# taz.de -- Pulverisierung der Kultur
       
       > Zu Besuch bei einer Buchrestauratorin
       
       von GABRIELE GOETTLE
       
       Angelika Starke, Dipl.-Restauratorin f. Buch und Grafik i. d. Preservation
       Academy Leipzig (PAL). 1962 Einschulung i. d. Ernst-Schneller-OS Mölkau,
       1974 Abitur am Rudolf-Hildebrand-Gymnasium Markkleeberg. Praktikantin i. d.
       Restaurierungswerkstatt v. Wolfgang Wächter a. d. Deutschen Bücherei
       Leipzig. 1976 erfolgreicher Abschluss d. Lehre a. Facharbeiter f.
       buchbinderische Weiterverarbeitung. 1978–1982 Studium a. Museum f. Deutsche
       Geschichte, Fachrichtung „Restaurierung von Büchern u. Kulturgut aus
       Papier“. 1982 erfolgreicher Abschluss als Diplom-Restauratorin. Engagierte
       Teilnahme an den Fortschritten i. d. Restaurationswerkstatt u. a. d.
       Vervollkommnung reproduzierbarer Prozesse führen zu einem umfangreichen
       Methodenrepertoire. 1991 Umbenennung d. Werkstatt in „Zentrum für
       Bucherhaltung“ (ZFB). 1994 Ausstattung m. einer technischen Anlage zur
       Massenentsäuerung u. einer Papierspaltmaschine. Chefrestaurator Wolfgang
       Wächter verlässt auf Grund krasser Sparzwänge die Deutsche Bücherei und
       gründet 1998 das ZFB als eigenständigen Wirtschaftsbetrieb. Angelika Starke
       verlässt ebenfalls die DB u. folgt ihm als unverzichtbare Fachkraft nach,
       sie wird u. a. Bereichsleiterin der Abt. „Sonderarbeiten, Einzelstücke“ u.
       kümmert sich 2002 sehr um die bei der Hochwasserkatastrophe überfluteten
       Bücher. 2003 verlässt Angelika Starke das ZFB, das seit längerem
       betriebsinterne Spannungen hat. Sie folgt – zusammen mit vielen ihrer
       hochqualifizierten Kolleginnen – ihrem alten Lehrer Dr. Wolfgang Wächter in
       seine frisch gegründete Preservation Academy (PAL). Monika Starke wurde
       1956 in Leipzig geboren, sie hat zwei Kinder und ist seit 1990 verwitwet.
       Ihre Mutter war Sekretärin, ihr Vater war Abteilungsleiter i. Rundfunk- und
       Fernmeldewerk Leipzig. 
       
       Die gesamte Literatur des 20. Jahrhunderts ist im Begriff, sich aufzulösen.
       Alles, was im Zeitraum von 1850 bis 1870 auf industriell hergestelltem
       holzhaltigem Papier gedruckt, geschrieben und gezeichnet wurde – also
       sämtliche Bücher und auch Tagebücher, Briefe, Akten, Plakate usw. –, wird
       unbenutzbar, strebt einem immer rascher fortschreitenden „Säuretod“
       entgegen. Riesige Fichten- und Kiefernwälder wurden im Zuge der
       Industrialisierung abgeholzt, um unser kulturelles Gedächtnis auf Papier zu
       bannen, doch nun, wo die Pulverisierung dieses Papiers und akuter
       Gedächtnisverlust drohen, fehlt es an Tatkraft und öffentlichen Mitteln.
       Bereits in den 90er-Jahren zeichnete sich das Ausmaß der zukünftigen
       Katastrophe ab, damals hatten etwa 30 Prozent der Bibliotheksbestände
       Säureschäden, heute melden die Bibliotheken alarmierende Zahlen bis zu 70
       Prozent. Man behilft sich mit Mikroverfilmung und Digitalisierung, um
       wenigstens ein benutzbares Ersatzmedium zu besitzen, und wenn die Mittel es
       erlauben oder welche eingeworben werden können, lässt man wertvolle und
       wichtige Druckwerke restaurieren und konservieren von ausgewählten
       Fachleuten.
       
       Mit einer solchen Frau vom Fach sind wir heute an ihrem Arbeitsplatz
       verabredet. Sie ist Restauratorin mit einer mehr als 30-jährigen
       Berufserfahrung und arbeitet in der Preservation Academy Leipzig.
       Akademischer Direktor der PAL ist ihr ehemaliger Lehrer, Prof. Wolfgang
       Wächter, der unter Bibliothekaren als einer der besten deutschen
       Restauratoren bekannt ist und schon zu DDR-Zeiten einen Ruf in
       internationalen Fachkreisen hatte. Die PAL befindet sich sinnigerweise im
       „grafischen Viertel“, im Osten der Stadt. Das Viertel heißt deshalb so,
       weil dort vom 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg – bis zur
       Bombardierung 1943 – ein großes Bücherzentrum mit Verlagshäusern,
       Druckereien und Buchhändlern existierte. Heute sieht man hier vor allem
       Büro- und Geschäftshäuser, Häuser aus der Gründerzeit, Museen und ein paar
       verschont gebliebene Prachtbauten, wie beispielsweise das Leipziger
       Stammhaus des Reclam-Verlages, mit seiner schön verzierten gelben
       Klinkerfassade. Es wurde Anfang 2006 endgültig geschlossen. Und nebenbei
       bemerkt, natürlich ist auch die berühmte „Universal-Bibliothek“ vom
       Papierzerfall längst eingeholt. Vis-à-vis vom „Reclam Karree“, in der
       Kreuzstraße 12, residiert PAL in einem fünfstöckigen rosafarbenen
       Gewerkegebäude von 1922, und der Gedanke ist irgendwie wohltuend, dass es
       hier erfahrene Leute gibt, die das Schlimmste verhindern könnten.
       
       Frau Starke empfängt uns sehr freundlich und führt uns ein wenig herum. Im
       Parterre befinden sich Werkstatträume und die modernsten
       Entsäuerungsanlagen zur Massenentsäuerung von Büchern und Archivalien, was
       ja eine der vordringlichsten Aufgaben ist. In chromblitzenden Behältern,
       die aussehen wie Sterilisatoren in einem Groß-OP, werden die Bücher in
       einem besonders schonenden Verfahren entsäuert. Mittels einer
       Entsäuerungslösung werden puffernde Substanzen ins Papier eingebracht, sie
       neutralisieren die zerstörenden Säuren und schaffen einen alkalischen
       Überschuss, der die Bücher und Dokumente für lange Zeit vor weiterer
       Zersetzung bewahrt. Es gibt sogar eine Anlage zur Rückgewinnung und
       Wiederverwendung des (unschädlichen) Lösungsmittels. Die Bücher müssen in
       keiner Weise demontiert werden, die gefürchteten Schäden wie auslaufende
       Stempel, Tinten, Tintenstifte usw. können so gut wie vollkommen vermieden
       werden. Auch farbige Einbände, Fotos, Folien und Goldschnitte bleiben
       unverändert. Allerdings können die bereits eingetretenen Schäden nicht
       rückgängig gemacht werden, das Buch verlässt die Anlage quasi im
       konservierten Erhaltungszustand und ist somit gerettet. Allein im März
       wurden hier 10 Tonnen Papier entsäuert, man sagt, über den Daumen gepeilt,
       dass zwei Bücher etwa ein Kilo wiegen. Akten ebenso. 10.000 Kilo sind also
       20.000 Bücher. Die Bundesrepublik Deutschland hat einen Rahmenvertrag mit
       der PAL abgeschlossen, der umfangreiche Entsäuerungsleistungen für Archive
       und Bibliotheken der Bundesrepublik – Nationalbibliothek Leipzig, StaBi
       Berlin, das Geheime Preußische Staatsarchiv und das Marbacher
       Literatur-Archiv – über einen längeren Zeitraum vorsieht. Allein dafür
       werden hier jährlich 30 Tonnen Bibliotheksgut und 8 Tonnen Archivgut
       entsäuert. Seit Ende 2005 hat die PAL in Kooperation mit der russischen
       Nationalbibliothek auch in St. Petersburg ein Bestandserhaltungszentrum
       aufgebaut, ein weiteres in Polen folgt.
       
       Frau Starke führt uns hinauf in den ersten Stock in die
       Restaurationsabteilung, durch lange offene Arbeitsräume, in denen die
       Restauratorinnen sich über die großen glänzenden Arbeitsflächen ihrer
       fahrbaren Metalltische beugen und vorsichtig etwas auseinandernehmen oder
       zusammenfügen. Sie deutet im Vorbeigehen auf schwere Pressen und
       hochgestapelte blaue Plastikbücherkästen, in denen das Kulturgut lagert. Es
       sieht aus wie in einer Buchbinderei und ein irgendwie vertrauter Geruch
       nach Papier, Leim und Lösungsmittel liegt in der Luft. In ihrem
       Arbeitsraum, den sie mit der Fotografin Anja Grubitzsch teilt, zeigt sie
       uns ein paar Einzelbände, für die speziell sie zuständig ist. Wir sind hoch
       erfreut, es sind zwei Bände des berühmtesten anatomischen Lehrbuches „De
       humani corporis fabrica“, das der flämische Arzt Andreas Vesalius 1543
       drucken ließ. Diese erste genaue Darstellung der menschlichen Anatomie –
       ein ketzerisches Werk – begründete die wissenschaftliche Anatomie der
       Neuzeit. Es gab zahlreiche Nachdrucke, diese beiden sind von 1585 und 1614.
       Wann hat man so etwas schon mal direkt vor Augen?! Auch Frau Starke hat
       trotz langjähriger Routine die Leidenschaft für alte Bücher nicht verloren.
       Sie streicht über den stark angebrochenen dicken Einband und sagt:
       „Schimmel, einfach Schimmel, irgendwann ist es feucht geworden. Das Papier
       wird völlig instabil und zerfällt dann an diesen Stellen. Das wird jetzt
       erst mal Gamma-bestrahlt in Radeberg – da ist so eine Firma, die
       Lebensmittel bestrahlt, mit denen haben wir einen Vertrag –, so werden die
       Sporen abgetötet. Man kann das auch mit einem Pinsel und Radiermedium
       machen, muss aber dafür sorgen, dass man’s nicht einatmet. Früher waren wir
       ja hart im Nehmen, aber es hat sich herausgestellt, dass manche
       Schimmelpilzarten geradezu gefährlich sind. Eine Kollegin in der
       Universitätsbibliothek hat eine starke Schimmelallergie. Die hatte ja durch
       den Krieg, wo das Gebäude nur noch als Ruine existierte, schwere
       Wasserschäden in ihren Magazinen. Und auch wenn’s dann jahrzehntelang
       trocken und ruhig steht, sind die Sporen ja immer noch da.
       
       Es geht ja nicht nur um den Säureverfall und den Tintenfraß, neben dem
       Schimmel haben wir auch Mäusefraß“, sie lacht, „manchmal sind die Bücher
       richtig angeknabbert. Die fressen Leder und Holz, oder sie polstern auch
       Nester aus … Manchmal sind es auch Silberfischchen, die sich an der
       Blattoberfläche entlangfressen, aber fast nur in neueren Büchern,
       Hadernpapier mögen sie nicht so. Dann gibt es noch Holzwürmer, die fressen
       sich durch Leder, Holzdecke, manchmal durchbohren sie das ganze Buch, um
       auf der anderen Seite weiterzufressen. Na ja, und wenn ich mir das dann
       ansehe, die Schäden, dann muss ich eben nicht nur wissen, wie sie
       verursacht wurden, sondern vor allem muss ich wissen, wie ich’s repariere.
       Ich habe mich ja spezialisiert im Lauf der Jahre auf historische Bücher,
       besonders auf Bucheinbände von Einzelstücken, also das mache ich wirklich
       gern. Wir haben zum Beispiel ein Chorbuch aus dem Jahr 1575 bekommen,
       ‚Pirna codex II‘, von der Universitätsbibliothek Dresden, die hat es als
       Dauerleihgabe von der Marienkirche Pirna. Es hatte einen schweren
       Kriegsschaden, Wasserschaden, und ist ziemlich groß. Das habe ich zur Gänze
       restauriert, ja.
       
       Von diesem Chorwerk gibt’s mehrere Bände, einen anderen haben wir vor
       längerer Zeit mal restauriert, das hat damals Prof. Wächter gemacht, und
       ich habe den Einband gearbeitet. Diesmal habe ich alles alleine machen
       dürfen. Eine Riesenarbeit! Also, es werden überschlagen am Ende so 230 bis
       250 Arbeitsstunden gewesen sein. Aber das kann bei unserem Stundensatz ja
       kein Kunde zahlen und deshalb sind unsere Chefs dann auch kulant, besonders
       bei so einem Objekt, mit dem man auch an die Öffentlichkeit treten kann …“
       Sie zeigt uns auf ihrem Computerbildschirm, wie ein zerfledderter
       Buchkörper mit fadenscheinigen Notenseiten Schritt für Schritt zu einem
       kunstvoll nach Art der Zeit gebundenen und eingebundenen Buch wird, mit
       stabilem Papier und Schließen aus Messing. Ganz wunderbar. „Den
       Holzdeckeleinband im Stil des 16. Jahrhunderts, den wollte der Kunde ja so.
       Zum Schluss, nach dem Einledern, hab ich dann die Schließen angefertigt.
       Ich habe im Garten eine kleine Werkstatt, einen Schraubstock, eine
       Ständerbohrmaschine, und dann säge ich mir die Form zurecht und lege los
       mit meinen Feilen, zum Schluss wird’s poliert. Erst mal soll es glänzen.
       Aber sie sind kein Schmuck, sie sollen den Buchblock mit einem gewissen
       Druck zusammenhalten und das Buch so auch schützen. In vielen Bibliotheken
       sind die irgendwann mal alle abgemacht worden, leider, weil sie nicht
       richtig ins Regal passten und störten. Ich habe hier deshalb eine Kassette
       angefertigt zum Schutz.
       
       Die Hauptarbeit bestand natürlich in der Behandlung der einzelnen Blätter,
       der eine Teil war mit Farben und der andere mit Eisengallustinte
       geschrieben. Diese Farbe hat unwahrscheinlich fest aneinandergehaftet, das
       Buch war wie ein Klumpen. Ich habe große Probleme gehabt, das voneinander
       zu lösen, habe natürlich die Pigmente analysiert, aber es half nichts, ich
       musste Seite um Seite mechanisch lösen. Und ein weiteres Problem gab es mit
       den Tintenfraßschäden, die runden Notenkörper sind zum Teil richtiggehend
       rausgefallen. Tintenfraß ist nur durch Entfernung der schädigenden Säuren
       und Eisenionen zu stoppen. Also, es war wirklich ein Totalschaden. Unter
       guten Lagerbedingungen können solche Bücher mit Hadernpapier, also
       vergleichbare Inkunabeln, die können 500 Jahre ohne sichtbare
       Alterserscheinungen überstehen. Aber hier hatte der Wasserschaden ganze
       Arbeit geleistet, sodass ich die 180 Doppelblätter – mit ihren Fragmenten –
       im Spaltverfahren stabilisiert habe. Das manuelle Spaltverfahren besteht
       kurz gesagt darin, dass auf das geschädigte Blatt von beiden Seiten ein mit
       Gelatine beschichtetes Spezialfilterpapier aufgetragen wird, sodass das
       Original sandwichartig eingebettet ist. Dann wird es gut gepresst, und das
       ist reine Erfahrungssache, wie fest und wie lange, es spielt alles eine
       Rolle, Raumtemperatur, Feuchtigkeitsverhältnisse. Und nach dem Pressen kann
       ich das Blatt problemlos in der Mitte spalten, ich ziehe die beiden
       elastischen Teile einfach vorsichtig auseinander. Ich muss dabei für einen
       gleichmäßigen Zug in 90 Grad zum noch geschlossenen Teil des Blattes
       sorgen. Und dann kann ich quasi jetzt von innen die Fehlstellen ergänzen.
       Und dann klebe ich mit Methylcellulose, die ist chemisch rein, ein sehr
       dünnes Japanpapier in die Mitte zur Stabilisierung. Danach schließe ich die
       Seite wieder, das mache ich natürlich am Lichttisch, denn ich muss sehen,
       dass die Passgenauigkeit ganz exakt ist. Dann wird das Blatt getrocknet,
       und nun muss ich ja meine Trägerpapiere mit der Gelatine wieder ablösen.
       Dazu lege ich sie in ein Enzymbad, denn die Enzyme bauen die Gelatine
       vollkommen ab, ohne sich auf den Kernkleber und die Zellulose auszuwirken.
       Anschließend werden die Enzyme in heißen Wasserbädern immobilisiert und
       zugleich werden alle Rückstände vom Original entfernt. Die Gelatine hat
       übrigens nicht nur die beschriebene Funktion, sie hat ja auch die
       vorzügliche Eigenschaft der Komplexbildner, das heißt, sie verbindet sich
       mit Eisenionen und eliminiert die Säure aus Eisengallustinten. Aber es
       funktioniert natürlich nicht jede Sorte. Zu DDR-Zeiten benutzten wir die
       Marke ‚Brillant‘, die war für den Bäckermeister, für den Tortenguss. Nach
       der Wende war es schwierig, eine gleichwertige zu finden unter den vielen
       Sorten, es gibt basisch hergestellte, sauer hergestellte, je nach dem, wie
       das Eiweiß aus den Knochen und der Haut und dem Zeug eliminiert wird. Es
       war wirklich ein Problem, eine Sorte zu finden, die funktioniert. Für
       dieses Chorwerk habe ich 12 Kilogramm Gelatine verbraucht.“ Sie lacht und
       deutet auf das Bild des fertigen Buches, „und dann kam nach dem
       vollständigen Trocknen zwischen Filzfliesen – damit es keine Spannungen
       gibt – noch die buchbinderische Arbeit. Und das ist einfach ein sehr
       schönes Gefühl, das man dann hat, wenn das Buch fertig vor einem liegt.
       Aber ich denke dann gleich an das, was unser Chef, Prof. Schäfer, immer
       gesagt hat, wir haben die Verpflichtung, vor allem an die Bestände zu
       denken. Und der Bestand besteht aus vielen Millionen von Büchern und nicht
       aus Inkunabeln im Kämmerlein, an denen ich ein halbes Jahr vor mich hin
       restauriere!
       
       Allein hier in der Deutschen Bücherei Leipzig, die ja jetzt zusammen mit
       der Deutschen Bibliothek Frankfurt am Main den Namen ‚Nationalbibliothek‘
       trägt, sind von, sagen wir mal, 10 Millionen Bänden mehr als die Hälfte
       schwer gefährdet. Das ist ja ein Kulturgut, das in Gefahr ist! Sie haben
       eine komplette Sammlung aller deutschsprachigen Veröffentlichungen, von
       1913 bis heute, glaube ich, es gab ja dann auch das Gesetz der
       Pflichtexemplare. Sogar zur DDR-Zeit haben sich einige westdeutsche Verlage
       daran gehalten und uns ein Exemplar geschickt, so zum Beispiel der
       wissenschaftliche Springer Verlag, dessen damaliger Chef, Claus Michaletz,
       übrigens heute einer der beiden Geschäftsführer der PAL ist. Und ansonsten
       gab es eine Abteilung ‚Erwerbungen‘, wo mit wertvollen Devisen das Fehlende
       zugekauft werden musste. Und sie wissen, Nationalbibliotheken sind ja
       Präsenzbibliotheken zur Nutzung im Lesesaal, aber die Beanspruchung ist
       natürlich trotzdem groß. Und geschädigt sind Exemplare, die bis in die
       70er-Jahre des 20. Jahrhunderts gedruckt wurden. Bis zu dieser Zeit wurde
       ja viel auf Holzschliffpapier gedruckt, auch im Westen, auch in anderen
       Teilen der Welt. Bei uns in der DDR wurde bis weit in die 80er-Jahre hinein
       noch Holzschliffpapier für Bücher verwendet. Es ist ja ein ganz besonders
       preiswertes Papier, gerade auch für Taschenbücher und Tageszeitungen.
       
       Das war das Problem von Anfang an: 1843 hat ein sächsischer Weber, Gottlob
       Keller, den Holzschliff erfunden und damit einen billigen Ersatzstoff, der
       sich ohne große Umstände industriell zu Papier verarbeiten ließ. Seit der
       Erfindung des Papiers wurde es ja aus Fasern, aus Hadern, handgeschöpft und
       umständlich erzeugt. Der Bedarf an Papier stieg rasant und da kam der
       Holzschliff gerade richtig. Aber so ein Maschinenpapier hat vollkommen
       andere Eigenschaften als ein Hadernpapier, zum Beispiel hat es eine
       Laufrichtung, das heißt, die Fasern sind ausgerichtet usw. Aber maßgeblich
       war die Leimung, mit der ein großer Anteil Säure ins Papier eindrang, man
       kann sagen, dass bereits beim Herstellungsprozess die zerstörerischen
       Substanzen ins Papier kamen. Und weil der Zerstörungsprozess
       autokatalytisch verläuft, wird beim Fortschreiben des Verfallsprozesses
       immer mehr Säure frei. Erst in den 80er-Jahren ist die Tatsache, dass das
       eine Zeitbombe ist, so allmählich ins Bewusstsein vorgedrungen.
       
       Wir haben in der DDR schon früh die Spaltmethode praktiziert in unserer
       Restaurierungswerkstatt in der Deutschen Bücherei, ich hab das ja alles
       miterleben können, ich habe ja 1974 angefangen. Das ist übrigens das
       Verdienst von Prof. Wächter und Günter Müller von der
       Universitätsbibliothek Jena, dass sie das Papierspaltverfahren so gut
       entwickelt haben und so risikofrei wie möglich. Günter Müller hat es noch
       vervollkommnet und nannte das ‚Jenaer Spaltverfahren‘, weil er spezielle
       Hilfsmittel angewandt hat usw. Die Spaltmethode an sich, die stammt aus dem
       19. Jahrhundert, da kam ein Grafikrestaurator drauf. Jedenfalls haben wir
       unter anderem bei uns Zeitungen gespaltet, also quasi so, wie ich das Buch
       bearbeitet habe, und wir haben die Trägerpapiere mit einer
       Anschmiermaschine beschichtet. In gewisser Weise haben wir schon
       Massenrestaurierung angewendet, so rationell wie möglich gearbeitet, und am
       Tag meinetwegen 200 Blatt geschafft, ja, mit der Hand. Also die Methode und
       Idee finde ich ausgesprochen elegant, nämlich von innen das Blatt zu
       stabilisieren, ohne ästhetische Veränderungen, wie sie durch äußere
       Schutzmaßnahmen immer auftreten. Aber es war ein Kampf zwischen Ost und
       West, man fand die Methode zu brutal – natürlich greift man ins Original
       ein, zerstört es auch, aber das muss der Arzt ja auch tun –, wir jedenfalls
       bringen die Krankheit zum Stillstand auf diese Weise. Heute ist die Methode
       vollkommen anerkannt. Wir waren schon die Vorreiter. Unser Chef, Prof.
       Wächter, hat sich immer sehr mit der Spaltmethode beschäftigt und mit dem
       Problem der Massenrestaurierung, die absehbar notwendig wurde und es ist
       ihm gelungen, die weltweit erste vollautomatische Papierspaltmaschine zu
       konzipieren und der schwäbische Maschinenbauingenieur Ernst Becker hat sie
       gebaut. Die Pläne, die waren ja schon zu DDR-Zeiten in der Schublade, und
       nach der Wende hatte ich immer die Befürchtung, dass mal eine Meldung
       kommt, im Westen haben sie jetzt so eine Spaltmaschine erfunden. Aber es
       ist dann relativ schnell gegangen, also in drei Jahren ist die Maschine
       gebaut worden und ich glaub 1994 wurde sie bei uns im ZFB, in der Deutschen
       Bücherei Leipzig in Betrieb genommen. Sie funktionierte sehr gut, man
       konnte praktisch die Blätter vorn reinschieben und hinten kamen sie
       restauriert wieder raus. Also wir haben es als reinen Segen empfunden und
       konnten uns manuell um andere Sachen kümmern, zum Beispiel um
       Bach-Autografen. Die schieben wir da natürlich nicht durch! Die Maschine
       dient ausschließlich der Massenrestaurierung. Also, wir haben immer
       versucht – und das kann ich so sagen, weil wir ja eigentlich ein Team
       geblieben sind –, den neuesten Stand der Technik zu garantieren, und
       deshalb wird es auch eine neue Papierspaltmaschine geben, das ist nur noch
       eine Frage des Geldes. Ja, und so ist es uns gelungen, eine richtiggehende
       Anlaufstelle für Bibliotheken und Archive zu werden.“
       
       Sie führt uns zu einem Auftrag, der gerade in Arbeit ist. „Das sind
       Dokumente vom Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen, NS-Opfer-Akten und
       KZ-Akten. Das Papier ist in einem alarmierenden Zustand, schon lange,
       deshalb haben sie dort in ihrer Not laminiert. Deshalb entlaminieren wir
       jetzt im großen Stil, das ist ein Riesenaufwand, aber enorm wichtig, auch
       wegen der Zwangsarbeiterentschädigung, da müssen ja Originaldokumente
       nachgewiesen werden. Und das sind die Totenlisten aus Dachau, der
       verschiedenen Kommandos, das Totenbuch … Also alle Originale und Akten
       werden natürlich gerettet, entsäuert, von hinten stabilisiert. Sie sollen
       digitalisiert und dann in speziellen Konservierungskartons nur noch
       gelagert werden für kommende Generationen, nicht mehr benutzt.“ Sie zeigt
       bereits restaurierte Blätter: „Das ist Durchschlagpapier, und die Listen da
       sind auf normalem Papier. Es gibt zum Glück keine beschriebenen Rückseiten,
       sodass wir nicht spalten mussten. Pervers ist das, wie die Buch geführt
       haben. Über ihre Massenvernichtung! Also, was jetzt hier liegt, sind 3.571
       Stück, und dafür haben wir 4 Wochen Zeit.“ Sie führt uns in einen Raum, in
       dem es stechend wie nach Pattex-Verdünner riecht. „Das ist das Lösemittel
       zum Entlaminieren, wir haben zwar einen Abzug, aber mit solch harten
       Bandagen muss da rangegangen werden. Das kann man wirklich am Tag nur eine
       Stunde aushalten.“ Wir fliehen lieber gleich und folgen ihr, vorbei an den
       blauen Bücherkästen. „Die haben wir hier abgestellt, einfach aus
       Platzgründen bis zur Bearbeitung, das ist von der Zentralen
       Landesbibliothek. Wir haben jetzt einen sehr großen Auftrag, die
       Magistratsbibliothek Berlin zu entsäuern.“
       
       Wieder in ihrem Raum, sucht sie etwas: „Ah, hier, das ist auch eine
       interessante Geschichte“, sie reicht uns Fotos, „das sind Koscherkarten.
       Die steckte der Fleischer in seine Ware, um zu zeigen, dass dieses Fleisch
       nach den religiösen Vorschriften koscher ist. Die waren teils aufgerollt
       und zerfleddert, wir haben sie von einem unserer Kunden aus Israel, einem
       Sammler, für ihn habe ich auch schon Plakate restauriert. Wir hatten auch
       mal, das war noch zur ZFB-Zeit, einen Restaurierungsauftrag von Rabbi
       Feldmann, eine schöne alte hebräische Handschrift, sie war richtig
       zerbröselt. Vor zwei Wochen war der israelische Außenminister da … das muss
       ein ganz toller Mann sein, ich war ausgerechnet im Urlaub … Und der war
       ganz hingerissen. Wir haben ja von allem Fotos.“ Nun möchten wir auch noch
       wissen, was in der schwarzen Schachtel ist auf ihrem Tisch. Sie öffnet sie,
       entnimmt einige handbeschriebene Seiten aus vergilbtem dünnem Papier. „Das
       ist das Heiner-Müller-Archiv. Sehn Sie, da hat er zum Glück mit Bleistift
       geschrieben. Hier mit Tinte, das ist immer schwierig, und sehn Sie, da hat
       er was gezeichnet! Den Auftrag haben wir von der Akademie der Künste Berlin
       bekommen. Wir haben auch das Gästebuch der Akademie, aus der Zeit kurz nach
       dem Krieg, das war sehr interessant. Das hab ich auch gemacht, es war
       zerrissen und eben stark benutzt. Und dann habe ich noch den Günter Grass,
       mit Zeichnungen, ich weiß jetzt nicht mehr, welches Buch das ist, das fiel
       auseinander. Es war mehr oder weniger eine Fleißarbeit, nicht so
       spektakulär. Na ja, das ist so in etwa das, was ich hier so mache, was wir
       machen. Und dann mache ich auch schon mal Gutachten, Restaurierungskonzepte
       usw., und voriges Jahr war ich mit einer Kollegin in Taiwan, da haben wir
       für die Mitarbeiter der Nationalbibliothek in Taipeh eine Schulung
       durchgeführt zur Massenentsäuerung, mit Dolmetschern natürlich. 14 Tage war
       ich dort, das war wirklich sehr schön.“
       
       Sie packt sorgsam die Blätter mit Heiner Müllers kleiner Handschrift wieder
       in die schwarze Schachtel. Der Kaffee in unseren Tassen ist kalt, so sehr
       haben wir ihn vergessen. Nun möchten wir noch etwas zu ihrer Biografie
       erzählt bekommen. Seufzend sagt sie: „Also meine Mutti war ‚Facharbeiterin
       für Schreibtechnik‘, das hieß in der DDR so. Sie war Sekretärin, aus dem
       Sudentenland vertrieben – aber darüber durfte ja nicht geredet werden in
       der Zeit. Mein Vater war Abteilungsleiter im ‚Rundfunk- und Fernmeldewerk
       Leipzig‘, er hatte mal Feinmechaniker gelernt, den Meister gemacht. Er war
       Aktivist, ganz brav. Sie haben diese kleinen Mikrofone hergestellt, die
       waren ja damals für die Radiorekorder. Also, beide Eltern haben gearbeitet,
       im Kindergarten war ich, in der Schule alles ganz normal, mein Bruder ist
       vier Jahre jünger als ich.
       
       Eigentlich wollte ich Zahnarzt werden, ich habe aber nach der Schule keinen
       Studienplatz bekommen. Ich wollte unbedingt was Handwerkliches tun, dann
       bin ich zu verschiedenen Goldschmieden, war bei einem Notenstecher, habe
       mir Handwerksberufe angesehen. Ich fand aber nichts für mich. Mein Vater
       hatte eine Kollegin, die war Gemälderestauratorin, hatte sich
       autodidaktisch gebildet. Sie war Restauratorin in Schloss Mosigkau bei
       Dessau. Wir haben sie besucht, um uns zu informieren, sie hat mich aber
       belehrt, dass man eine bestimmte Vorbildung haben muss, Arbeiten musste man
       auch vorweisen usw. und sie gab mir den Rat: Versuchen Sie es doch mal in
       der Deutschen Bücherei, die haben eine interessante Werkstatt und
       restaurieren Bücher … Ich war natürlich verbittert.
       
       Bin dann aber doch hingegangen mit meinem Vater. Und da hat der
       Chefrestaurator – der auch heute noch mein Chef hier ist – uns erklärt, es
       gibt weder eine Ausbildung noch gar ein Studium. So was gab’s damals nicht.
       Aber ich könnte ja einfach anfangen als Praktikant, mal sehen, wie ich mich
       anstelle“, sie lacht, „na und da bin ich dann sofort aufgenommen worden in
       die Werkstatt. Ich habe dann noch pro forma meinen ‚Buchbinder‘, also meine
       Berufsausbildung in ‚Erwachsenenqualifizierung‘ gemacht, das nannte sich
       damals ganz umständlich ‚Facharbeiter für buchbinderische
       Weiterverarbeitung‘. Da habe ich meine Prüfung mit Auszeichnung bestanden.
       Und dann hatte ich das Glück, dass ich unter den ersten Studenten sein
       konnte, die dieses neue Restaurierungsstudium machen durften am Museum für
       Deutsche Geschichte. Das ist leider 1989 mit untergegangen. Aber mein
       Diplom ist anerkannt worden vom Westen.
       
       Ich muss sagen, Studium ist sicher so eine Seite, die wichtig ist, aber die
       Berufserfahrung ist schon das Entscheidende. Das Wissen, welche Methoden
       ich anwende und welche ich verwerfe, wie ich neue Lösungen finde, auch mit
       anderen gemeinsam. Das lässt sich nicht auswendig lernen, das steht nicht
       in Büchern. Oder die Sensibilisierung, ich kann zum Beispiel Holzschliff
       vorzüglich riechen, ja, überhaupt alte und übersäuerte Bücher. Wenn ich ein
       Buch aufschlage, das riecht. Schimmel riecht. Oder wenn ich in eine
       Bibliothek reinkomme, da gibt es ganz typische Gerüche, Bücher dünsten
       nämlich bestimmte Substanzen aus, je nach dem, wieweit und wodurch sie
       gefährdet sind. Jede Bibliothek riecht anders, hat einen ganz
       charakteristischen Geruch. Bei so einer Arbeit ist viel Gespür dabei für
       die Sachen, auch viel Gefühl … obwohl man das eigentlich auch nicht so laut
       sagen darf. Man kann das nur schwer vermitteln. Ich bin jedenfalls sehr
       froh, dass ich Ihnen das mal zeigen konnte hier, denn das Bewusstsein in
       der Öffentlichkeit muss immer wieder aktiviert werden. Es ist ja unser
       Kulturgut und das unserer Nachkommen, das vom Zerfall bedroht ist.“
       
       27 Nov 2006
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) GABRIELE GOETTLE
       
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