# taz.de -- Digitalisierung rettet DDR-Schulbücher: Braunschweig bewahrt die Ideologie
> Das Georg-Eckert-Institut in Braunschweig scannt derzeit 1.000
> DDR-Schulbücher. Ziel ist, zu erforschen, wie durch sie das Weltbild
> vermittelt wurde.
(IMG) Bild: Ausstellung in Sachsen, 2021: DDR-Schulbücher sind besser aus der Distanz zu betrachten – auch, wegen des miesen Materials
Osnabrück taz | Die DDR ist Geschichte. Aber was Geschichte ist, ist nicht
tot. Und wer aus der Geschichte lernen will, muss sich an sie erinnern, sie
erforschen. Das Braunschweiger [1][Leibniz-Institut für Bildungsmedien],
Georg-Eckert-Institut (GEI), im Besitz von rund 1.000 Schulbüchern des 1990
beendeten Sozialismus-Versuchs Deutsche Demokratische Republik, bereitet
derzeit einen solchen Lerneffekt vor: Es macht das Druckerzeugnis-Konvolut
digital zugänglich. Rund 120.000 Seiten werden dafür eingescannt, sämtlich
von Hand. Zwei Jahre wird diese Geduldsarbeit dauern, bis Mitte 2027.
Dass sich die Bücher demnächst digital durchsuchen lassen, auch unter
Einsatz von KI, soll ihre Analyse erleichtern. [2][Forschungen zur
Weltbildvermittlung] und zur Verwendung ideologisch geprägter Narrative
werden leichter gemacht. Muster didaktischer Wirkmittel können so besser
durchleuchtet werden, Inhaltsentwicklungen, Zielsetzungen politischer
Bildung. Auch die Lehramtsstudierenden der TU Braunschweig profitieren
davon: In Seminaren des Georg-Eckert-Instituts werden sie sich nicht
zuletzt mit Quellenkritik befassen.
Es geht aber auch [3][um das Material, aus dem die Bücher hergestellt
sind]: „Das zerbröselt uns zum Teil in den Händen“, sagt Anke Hertling,
Leiterin der institutseigenen Forschungsbibliothek. „Die Papierqualität ist
denkbar schlecht. Die Seiten weisen teils starke Verbräunungen auf, und
stellenweise ist dadurch der Text nur noch schwer erkennbar.“ Hier schlägt
[4][die Ressourcenknappheit der damaligen DDR durch]. Außerdem sollten die
Bücher so preisgünstig wie möglich sein, Premiumverarbeitung war also keine
Option. „Die sind echte Sorgenkinder“, sagt Hertling. „Die sind stark
gefährdet.“
## Emotionale Medien
Generell konzentriert auf soziokulturelle, politische, ökonomische und
historische Kontexte, befasst sich das Institut für diese Rettungsarbeit,
gefördert von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, mit
Schulbüchern der Fächer Geschichte und Staatsbürgerkunde. Und während
Letztere oft als „ziemliche Textwüste“ daherkommen, seien die
Geschichtsbücher „sehr viel ansprechender, aufwändiger und kreativer
gestaltet“, sagt Hertling. „Da hat man sich wirklich Mühe gegeben, mit
vielen Bildern und Tabellen, vielen Quellen.“
Hertling kennt das alles nicht nur aus professioneller, sondern auch aus
persönlicher Sicht, denn sie ist in der DDR zur Schule gegangen. „Besonders
am Geschichtsunterricht war ich immer stark interessiert“, sagt sie. Die
Bücher, die das Institut gerade aufbereitet, sieht sie auch als „emotionale
Medien“: „Die haben ja jeden lange begleitet. Da musste ja jeder durch.“
Nach ihrer Digitalisierung stehen die DDR-Bücher zunächst nur der Forschung
zur Verfügung. Frei nutzbar, für jedermann, werden sie erst später, denn
sie unterliegen noch dem Urheberrecht. Aber auch bis dahin lohnt sich schon
ein Blick in Titel wie August Märckers „Fibel für den Schreib- und
Lese-Unterricht im ersten Schuljahr“, Hamburg, 1888 („Ich bin klein, mein
Herz ist rein …“) oder die „Geschichte der Menschheit und der Religion in
Erzählungen zur Unterweisung der Jugend“ von Christoph Friedrich Conrad,
Berlin, 1776. Diese Bücher sind frei am Bildschirm einsehbar.
## Ergebnis mit ein paar Klicks
Das Georg-Eckert-Institut besitzt Schulbücher aus 180 Ländern, die ältesten
aus dem 17. Jahrhundert. Seine Sammlung ist 183.000 Print- und
Online-Medien groß, von der Geografie bis zur Sozialkunde, vom Lesebuch bis
zum Atlas. „Das reicht bis Nordkorea“, sagt Hertling. „Aus diesem Land
haben wir zwar nur ein einziges Buch, aber immerhin.“ Ein weltweit
einzigartiger Schatz. Um ihn zu mehren, helfen oft persönliche Kontakte:
Neulich habe ein iranischer Gastwissenschaftler dem Institut „ein ganzes
Paket“ zusammengestellt. Deutschland ist vollzählig vorhanden, die EU auch.
In jedem der Digitalisate steckt viel Arbeit. „Wenn wir das nach dem Scan
in unsere Software einspielen, müssen wir ja noch überprüfen, ob auch
wirklich alles stimmt. Ist das der richtige Text? Welches Kapitel und
welche Abbildung steht auf welcher Seite?“, erklärt Hertling. Passt alles,
können sich die ForscherInnen bedienen. Wer etwa wissen will, wie oft und
in welchen Kontexten der Begriff „Arbeiterbewegung“ in den 120.000 Seiten
vorkommt, ist vom Ergebnis fortan nur ein paar Klicks entfernt.
Und der Blick in die 1.000 Bände ist nicht nur ein Blick in die
Vergangenheit. Er vertieft unser Wissen um die Mechanismen, derer sich
politische Bildung bedient. Und ein Vergleich etwa zur Bundesrepublik wie
auch zu anderen Ländern lohnt sich, denn Ideologien, die in Bildung
einzusickern versuchen, gibt es überall.
Dass rechtsgerichtete Polit-Akteure Einfluss auf das Schulwesen gewinnen
könnten und dadurch auf Schulbuchinhalte, wie von der AfD bereits versucht,
sieht Hertling mit Sorge. „Wir sehen unsere Aufgabe darin, die
Multiperspektivität in Schulbüchern zu fördern“, sagt sie. „Das geht von
der Inklusion bis zur Queerness.“
30 Aug 2025
## LINKS
(DIR) [1] /Antiziganismus-im-Bildungssystem/!6000369
(DIR) [2] /Friedenslernstoff/!5197303
(DIR) [3] /Pulverisierung-der-Kultur/!347897/
(DIR) [4] https://www.zeit.de/news/2024-05/27/erhalt-von-ddr-dokumenten-besondere-aufgabe-fuer-archive
## AUTOREN
(DIR) Harff-Peter Schönherr
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