londoner Himmel einsetzt.
       
       Zum anderen kann man aber auch kaum anders, als das Buch dann eben doch als
       Kommentar zur Gegenwart zu lesen. Denn sosehr das alles auch seinen eigenen
       Gesetzen folgt oder auch gar keinen Gesetzen (nicht umsonst gehört der
       Anarchismus zu den Themen, auf die Pynchon immer wieder zurückkommt), so
       deutlich schält sich ein Strang heraus, der sich um das Erstarken des
       Faschismus und schließlich auch um Antisemitismus dreht.
       
       Schon in Milwaukee kommt die „Hitler-Bewegung“ als Bedrohung ins Bild.
       Milwaukee ist stark von deutschen Einwanderern geprägt, es gibt
       Auseinandersetzungen mit der italienischen Mafia und afroamerikanischen
       Gruppen. In Europa ist das Erstarken des Faschismus endgültig Thema.
       „Früher oder später wird es nirgends mehr sicher sein. Wir müssen woanders
       hinziehen, bevor man nur noch SA-Lieder und Dreiklänge hört“, stellt Daphne
       fest. – „Ihr Jungs kommt bei allem Jüdischen ganz schön in Rage, was?“,
       sagt eine andere Figur später.
       
       Und während die Welt ins Dunkle, Richtung Faschismus und Krieg driftet,
       beschreibt Pynchon die Reaktionen der Menschen darauf. Neben den Figuren,
       die bereits an Fluchtrouten für Juden denken, gibt es auch welche, die von
       der Jagd auf sie profitieren wollen (Heino Zäpfchen, „ein sehr gefragter
       Judenjäger“, noch so was typisch Pynchoneskes). Es gibt aber auch viele
       Figuren, die einfach nur weiter ihr Ding machen zu können glauben.
       
       ## Nichts wird wieder normal
       
       Eine Kernstelle ist folgender Dialog: „Ich bleibe nur so lange wie nötig,
       bis alles wieder normal ist.“ – „Ach, herrje, wissen Sie es wirklich noch
       nicht? Die Dinge werden nie wieder so sein, wie sie mal waren.“
       
       Nichts wird je wieder normal! Es bleibt bei alledem aber eben auch beim
       Schillern. Man möchte, wenn man diesen Roman gelesen hat, nicht nur
       Verständnismöglichkeiten liefern, man möchte schlicht auch schwärmen. Schon
       der erste Satz: „Wenn Ärger in die Stadt kommt, nimmt er meist die
       North-Shore-Linie“ – klassisch! Wie genau er seine Dialoge realen
       Sprechweisen ablauscht! Wie lustig auch die Liedtexte sind, die er
       einstreut, etwa „Mach mal Pause von der Prohibition“, vorangetrieben von
       einem Schlagzeuger namens Pancho Caramba. (Das alles biegsam ins Deutsche
       übertragen von Nikolaus Stingl und [3][Dirk van Gunsteren.)]
       
       Was Thomas Pynchon hier als Alterswerk vorlegt, ist auch ein Kaninchenbau:
       ein möglicher Eingang, von dem aus man sich in seinem Werk verlieren kann.
       Und das ist dann vielleicht der kunstreichste aller Kommentare: Schau her,
       MAGA, mich kriegt ihr nicht! Damit behauptet Thomas Pynchon auch das
       Eigenrecht seiner Literatur. Und man denkt: Solange Pynchon gelesen wird,
       haben die Trumps, Vances und Musks dieser Welt noch nicht gewonnen.
       
       15 Oct 2025
       
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