# taz.de -- Raus aus der Identitätskrise: Wie kommen die Grünen wieder nach vorn?
       
       > Es sind schwierige Zeiten für die Grünen. Ein Weg raus aus dem Dilemma
       > wäre volle Unterstützung – besonders für zwei Kandidaten.
       
 (IMG) Bild: Cem Özdemir beim Landesparteitag von Bündnis 90/Die Grünen in Baden-Württemberg in Heidenheim, 24. Mai 2025
       
       Auf die Frage, wie die Grünen nach der Niederlage bei der Bundestagswahl
       wieder nach vorn kommen, höre ich derzeit in Berlin folgende Antwort:
       „Hmmmm, äh, schwierig.“
       
       Ja. Es ist aber gleichzeitig ganz einfach: Wie man im Fußball in der
       Ergebniskrise einen Sieg braucht („Egal wie“), brauchen die Grünen einen
       Wahlerfolg. Und wo ist die nächste Wahl? In Baden-Württemberg. In acht
       Monaten.
       
       Dort stellen die Grünen seit 14 Jahren den Ministerpräsidenten und die
       Mehrheitsfraktion der Regierung. [1][Sie treten an mit Cem Özdemir, dem
       drittbeliebtesten Politiker Deutschlands] und dem nach Winfried Kretschmann
       bekanntesten und populärsten Politiker Baden-Württembergs (den
       Gegenkandidaten der CDU kennt keine Sau). Da muss man doch was draus
       machen?
       
       Sollte man denken als naiver Außenstehender. Nun ist mir aber bei den
       Bundesgrünen bisher noch keine untergekommen, die gesagt hätte: Wir lassen
       den Linke-Realo-Quatsch und gehen alle zusammen voll drauf, die Kollegen
       aus Baden-Württemberg stützen wir, damit drehen wir das Ding.
       
       Ich will hier auf keinen Fall das unernste „Müssen wir linker
       werden?“-Spiel mitspielen. Das zeigt nur grüne und linke Denkverweigerung
       und die Unfähigkeit, die Komplexität der völlig veränderten Problemlage in
       der Spätmoderne anzuerkennen. Linkes Häufchen: gut. Die Mitte: angepasste
       Konformisten. [2][Das ist nichts anderes als unnötige anachronistische
       Identitätskultur.] 
       
       ## Volle Unterstützung für Özdemir und Bayaz
       
       Doch worin genau liegt jetzt der Unterschied zwischen dem Wunsch nach einer
       Welt der Verantwortungslosigkeit, den manche als „progressive“ Minderheit
       inszenieren, und Winfried Kretschmanns Partei, die Verantwortung für die
       gesamte Gesellschaft übernimmt?
       
       Der Unterschied ist, dass man in einer Regierungskoalition mit
       Andersdenkenden den sozialökologischen und gesellschaftspolitischen
       Rollback der westlichen Gesellschaften nicht einfach mit Selbstbeschimpfung
       und Haltungsgerede ignorieren kann, sondern mit ihm umgehen muss. Man muss
       strukturreparierende Politik machen, die eine liberaldemokratische
       Gesellschaft zusammenhält, welche den Fortschrittsgedanken derzeit eher
       fürchtet als unterstützt.
       
       Wenn es bei den Grünen selbst abschätzig heißt, dass sich Cem Özdemir „an
       Wähler anbiedert“, dann heißt das gleichzeitig, dass er auch Menschen für
       die Grünen gewinnen will, die die Grüne Jugend oder die Linkspartei nicht
       so geil finden, aber im Gegensatz zu ihnen bereit sind, Zukunft zusammen
       mit andersdenkenden Liberaldemokraten zu gestalten.
       
       Also: Wenn Özdemir die Wahl gewinnt oder so stark ist, dass es keine
       Regierung ohne die Grünen geben kann, dann ist die Partei bundesweit wieder
       eine sichtbare Macht. Wenn die anderen Parteien (CDU, SPD, FDP) aber die
       Chance haben, die Grünen aus Baden-Württemberg in die Opposition zu
       schicken und damit die „führende Partei der linken Mitte“ als
       Habeck-Illusion und Kretschmann-Intermezzo zu erledigen, dann werden sie
       das tun. Und dann ist Schicht im Schacht.
       
       [3][Es müsste also das oberste Interesse der Bundesgrünen sein, in den
       nächsten Monaten Özdemir und Finanzminister Danyal Bayaz zu unterstützen],
       wo es geht. Oder zumindest mal zu schweigen, wenn – etwa im Bundesrat –
       Entscheidungen anstehen, die der sogenannten grünen Seele nicht
       entsprechen. Aber werden sie das hinbekommen? Vor allem jene, die sich vor
       der bösen Welt der Verschiedenen fürchten und emotional-kulturell das Ende
       der grünen Volkspartei herbeisehnen?
       
       Hm. Überlegt’s euch gut: Davon hängt nicht nur die Zukunft der Bundespartei
       ab, sondern auch die der Bundesrepublik Deutschland.
       
       23 Aug 2025
       
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