# taz.de -- Kinotipp der Woche: Die Sache mit den Angehörigen
       
       > Die Deutsche Kinemathek zeigt Filme aus dem Archiv, die sich familiären
       > Angelegenheiten widmen. Die ein oder andere Szene kommt da schon mal
       > bekannt vor.
       
 (IMG) Bild: Warten, dass endlich was Neues passiert: Szene aus „Montag kommen die Fenster“ (Regie: Ulrich Köhler, D 2006)
       
       Da will man einfach nur mal ein paar Wochen lang irgendwo draußen auf dem
       Land, in der vermeintlichen Idylle, Urlaub machen, also abschalten und
       seine Ruhe haben. Aber dann werden die „Ferien“, die der Regisseur Thomas
       Arslan in seinem gleichnamigen Film behandelt, zu einem einzigen
       Horrortrip. Laura und Paul aus Berlin besuchen mit ihren Kindern Lauras
       Mutter in ihrem geräumigen Landhaus in der Uckermark. Der riesige Garten
       und ein Badesee versprechen Entspannung total, was denn auch sonst. Aber
       just in dem Moment, in dem die Sorgen des Alltags hinter einem liegen
       sollten und sich eine innere Ruhe einstellen könnte, zerstören alle nur
       erdenklichen innerfamiliären Konflikte das Ferienglück.
       
       Alles, was bisher weitgehend erfolgreich totgeschwiegen wurde, kommt nun
       raus. Affairen werden eingestanden, unterdrückte Leidenschaften offenbart
       und bald machen sich die Mitglieder der Familie von Klein bis Groß
       gegenseitig fertig mit ihrem passiv aggressiven Verhalten, das jederzeit in
       offenen Hass umschlagen kann. Wer „Ferien sieht“ und gerade etwas ähnliches
       vorhat wie Laura und Paul in diesem Film, überlegt sich wahrscheinlich, ob
       es nicht doch besser wäre, den diesjährigen Urlaub lieber zu Hause zu
       verbringen.
       
       Zu sehen ist der Film in der Reihe „Selects“ der Deutschen Kinemathek, dem
       großen Filmarchiv mit Sitz in Berlin. „Selects“ ist ein kostenloses
       Streamingangebot, bei dem Filme, die thematisch zueinander passen, für
       einen bestimmten Zeitraum zugänglich gemacht werden. Bis zum 15. Oktober
       dieses Jahres wird es um „Family Affairs“ gehen. Das heißt: Auch die acht
       weiteren Filme dieses Programms drehen sich um Familien und deren Probleme.
       Das reicht dann von einem Stummfilm wie „Die Buddenbrooks“ von Gerhard
       Lamprecht aus dem Jahr 1923 bis hin zu besagtem „Ferien“, der 2007 in die
       Kinos kam
       
       Nun mag es vereinzelt Familie geben, die wirklich glücklich sind. Die eine
       angemessene Kultur der Konfliktlösung entwickelt haben und mit sich
       weitgehend im Reinen sind. Aber über solche Familien lassen sich nur schwer
       interessante Filme machen. Viel spannender ist da doch zu sehen, wie sich
       etwa in „Montag kommen die Fenster“ (2006) von Ulrich Köhler ein Paar
       auseinanderlebt und zwar nicht langsam, sondern mit einem ganz großen
       Knall. Nina und ihr Mann Frieder wollen endlich mit ihrer kleinen Tochter
       den Traum vom Eigenheim wahr werden lassen, die neuen Fenster für das Haus
       sind bereits bestellt.
       
       Damit könnte ein neuer Lebensabschnitt beginnen, auch für Nina, doch die
       kommt eines Abends einfach nicht nach Hause und begibt sich stattdessen auf
       eine Reise, die offensichtlich der Selbstfindung dienen soll. Sie landet
       bei einem gealterten und abgehalfterten ehemaligen Tennisstar, der einen
       auf Playboy macht, und auch sonst sucht sie nach Erlebnissen, die sich
       offenkundig von denen in ihrem alltäglichen Leben unterscheiden.
       
       Frieder wiederum weint nun nicht einfach nur in sein Kissen, als seine
       Lebenspartnerin verschwindet, sondern sucht Trost bei seiner Ex. Man ahnt
       schon: Langsam wird es wirklich kompliziert zwischen den beiden und ob sie
       nochmals zusammenkommen, ist mehr als nur fraglich.
       
       „Ferien“ und „Montag kommen die Fenster“ sind nicht nur zu einer ähnlichen
       Zeit entstanden und sich thematisch sehr ähnlich. Auch ästhetisch sind sie
       auf einer ähnlichen Wellenlänge und erzählen ihre Geschichten sehr langsam.
       Erstaunlicherweise sind sie aber anders als viele dieser Filme, die auf
       eine sehr deutsche Weise umständlich Probleme durchkauen, auf eine gewisse
       Art packend.
       
       Der Reiz kommt vielleicht aus einem Wiedererkennungswert. Dieses Schweigen
       zwischen familiär miteinander verbundenen Menschen, diese Unfähigkeit,
       einfach mal zielführend Dinge zu bereden oder gar zu lösen, in irgendeiner
       Form kennt das so gut wie jeder und jede. Und da ist es einfach reizvoll zu
       erleben, wie Laura und Paul und wie Nina und Frieder sich in bestimmten
       Situationen verhalten, die einem nur zu bekannt vorkommen.
       
       30 Jul 2025
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Hartmann
       
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