# taz.de -- Toxische Männlichkeit: Eppi Aua im Speisewagen
       
       > Unsere Autorin saß mit betrunkenen, pöbelnden Männern im Zug. Alle
       > Reisenden duckten sich weg und überließen kampflos das Revier.
       
 (IMG) Bild: Tschechische Fußballfans auf dem Weg nach Warschau zum EM-Qualifikationsspiel gegen Polen im November 2023
       
       Vor ein paar Wochen will ich mich gerade in [1][die Menükarte des
       tschechischen Speisewagens] vertiefen, da rumpelt eine Horde Männer herein.
       Die vier wirken fossilienhaft: Gesichter ohne Mimik, Sidecuts, dicke
       Bäuche, die sich über zu enge Hosen wölben. Und sie strahlen Stress aus.
       Noch bevor sie sich neben meinen Tisch plumpsen lassen, suche ich mir einen
       Platz außerhalb ihrer Schusslinie. „Eppi Aua“ – „Is etz Eppi Aua?“, dröhnt
       es durch den Waggon, und ihr salvenartiges Gebell führt mich gedanklich an
       einen Ort, der so düster ist, dass man augenblicklich das Licht anknipsen
       möchte.
       
       Es mag an den jüngsten Wahlen liegen, aber mit biertrinkenden Männergruppen
       verbinde ich seitdem mehr denn je Brutalität, Stumpfheit, und ja, auch
       rechtes Gedankengut. Ich sehe Burschenschaftler vor meinem geistigen Auge,
       die auf Mädchenfang gehen, und Pils exende Füchse, die kurze Zeit später
       kotzend über dem Papst hängen. Ich lese, dass Hitlers Aufstieg in
       Bierkellern seinen Anfang nahm und ein Mann kürzlich seine Schwiegermutter
       mit einer Axt ermordet hat – weil kein Bier im Haus war.
       
       Im Feldwebelton bestellen die vier Männer eine Runde Bier nach der
       nächsten. Während sie saufen, rauscht die verwunschene Landschaft an ihnen
       vorbei. Villen, bewaldete Hügel, der sich schlängelnde Fluss. Nichts
       interessiert sie, außer, noch mehr von dem pissgelben Gebräu in sich
       hineinzupumpen. Der Kellner serviert Braten, mit leeren Augen schaufeln sie
       diesen weg.
       
       Ich denke an [2][die großen Besäufnisse bei den EMs und WMs] und daran, wie
       zu meiner Jugendzeit nach ein paar Tabletts Lüttje Lage aus harmlosen
       Bekannten nichtsnutzige Raufbolde wurden. Ich erinnere mich an eine
       Schlagzeile vom letzten [3][Oktoberfest], wonach drei von vier Kellnerinnen
       bei ihrer Arbeit sexuell belästigt worden sind, und frage mich, wie sehr
       mein eigenes Sicherheitsempfinden darunter gelitten hat, dass ich in einer
       Umgebung groß geworden bin, wo die Menge an Herrenhäuser Handgranaten
       darüber entschied, wer oben und wer unten ist.
       
       ## Keine*r schreitet ein
       
       Einer der Männer muss aufs Klo – schon wieder. Er schwankt bedrohlich nah
       an mir vorbei. Luft anhalten. Eine neue Runde, ein neues Rülpskonzert.
       Plötzlich geraten zwei aus der Gruppe in einen Streit. Laut, aggressiv,
       vokabelarm. „Du machst immer Mist, Junge“, bellt der Rundenälteste.
       
       „Halt die Fresse!“, schießt es zurück. Sein Sitznachbar starrt einer
       vorbeilaufenden Frau auf den Po. „Nö, pfui, bist du Single, oder was?!“
       Gelächter. Längst dominieren die vier den gesamten Speisewagen, aber
       keine*r schreitet ein. Der Kellner nicht, der die immer dreister werdenden
       Rufe nach ihm einfach überlächelt, und auch wir Mitreisenden nicht, seien
       wir nun jung oder alt, männlich oder weiblich oder nonbinär. Wir alle
       ducken uns weg und hoffen, dass diese Fahrt möglichst schnell vorübergeht.
       Weil den Mund aufmachen könnte ja unangenehm werden. Oder gefährlich. Und
       so überlassen wir diesen Typen nicht nur das Revier, sondern auch ein Stück
       unserer Lebenszeit, kampflos und unwidersprochen.
       
       Ab der Grenze hört sich dann selbst die Lautsprecherdurchsage nach Hitler
       an. Blechern, kalt. „Das ist Deutschland“, höre ich eine Mitfahrerin mit
       osteuropäischem Akzent flüstern. In Dresden steigt endlich auch der Letzte
       aus der Truppe aus, aber nicht, ohne dass er sich mit einem lauten Furz von
       uns verabschiedet. Wenn das so weitergeht, wird der Gestank von brauner
       Scheiße noch lange in der Luft liegen.
       
       24 Oct 2024
       
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 (DIR) Anna Fastabend
       
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