# taz.de -- Protest nach der Erschießung von Lorenz: Wir sollen gefälligst leise sterben
       
       > Nach den tödlichen Polizeischüssen auf Lorenz fordern viele
       > Gerechtigkeit. Doch statt Aufklärung gibt es Mahnungen zur Mäßigung –
       > dabei ist Wut eigentlich überfällig.
       
 (IMG) Bild: Stilles Gedenken: Demonstrierende tragen T-Shirts mit einem Foto von Lorenz A., Oldenburg, im April 2025
       
       Seit der [1][Erschießung von Lorenz durch die Polizei] gibt es in vielen
       Städten Gedenkkundgebungen und Demonstrationen. Es ist schmerzhaft, dass
       Menschen, die eine nahestehende Person auf schreckliche Art und Weise
       verloren haben, sofort handeln und ihren Forderungen nach Aufklärung und
       Konsequenzen Gehör verschaffen müssen. Denn die Erfahrung zeigt: Von
       alleine passiert das nicht.
       
       Es ist eine traurige Wiederholung, dass Schwarze Menschen oder PoC sterben
       und die ersten Forderungen nach Aufklärung nicht von Politik und Behörden
       kommen, sondern von Zugehörigen, Communitys und Aktivist*innen. Sie wissen:
       Ohne Aufmerksamkeit werden die genauen Umstände des Todes eines geliebten
       Menschen nicht aufgeklärt und keine Konsequenzen gezogen, um weitere Tode
       zu verhindern.
       
       Und dann sind auf einmal sie es, die den Frieden stören. In Hanau ist es
       fünf Jahre danach die Tat eines Rechtsextremen, der aus rassistischen
       Motiven neun Menschen ermordete, die die Stadt nicht zur Ruhe kommen lässt.
       Doch die Stadt echauffierte sich über die wütende Rede einer Mutter und
       drohte mit Konsequenzen für das öffentliche Gedenken.
       
       ## Bürgermeister beklagt polarisierte Debatte
       
       [2][In Oldenburg mahnt der Bürgermeister zur Besonnenheit] und warnt vor
       „Vorverurteilungen, Diffamierungen, Spekulationen und Verallgemeinerungen“
       in Bezug auf die Polizei. Im gleichen Statement diffamiert er jedoch
       diejenigen, die Rassismus in der Polizei thematisieren, als „extremen
       politischen Rand“. Er beklagt die polarisierende Debatte und wünscht sich
       deshalb schnelle Klarheit.
       
       Sich schnelle Aufklärung zu wünschen, ohne dabei Gründlichkeit zu fordern,
       klingt, als würde man einfach schnell in die Normalität zurückwollen. Doch
       diese Normalität ist eine, in der Menschen sterben, weil anderen ihre
       Hautfarbe nicht passt. In der Schwarze und PoC als verdächtig gelten und
       ständigen Vorverurteilungen und Verallgemeinerungen ausgesetzt sind. Wer
       dagegen laut protestiert, stört den Frieden. Wir sollen gefälligst leise
       sterben.
       
       Die [3][Black-Lives-Matter Bewegung] in Deutschland war bunt,
       lebensbejahend und Instagram-tauglich. Schon dort wurde von
       Organisator*innen musterhaft zu friedlichen Demonstrationen
       aufgerufen. Auch bei den Protesten für Gerechtigkeit für Lorenz wird zuerst
       von Demonstrierenden Friedlichkeit gefordert. Dabei gibt es keine Tradition
       von Ausschreitungen Schwarzer Demos in Deutschland.
       
       ## Der Wut Raum geben
       
       Schwarze Menschen mit Aggression und Gewaltbereitschaft zu assoziieren ist
       ein rassistisches Stereotyp, das sich hartnäckig hält und durch diese
       Mahnungen weiter verbreitet wird. Auch viele Schwarze Menschen und ihre
       Verbündete haben das internalisiert.
       
       Außerdem wirkt die Angst. Genauso wie Schwarze Eltern ihren Kindern sagen,
       dass sie sich besonders gut benehmen sollen, weil sie um die Gefahr wissen,
       die nur ein Fehltritt mit sich bringen kann, deeskalieren Schwarze
       Aktivist*innen, bevor auch nur ein Stein geflogen oder eine Scheibe
       zerklirrt ist. Auch wenn es kaum Anlass gibt zu denken, dass das passieren
       könnte.
       
       Es wäre angemessener, die Polizei zur Deeskalation aufzufordern, statt sich
       gegenseitig als potenziell gewalttätig zu framen. Wir schaffen es immer
       mehr, uns öffentlichen Raum für unsere Trauer zu nehmen und
       zusammenzukommen, um Hoffnung zu spenden. Nun ist es an der Zeit, die Angst
       vor unserer eigenen Wut zu verlieren, bevor sie sich überhaupt richtig
       artikuliert hat.
       
       2 May 2025
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Simone Dede Ayivi
       
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