# taz.de -- Grünen-Co-Chefin Brantner zu Gaza: „Es braucht ein Machtwort von Merz“
       
       > Die Bundesregierung müsse endlich ins Handeln kommen, fordert Grünen
       > Co-Chefin Franziska Brantner. Es brauche ein gemeinsames europäisches
       > Vorgehen.
       
 (IMG) Bild: Rechte Aktivist*innen protestieren für eine Besiedlung des Gazastreifens. Israelisches Grenzgebiet, 30. Juli
       
       taz: Frau Brantner, [1][Außenminister Johann Wadephul hat auf seiner
       Israel-Reise] klare Worte für die Situation in Gaza und die im
       Westjordanland gewählt. Richtig so? 
       
       Franziska Brantner: Die Bilder aus Gaza sind unerträglich. Die klaren Worte
       von Herrn Wadephul reichen aber nicht aus, es müssen nun Taten folgen.
       Leider hat das Sicherheitskabinett in seiner Telefonschalte am Samstag
       wieder keine Konsequenzen beschlossen. Die SPD wäre offenbar dafür, aber
       die CSU geht in die komplette Gegenrichtung. Innenminister Dobrindt will
       sogar die Rüstungskooperation mit Israel vertiefen. Es braucht ein
       Machtwort von Merz und er muss ins Handeln kommen.
       
       taz: Welche Schritte erwarten Sie konkret von der Bundesregierung? 
       
       Brantner: Es braucht endlich ernsthaften Druck für ein Ende des Kriegs und
       der humanitären Katastrophe, die Freilassung der Geiseln sowie eine
       politische Perspektive. Konsequentes europäisches Handeln in diesem Sinne
       darf Deutschland nicht mehr verhindern. Es ist begrüßenswert, dass vor
       wenigen Tagen eine Reihe arabischer Staaten die Hamas aufgefordert hat, die
       Macht abzugeben. Für Frieden in der Region muss die Hamas die Geiseln
       freilassen und die Waffen niederlegen. Auf der anderen Seite muss die
       israelische Regierung, auch durch Druck, dazu gebracht werden, das
       Völkerrecht einzuhalten und die Zweistaatenlösung zu ermöglichen.
       
       taz: Soll sich Deutschland dem französischen Präsidenten Macron
       anschließen, der angekündigt hat, Palästina bei der UN-Generalversammlung
       im September als Staat anzuerkennen? 
       
       Brantner: Nein, nicht ohne Bedingungen. Die Anerkennung muss Teil eines
       politischen Prozesses sein. Aber die Bundesregierung muss sich endlich
       aktiv für diesen politischen Prozess einsetzen. An der nächsten
       UN-Konferenz zur Zweistaatenlösung muss der Außenminister persönlich
       teilnehmen. Merz hatte den Anspruch, ein großer europäischer Kanzler zu
       werden, Außenpolitik zu seinem Herzstück zu machen. Hier fehlt er.
       Deutschlands Wort hat in Israel ein besonderes Gewicht. Das bringt
       besondere Verantwortung mit sich, aber auch die Chance, mit Macron und
       anderen zu sagen: Wir machen jetzt die europäische Friedensinitiative. Die
       Hamas könnte übrigens durch ihre Kapitulation eine Anerkennung massiv
       beschleunigen.
       
       taz: Ein mögliches Druckmittel wäre [2][die Aussetzung des
       EU-Assoziierungsabkommens] mit Israel. 
       
       Brantner: Das Abkommen hat verschiedene Kapitel und es wäre falsch, die
       Teile auszusetzen, die die Zivilgesellschaft, Wissenschaftler oder
       Kulturschaffende betreffen. Es gibt aber Vorschläge zum Handelsteil, die
       der israelischen Regierung die Konsequenzen für den fortwährenden Bruch des
       Völkerrechts verdeutlichen.
       
       taz: Warum nicht den ganzen Handelsteil aussetzen, wie es Schweden gerade
       vorgeschlagen hat? 
       
       Brantner: Man kann auch stufenweise vorgehen und es regelmäßig überprüfen.
       Dann hat man weitere Druckmittel in der Hand, wenn die Lage in Gaza sich
       nicht nachweislich verbessert. Wie die letzte Woche zeigt, wirkt Druck –
       aktuell gelangen wieder etwas mehr Lebensmittel nach Gaza. Unabdingbar ist,
       endlich ein gemeinsames europäisches Vorgehen zu ermöglichen.
       
       taz: Es gibt in der EU auch Forderungen nach einem kompletten Waffenembargo
       gegen Israel. Sie sind weiterhin dagegen? 
       
       Brantner: Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Exportstopp für die
       Waffen gelten muss, die in Gaza völkerrechtswidrig eingesetzt werden. Es
       gibt aber auch Waffen, die notwendig sind, damit sich Israel verteidigen
       kann gegen die Huthis, gegen Iran, gegen die Hisbollah. Es ist Aufgabe der
       Bundesregierung, diese Differenzierung umzusetzen.
       
       taz: Ein komplettes Embargo wäre das effektivere Druckmittel. 
       
       Brantner: Als Deutsche haben wir eine doppelte Aufgabe: sich dafür
       einzusetzen, dass das unerträgliche Leid in Gaza endet und der
       offensichtliche Bruch des Völkerrechts aufhört. Andererseits tragen wir
       Verantwortung für jüdisches Leben bei uns und für die Sicherheit Israels.
       Dabei ist es wichtig, zwischen Israel und der israelischen Regierung zu
       differenzieren. Netanjahu ist nicht Israel. Netanjahu war nie für eine
       friedliche Lösung mit den Palästinensern. Und er hat rechtsextreme
       Minister im Kabinett wie Finanzminister Smotrich und Sicherheitsminister
       Ben-Gvir.
       
       taz: Gegen diese beiden Minister fordern Sie persönliche Sanktionen? 
       
       Brantner: Ja. Mehrere europäische Länder haben schon Sanktionen gegen sie
       verhängt und auf EU-Ebene wäre das auch ein großer Hebel.
       
       taz: CSU-Generalsekretär Martin Huber sagt, solche Maßnahmen würden „das
       deutsch-israelische Verhältnis schwer beschädigen“. 
       
       Brantner: Diese zwei Minister normalisieren willkürliche Gewalt gegen die
       Palästinenser im Westjordanland und treiben die völkerrechtswidrige
       Annexion des Gebiets tatkräftig voran. Wenn wir das akzeptieren, können wir
       solche Verbrechen auch anderswo auf der Welt nicht mehr kritisieren.
       
       taz: Während der ersten anderthalb Jahre des Krieges saßen die Grünen in
       Deutschland noch in der Regierung. Ist Ihre Partei für die jetzige Lage
       nicht mitverantwortlich? 
       
       Brantner: Erinnern Sie sich daran, wie sehr Frau Baerbock kritisiert wurde,
       als sie an den UNRWA-Hilfslieferungen festgehalten hat? Oder als wir
       Waffenlieferungen an die Einhaltung des Völkerrechts gekoppelt haben?
       Besonders von der Union war die Kritik sehr scharf.
       
       taz: Alles, was Sie jetzt von der Bundesregierung fordern, hätten Sie schon
       vor einem Jahr umsetzen können. 
       
       Brantner: In Gaza materialisiert sich gerade eine Hungersnot. Es ist nicht
       mehr nur eine Warnung, sondern eine Realitätsbeschreibung – die nun ohne
       Zweifel die Notwendigkeit des Handelns bedingt.
       
       3 Aug 2025
       
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