# taz.de -- Kinotipp der Woche: Unprätentiös durch die Genres
       
       > Cineastischer Jahresrückblick: „Around the World in 14 Films“ versammelt
       > Festivalhighlights aus der ganzen Welt. Zu sehen in drei Berliner Kinos.
       
 (IMG) Bild: Temiloluwa Ami-Williams in „The Legend of the Vagabond Queen of Lagos“ (Regie: Agbajowo Collective, NIC/DE/AFS/US 2024)
       
       Jawu (Temiloluwa Ami-Williams) lebt mit ihrem Sohn in einem der Slums am
       Wasser in Lagos. Die Hütten sollen schon bald einem Immobilienprojekt
       weichen und entsprechend verschärfen die Behörden der Stadt ihre
       Aufmerksamkeit für Menschen, die sich als Straßenhändler_innen ihren
       Lebensunterhalt verdienen. Kurz bevor die Bagger kommen, beobachtet Jawu,
       wie ein Mann in einer Luke in einer der Hütten eine Tasche versteckt. In
       der Tasche befindet sich das Geld, das ein korrupter Politiker für das
       Bauprojekt beiseitegeschafft hat. „The Legend of the Vagabond Queen of
       Lagos“ wurde realisiert vom Agbajowo Collective und erzählt in
       fiktionalisierter Form die Geschichte der Vertreibungen aus der Siedlung
       Otodo Gbame in Lagos 2016/7. Der Film feierte im September auf dem
       Filmfestival in Toronto Premiere. Nun ist er auch Teil der diesjährigen
       Auswahl von [1][„Around the World in 14 Films“].
       
       Die Perlenlese der diesjährigen Festivals beginnt am Freitag dieser Woche
       mit Mohammad Rasoulofs „Die Saat des heiligen Feigenbaums“, dem Versuch des
       Regisseurs, die Proteste von Frauen und verbündeten Regimekritikern im Iran
       in ein thrillerartiges Familiendrama einzuweben.
       
       Vor zwei Jahren feierte Kurdwin Ayubs Spielfilmdebüt „Sonne“ seine Premiere
       in der unterdessen eingestellten Reihe „Encounters“. In diesem Jahr folgte
       ihr zweiter Spielfilm „Mond“, der auf dem Filmfestival in Locarno seine
       Weltpremiere hatte und mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde:
       Eine deutliche Niederlage gegen eine jüngere Konkurrentin beendet die
       Karriere der Mixed-Martial-Arts-Kämpferin Sarah (Florentina Holzinger). Als
       ein junger Mann aus Jordanien auf der Suche nach einer Trainerin für seine
       Schwestern ist, scheint das für Sarah genau zur richtigen Zeit zu kommen.
       
       Schon kurz darauf lernt sie die drei jungen Frauen kennen. Doch schnell
       stellt sich heraus, das die drei Frauen alles andere als frei sind und sie
       sich auf einen Auftrag eingelassen hat, der deutlich mehr von ihr verlangt
       als bloßes Training. Zu den großen Stärken von Ayubs Film zählt, dass sie
       einen Weg findet, patriarchale Strukturen zu erzählen, ohne auf plumpe
       Personifikationen zurückzufallen.
       
       In Christoph Hochhäuslers „Der Tod wird kommen“, der ebenfalls in Locarno
       Premiere feierte, wird kurz hinter der Luxemburger Grenze ein Kurier von
       der Polizei gestoppt. Versteckt in einem Bild wird eine beträchtliche Summe
       Geld in Banknoten gefunden. Wenig später wird der Kurier in einem
       Hotelzimmer erschossen. Das Geld gehörte Charles Mahr (Louis-Do de
       Lencquesaing), einem in die Jahre gekommenen Gangsterboss, er war es auch,
       in dessen Auftrag der Kurier unterwegs war. Nun soll die Auftragskillerin
       Tez (Sophie Verbeek) den Mörder zur Rechenschaft ziehen.
       
       Hochäusler inszeniert die Handlung seines Films mit einer charmanten
       Mischung aus Stilbewusstsein, der Schmierigkeit einer gealterten Halbwelt
       und dem Muff von zu lange nicht gewechselten Teppichböden. „Der Tod wird
       kommen“ ist eine Perle des unprätentiösen Genrefilms, eine seltene Spielart
       jener Filmgattung, um die sich Festivals gerade wieder aktiv balgen.
       
       Die 14 Filme des Titels sind schon länger nur noch sinnbildlich gemeint,
       längst überschreitet die Auswahl der Filme diese Anzahl deutlich. In diesem
       Jahr etwa laufen gleich 28 Filme in den drei Festivalkinos: dem Kino in der
       Kulturbrauerei, dem Delphi Lux und dem Neuen Off. Doch nach wie vor ist
       „Around the World in 14 Films“ eine hervorragende Gelegenheit, das
       Festivaljahr Revue passieren lassen – während die ersten Festivalausgaben
       für nächstes Jahr schon wieder in Arbeit sind.
       
       27 Nov 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.14films.de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Tietke
       
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