# taz.de -- Linke Vor- und Rückschau: Verdammt lang her
       
       > Die wiedererstarkte Linkspartei müsste mehr sein als eine runderneuerte
       > Sozialdemokratie. Sie könnte von Friedrich Engels und Woody Guthrie
       > lernen.
       
 (IMG) Bild: Die Grünen-Politiker (l-r) Otto Schily, Lukas Beckmann und Petra Kelly, Bonn, 1983
       
       Eine meiner Lieblingssendungen sind die „Zwischentöne“, am Sonntagmittag im
       Deutschlandfunk. Anderthalb Stunden ruhiges Gespräch, und der Gast hat die
       Musik mitgebracht. Dabei kann man aufräumen oder die Küche putzen. Radio
       wie früher. Vergangenen Sonntag war Lukas Beckmann zu Gast, [1][Ende der
       siebziger Jahre einer der Gründer der Grünen], und nun 75 Jahre alt. Es
       fing spannend an, als er zu einer wohlwollenden, aber grundstürzenden
       Einschätzung seiner Partei ansetzte: Es gingen keine Impulse mehr von ihr
       aus. Das werde ja auch vielleicht auch gar nicht mehr von ihr erwartet,
       warf die Interviewerin, Marietta Schwarz, ein, und zitierte Winfried
       Kretschmann: „Der Wähler will Wachstum.“
       
       Was für eine Vorlage. Aber Beckmann ging in die Kurve: Er wolle das gar
       nicht in Frage stellen, aber Wachstum sei, vor allem auch in Bezug auf die
       sozialen Themen, „eine offene Frage“, auch weil soziale Themen wie Renten,
       Gesundheit und Bildung unmittelbar mit der Wachstumsfrage zusammenhingen.
       Nach sechs Minuten Sendung stand so die ganz große Frage im Raum: Sind
       Ökologie, Klimaschutz und Wachstum vereinbar? Oder auch: Wie könnten wir
       die sozialen Sicherungen ohne Wachstum organisieren?
       
       Ich hörte mit dem Küchenputzen auf und drehte den Empfänger lauter. Da
       sprach Beckmann einen Satz, der aus dem Orakel stammen könnte: „Wenn man
       ein großes Rad dreht, dann drehen die kleinen Räder auch mit, aber ein
       kleines Rad zu drehen und dabei gleichzeitig das große in Bewegung zu
       halten, kostet viel Energie.“ Sodass wir oft „das Aktuelle bearbeiten, das
       Wirkliche aber außen vor lassen“.
       
       ## Was meint er mit dem Wirklichen?
       
       ## 
       
       Das Wirkliche? Was meint er? Den Klimawandel, die Schere der Einkommen und
       Vermögen, die KI, die Armut im Süden, die Verwüstung der Welt durch das
       Wachstum der Dinge oder den Treiber von all dem, den Kapitalismus? Und wie
       sähe die „Bearbeitung“ aus? Die Abschaffung des Kapitalismus? Die
       demokratische Postwachstumsgesellschaft? Den Sozialismus gar? Ich war
       gespannt.
       
       Aber dann kam keine Nachfrage, sondern Musik: „Verdammt lang her, dass ich
       fast alles ernst nahm, verdammt lang her, dass ich an was geglaubt …“ Auf
       das BAP-Lied aus den frühen Achtzigern folgte ein leicht wehmütiges
       Gespräch über die große Gründungszeit, als Künstler wie Joan Baez,
       Lindenberg, Gianna Nanini für die Grünen sangen, Otto Schily Klavier
       spielte, Petra Kelly Gedichte aufsagte und auch Beuys dabei war. Als die
       Grünen eine Kulturbewegung waren.
       
       Zwischen der Musik aus den Achtzigern: tapfer vorgetragener Resignation in
       knappen Schnipseln. Über die Mietenfrage etwa: „Keine Partei ist bereit,
       [2][über Eigentum an Grund und Boden zu reden]. Es wäre ein Thema für
       Grüne, aber man traut sich nicht zu, über die wichtigen Fragen zu
       sprechen.“ Das gelte nicht nur für die Grünen. In parlamentarisch
       verfassten repräsentativen Demokratien könnten die Parteien der Mitte keine
       sachgerechten Lösungen finden. So seien sie angewiesen auf Impulse aus der
       Gesellschaft, die sie wiederum nicht einfordern weil, siehe oben: der
       Wähler das Wachstum wolle.
       
       Ähnlich hatte es [3][Niklas Luhmann] schon Mitte der Neunziger geschrieben.
       Unter dem Titel „Haben wir wirklich gewählt – oder hat das Volk
       gewürfelt?“, imaginierte er eine zeitgemäße „Partei für Industrie und
       Arbeit, die […] nur als ‚große Koalition‘ denkbar wäre“, und antizipierte
       große Schwierigkeiten „einer politischen Opposition gegen ein solches
       Regime. Es gibt Sorgen genug, zum Beispiel solche, die in den neuen
       sozialen Bewegungen zum Ausdruck kommen, Sorgen um Technikfolgen oder
       ökologische Probleme oder Sorgen, die mit Migrationsproblemen, mit
       zunehmender Gewaltbereitschaft […] zu tun haben.“ Weswegen Luhmann eine
       blockierte Demokratie befürchtete.
       
       Interessant an Beckmanns Mischung aus Traurigkeit und demokratischer Demut:
       Die Linke kam nicht vor. Nicht die Partei und nicht das Adjektiv. Als gebe
       es links neben der übergroßen Mitte nur noch ein Vakuum. Dabei erleben wir
       gerade das unerwartete Comeback einer sozialistischen Partei, die
       Verdoppelung ihrer Mitglieder in zwölf Monaten, mit einem alten Rezept: dem
       Gang von Tür zu Tür, der kleinen Hilfestellung mit dem Wohngeldrechner.
       Alles noch mal von vorn also, wie schon vor 1890, wie noch in den 50er
       Jahren, bis die SPD den Kassierer abschaffte und durch die
       Abbuchungsvollmacht ersetzte.
       
       ## Mut zum strategischen Nachdenken
       
       ## 
       
       Diese Linke hat trotz des plötzlichen Aufwindes hoffentlich Zeit zum
       strategischen Nachdenken. Eine neue Linke, das müsste mehr sein als eine
       runderneuerte Sozialdemokratie. 60.000 neue Mitglieder, meistens jung,
       verbreiteter Frust auch in den akademischen Mittelschichten und Sympathie
       bei „Kreativen“ lassen auf eine kulturelle Erneuerung hoffen. Lukas
       Beckmann, die meisten Veteranen von 68 ff. stammten ja auch nicht aus dem
       weiland Proletariat, sondern aus gutbürgerlichen Mittelschichten, und ein
       Großteil der Begeisterung kam aus der Mitwirkung von Künstlern und
       Wissenschaftlern. Das verrückte die Wählerschaft der SPD nach links,
       begründete Taschenbuchreihen, pädagogische Experimente,
       Universitätsseminare.
       
       Sozialismus ist schließlich mehr als Umverteilung zwecks Verhinderung von
       Aufruhr. Nicht nur eine rationale Organisation, die das Überleben der
       Menschheit sichern könnte. Er ist das Erbe christlicher Revolutionäre,
       bürgerlicher Aufklärung und blutiger Kämpfe. „Wir reklamieren den Inhalt
       der Geschichte“, schrieb Friedrich Engels 1844, und das hieß: die
       Anstrengungen all der Generationen vor uns, der Aufklärer, der Poeten, der
       Arbeiter und der Mütter, die soll nicht umsonst gewesen sein.
       
       Beim Folksänger Woody Guthrie heißt es später etwas kürzer: This land was
       made for you and me. Wäre schön, wenn derlei kulturelles Beigut den linken
       Kampf um niedrige Mieten beflügeln könnte. Einige Veteranen könnten sicher
       noch mit Zitaten aushelfen.
       
       21 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kolumne-Die-eine-Frage/!5419776
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=2cipU-9b2zo
 (DIR) [3] /Donald-Trumps-Wahlsieg/!5355487
       
       ## AUTOREN
       
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