# taz.de -- Auslassungen über einen Modebegriff: Der Komplexitäts-Komplex
       
       > Alle möglichen Sachverhalte sind heutzutage wahlweise „komplex“ oder
       > „unterkomplex“. Das Wort wird nicht nur inflationär verwendet, sondern
       > falsch.
       
 (IMG) Bild: Ganz klar und gar nicht komplex
       
       An einem Tag, an dem man gerade nichts Besseres zu tun hat, kann man sich
       ja mal wieder [1][über die Nachrichtenlage erregen]. Und zwar nicht nur
       über die Inhalte, das sowieso, sondern auch über die Formen. Man kann sich
       sogar für Augenblicke über einzelne, inflationär gebrauchte Worte ärgern.
       Was wir zunächst zeitnah plural problematisieren sollten, sind die gefühlt
       Tausenden von Erscheinungsweisen des herausfordernden Begriffs „komplex“ in
       der Mitte der Gesellschaft.
       
       Unser Bundeskanzler will zum völkerrechtswidrigen Übergriff der USA in
       Venezuela lieber keine Meinung haben, [2][denn „die Rechtslage ist
       komplex“]. Die Zeit erkennt den Feminismus von Taylor Swift, denn
       „Künstlerinnen als entweder progressiv oder regressiv zu bezeichnen, wird
       der Komplexität des Lebens nicht gerecht“. Die deutsche Bundesbahn
       verweigert bei der gedruckten Fahrplanauskunft Informationen:
       „Gültigkeitstage für eine Darstellung zu komplex“.
       
       Vor allem in der Wirtschaftswelt lauern überall Gefahren des Komplexen. Das
       unmögliche Möbelhaus Ikea streicht 800 Stellen mit der Begründung: „Wir
       sind zu komplex in einem Einzelhandelsumfeld geworden, das Geschwindigkeit
       und Agilität erfordert“. Dem Handelsblatt wird bezüglich der Bürokratie bei
       der Bankenaufsicht von deren Exekutivdirektor bescheinigt: „Die Regulierung
       in Deutschland ist zu komplex geworden“. In der Finanzzeitung Cash erfahren
       wir: „Altersvorsorge ist zu komplex, um sie als Massensparplan
       darzustellen“. Sogar das Bundesministerium für Gesundheit beichtet: „Seien
       wir ehrlich: Viele digitale Angebote der Bundesregierung sind zu komplex
       für die Bürger.“
       
       ## Die K-Frage
       
       Aber auch in der Weltpolitik muss vieles an der K-Frage scheitern.
       „Eskorten für Öltanker am Golf: komplex und höchst riskant“. So erfahren
       wir’s in allen Qualitätsmedien von „Antenne Düsseldorf“ über die FAZ bis
       zum Traunsteiner Tagblatt. Schließlich mahnt auch Biogena-CEO Albert
       Schmidbauer: „das Thema Mikronährstoffe ist komplex“.
       
       Und bei „inside digital“ macht man sich Sorgen um die deutschen
       Steuerzahler: „Zwar funktioniert das auch mit Elster, jedoch ist das
       staatliche Portal nicht wirklich benutzerfreundlich und die meisten
       empfinden die Software als zu komplex“. Schließlich kann man auch bei der
       Freizeitgestaltung verzweifeln. Bei Reddit fleht jemand: „Alles, worauf ich
       hinarbeiten will, ist zu komplex für mich. Bitte schlag’ mir etwas
       Einfaches vor.“
       
       Es ist also überhaupt kein Wunder, dass wir uns aufführen wie die Deppen,
       aufs Smartphone glotzen, beim Italiener Pizza con Wurstel bestellen und
       Merz, Dobrindt, Reiche, [3][Weimer] für eine demokratische Regierung
       halten: Die Welt ist einfach zu komplex geworden.
       
       ## Was man nicht richtig findet, ist unterkomplex
       
       Bekanntlich allerdings gibt es Dinge, die so falsch sind, dass auch das
       Gegenteil bescheuert ist. In unserem Fall handelt es sich dabei um einen
       gern gebrauchten Vorwurf. Es ist, sagt man dann zu Dingen, die nicht dem
       eigenen Bild entsprechen, „unterkomplex“.
       
       Das fängt ja schon bei unserer „Kriegstüchtigkeit“ an! Marion Schiefer,
       CDU-„Fachfrau für Innen und Recht, Justiz, Strafvollzug, Opferschutz,
       Verfassungsschutz, Extremismus“, erkennt klar: „Bis zum Überfall Russlands
       auf die Ukraine war der Schutz kritischer Infrastruktur in Deutschland
       überwiegend unterkomplex organisiert.“ Oder: „Eine Frau, ein Mensch. Mit
       allem, was dazugehört: Job, Familie, Gesundheit. Klingt simpel, geradezu
       unterkomplex“ leitet Dr. Phil. Rebekka Reinhard ihr Buch „Zukunft ist kein
       Männerding“ ein.
       
       Zu Trumps Forderung nach militärischer Hilfe in der Straße von Hormus heißt
       es im Focus: „Man mag das unterkomplex nennen. Es bleibt aber der
       Standpunkt des US-Präsidenten – noch dazu einer, zu dem er nicht stündlich
       die Meinung wechselt.“ Der darf das, der Trump.
       
       Und nicht einmal Banksy kann sich wehren, wenn sich zu seiner Kunst-Aktion
       in den Stuttgarter Nachrichten die Frage erhebt: „Unterkomplex oder großer
       Coup? Abschied vom Schredderbild“. Von der Kunst- in die Alltagswelt, zum
       Beispiel die der Cloppenburger Fußgängerzone: „Das Geschäftesterben auf das
       Thema Parkplätze zu reduzieren, ist unterkomplex“, erkennt die
       Oldenburgische Volkszeitung.
       
       ## Eine Begriffsverwirrung
       
       Der inflationäre Gebrauch von „komplex“ ist schon deshalb reichlich
       unterkomplex, weil der Begriff schlicht mit dem Begriff des „Komplizierten“
       gleichgesetzt wird. Als komplex aber versteht man – jenseits von Medizin
       und Architektur – ein System, das zu anderen offen ist, dynamisch, mit
       einer Vielzahl von Elementen und Beziehungen wirkend und sich durch
       Rückkopplungseffekte vor Entropie schützend. Ein selbstorganisierendes,
       letztlich nicht vollständig berechenbares und schon gar nicht
       kontrollierbares Geschehen. Ja, wirklich, das ist komplex. Man kann aber
       auch einfach lebendig dazu sagen.
       
       Alles, was lebt, ist komplex. Eine Maschine kann höchstens kompliziert
       sein. Bei einer Gesellschaft, bei einer künstlichen Intelligenz oder bei
       einem Text kann man sich da nicht mehr so sicher sein. Da wird die Grenze
       zwischen dem Komplizierten und dem Komplexen prekär.
       
       Der Massengebrauch von „komplex“ oder eben „unterkomplex“ ist einerseits
       bloße Rhetorik: „Komplex“ ist das Problem, das ich nicht in den Griff
       kriegen kann oder will; „unterkomplex“ ist immer das, was die anderen sagen
       oder tun. In einer Welt, in der alle Probleme zu komplex und alle
       Lösungsvorschläge zu unterkomplex sind, muss man politische Bewegungen
       erwarten, die eben das im Programm haben: „Komplexitätsreduzierung“.
       
       In einer komplexen Welt zu leben, ist nämlich verdammt anstrengend, und
       noch anstrengender ist es, ihr mit Vernunft und Moral zu begegnen. Neben
       der rhetorischen Rumeierei ist dabei in der Doppelangst vor dem Komplexen
       wie dem Unterkomplexen noch zu erkennen, wie uns die
       Unterscheidungsmerkmale abhandenkommen.
       
       Wenn nämlich Rechtslagen, Fahrpläne, Firmenidentitäten oder
       Bürger*innen-Informationen zu komplex geworden sind, um Aufklärung und
       Kontrolle zu erlauben, vernebelt es uns die Dialektik zwischen dem
       komplexen Leben und den komplizierten Regeln, die wir uns dafür gemeinsam
       geben.
       
       1 Apr 2026
       
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