# taz.de -- Arne Semsrott über Widerstand gegen AfD: „Die AfD wäre Seehofer auf Speed“
       
       > Arne Semsrott von Frag den Staat hat eine Anleitung zum Widerstand
       > geschrieben, falls die AfD an die Macht kommt. Über Preppen von links und
       > Beamte.
       
 (IMG) Bild: Demonstranten protestieren gegen eine Wahlkampfveranstaltung der AfD Thüringen in Quirla am 07.08.2024
       
       taz: Herr Semsrott, CDU und Bundesregierung haben beschlossen, [1][das
       Verfassungsgericht gegen einen autoritären Staatsumbau abzusichern]. Sie
       haben gerade eine Anleitung zum Widerstand geschrieben für den Fall der
       Machtübernahme durch die AfD. Sind die geplanten Verfassungsänderungen ein
       guter Schritt? 
       
       Arne Semsrott: Man gewinnt Zeit im Falle einer Machtübernahme. Und um den
       Machtzuwachs der AfD zu verlangsamen, ist jeder Schritt wichtig. Aber es
       ist nicht die Lösung. Im Moment sind rechtliche Abwehrmechanismen zu sehr
       im Fokus. Man kann aber demokratische Institutionen langfristig nicht gegen
       eine antidemokratische Mehrheit verteidigen. Es ist keine Lösung, nur auf
       Institutionen zu vertrauen, im Gegenteil: Sie müssen getragen werden von
       einer kämpferischen Zivilgesellschaft und demokratischen Politik.
       
       taz: Derzeit gibt es diese antidemokratische Mehrheit nicht. Warum gehen
       Sie in Ihrem Buch trotzdem wie selbstverständlich davon aus, dass die AfD
       früher oder später an die Macht kommt? 
       
       Semsrott: Ich gehe fest davon aus, dass es früher oder später zu einer
       AfD-Beteiligung in einem Bundesland kommen wird. Wenn noch nicht jetzt bei
       den Landtagswahlen im Osten, dann womöglich in zwei Jahren in
       Sachsen-Anhalt, wo CDU-Mitglieder sich bereits für eine Zusammenarbeit mit
       der AfD ausgesprochen haben. Ich hoffe natürlich, dass ich mich irre. Aber
       man sollte sich für den Ernstfall rüsten.
       
       taz: Was macht die AfD, wenn sie an die Macht kommt? 
       
       Semsrott: Wenn Leute aus dem AfD-Umfeld [2][Wahlkämpfer anderer Parteien
       angreifen], hat das schon jetzt einen Hauch von SA. Aber die Demokratie
       würde nach einer Machtübernahme nicht mit einem Knall abgeschafft. Es gäbe
       viele kleine Schritte, die in der Gesamtmenge das Leben für viele Menschen
       zur Hölle machen würden.
       
       taz: Woran machen Sie das fest? 
       
       Semsrott: Es gibt aktuelle Beispiele, die zeigen, was droht: in Ungarn,
       Polen und Österreich etwa. Aber auch Deutschland hat jede Menge
       rechtspopulistischer Vorbilder aus den vergangenen Jahren: Die AfD wäre
       gewissermaßen Horst Seehofer auf Speed. Schon der hat sich über [3][69
       Abschiebungen an seinem 69. Geburtstag] gefreut. So etwas könnte ein
       AfD-Innenminister auch machen – und zwar noch doppelt, drei- oder zehnmal
       so viel.
       
       taz: Wenn man Ihr Buch liest, bekommt man stellenweise den Eindruck, Sie
       setzen für den Ernstfall viel Vertrauen in die Beamtenschaft. Aus der
       historischen Erfahrung in Deutschland lässt sich das nicht unbedingt
       ableiten. Etwas zugespitzt: Sind Beamte wirklich ein Bollwerk gegen
       Faschismus? 
       
       Semsrott: Wenn das so rüberkommt, habe ich vielleicht nicht klar genug
       formuliert. Ich habe durch meine Arbeit mit dem Informationsfreiheitsportal
       Frag den Staat sehr viel Erfahrung im Umgang mit Beamten. Die Beamtenschaft
       ist überaus heterogen, und es sind ja immerhin fünf Millionen Leute, die
       beim Staat arbeiten. Viele davon fragen sich, was sie tun könnten und wie
       sie Widerstand leisten könnten, wenn ihr Chef aus der AfD kommt. Natürlich
       setze ich nicht meine alleinige Hoffnung in Beamte – aber ich habe die
       Hoffnung auch nicht aufgegeben.
       
       taz: Wie funktioniert Gegenwehr für Menschen mit Amtseid, die nicht
       demonstrieren dürfen? 
       
       Semsrott: Beamte müssen zwar Anweisungen ausführen, aber es gibt auch die
       sogenannte Remonstrationspflicht: Rechts- und verfassungswidrige Weisungen
       dürfen Beamte gar nicht befolgen. Etwa wenn es darum ginge, rechtswidrige
       Abschiebungen durchzuführen oder diskriminierende Personenkontrollen ohne
       Anlass durchzuführen. Dann müssten Beamte sagen: „Nein, ich bin an die
       Verfassung gebunden, ich darf das nicht machen.“
       
       taz: Was könnten Beamte noch tun? 
       
       Semsrott: Eine weitere Möglichkeit für Widerstand ist das
       [4][Whistleblowing], also intern oder auch über externe Kanäle wie Medien
       auf Missstände aufmerksam zu machen. Und natürlich hilft es, sich mit
       Kolleg*innen zu organisieren, wenn ihnen das Verhalten einer
       Behördenspitze nicht gefällt. Beamte dürfen zwar nicht streiken, aber es
       gibt auch subtilere Varianten, wie Dienst nach Vorschrift oder den
       Bummelstreik: erst mal sehr sorgfältig alle Zuständigkeiten zu prüfen und
       so Prozesse zum Erliegen zu bringen. Und auch wer krankgeschrieben ist,
       kann keine problematischen Weisungen ausführen.
       
       taz: Wie kommt Ihr Buch bei Beamten an? 
       
       Semsrott: Es kommt in Ämtern tatsächlich gut an: Ich habe schon von ersten
       Lesekreisen in Behörden gehört. Und ich würde mir natürlich auch wünschen,
       dass Beamt*innen im Ernstfall Widerstand leisten. Und außerdem muss man
       dafür gar nicht auf die AfD warten, es gibt auch heute schon genug Anlässe,
       Widerstand zu leisten.
       
       taz: Seit Anfang des Jahres hat vor allem eine breite [5][Protestwelle
       gegen Rechtsextremismus und für Demokratie] mobilgemacht. Welche Rolle
       kommt der Zivilgesellschaft beim Widerstand zu? 
       
       Semsrott: Es hängt ganz viel an der Zivilgesellschaft. Ich finde sehr
       aufschlussreich, dass das die größten Demokratieproteste in der BRD jemals
       waren, aber politisch keine konkrete Maßnahme daraus wurde. Weder ist das
       [6][Demokratiefördergesetz] beschlossen noch ein [7][AfD-Verbotsverfahren].
       Stattdessen gibt es leere Versprechen, und der Kanzler winkt einer
       vorbeiziehenden Demo zu. Nach [8][Bauernprotesten] wurden Pläne zur
       Streichung von Subventionen für Landwirte zum Teil zurückgenommen, Pegida
       hat zu Asylrechtsverschärfungen geführt – das war ein Bruchteil der
       Menschen, die Anfang dieses Jahres auf der Straße waren. Die
       Demokratiedemos haben in der Bundespolitik zu nichts außer Debatten
       geführt.
       
       taz: Was folgt daraus für den Widerstand? 
       
       Semsrott: Man darf es nicht beim Fordern lassen, wir müssen jetzt loslegen:
       Gerade im ländlichen Osten gibt es viele Initiativen, die Offenheit und
       Vielfalt herstellen wollen. Es steht an uns allen, wie gut diese
       unterstützt werden. Auch das ist Präventionsarbeit gegen mögliche noch
       rechtere Regierungen.
       
       taz: Welche politischen Forderungen müsste die Bundesregierung umsetzen? 
       
       Semsrott: Das Demokratiefördergesetz muss endlich kommen, um die Förderung
       von Initiativen endlich nachhaltig festzuschreiben. Die leiden stark unter
       einer kurzfristigen Projekteritis. Jedes Jahr müssen neue Anträge
       geschrieben werden. Viele Engagierte verbringen mehr Zeit mit Management
       als mit der eigentlichen Arbeit. Eine finanzielle Absicherung ist aber
       enorm wichtig, damit es nicht zu noch mehr frustrierter Abwanderung in
       große Städte kommt. Das Demokratiefördergesetz ist das Gesetz, was schon am
       längsten im Bundestag hängt.
       
       taz: Wer müsste sich im Ernstfall noch gegen eine AfD-Regierung stellen? 
       
       Semsrott: Die Gewerkschaften. Sie sollten sich [9][politische Streiks
       wieder zu eigen machen] und sich anschauen, wie man etwa einen
       Generalstreik organisiert. Auch so etwas kann die Machtübernahme der AfD
       behindern. Und an der Basis der Gewerkschaften gibt es großen Druck, dass
       man kämpferischer auftreten solle.
       
       taz: Allerdings gibt es auch viele Arbeiter, die AfD wählen. 
       
       Semsrott: Ja, und deswegen müssen Gewerkschaften auch intern schauen, wie
       man damit umgeht: Die Gewerkschaft der Polizei etwa hat einen
       Unvereinbarkeitsbeschluss zur AfD. Das ist genau der richtige Weg, um zu
       zeigen: Wer AfD wählt, ist arbeitnehmerfeindlich. Und es ist auch ein
       starkes Signal der Solidarität an Arbeiter, die im Falle der Machtübernahme
       abgeschoben würden. Die Gewerkschaften müssen sagen: Wir wollen keine
       AfD-Menschenfeinde integrieren. Das wäre auch Werbung für mehr linke
       Mitglieder.
       
       taz: Wie könnte sich die Justiz widersetzen? 
       
       Semsrott: Der Vorteil ist, dass dieser Bereich sehr viel träger ist als
       andere Institutionen. Für die Digitalisierung mag das ein Ärgernis sein,
       aber es bedeutet auch, dass die AfD an der Macht nicht so einfach und
       schnell wie in Polen und Ungarn Personal austauschen könnte, um über die
       Richterwahl Einfluss zu nehmen. Dadurch hätte die Justiz mehr Zeit, um
       Widerstand zu leisten.
       
       taz: Allerdings gibt es auch viele rechte Richter, die einen Umbau
       befördern würden. 
       
       Semsrott: Ja, auch hier gilt: Wenn es 20 bis 30 Prozent Zustimmung zur AfD
       gibt, haben wir das in der Justiz auch. Gegen rechte Richter würde mehr
       Transparenz helfen. Es ist ein Missstand, dass Gerichtsentscheidungen,
       obwohl „im Namen des Volkes“, noch immer nicht veröffentlicht werden,
       sondern nur 0,9 Prozent aller Urteile.
       
       taz: Björn Höcke hat bereits angekündigt, dass er als Ministerpräsident den
       Rundfunkstaatsvertrag kündigen würde. Wie würden Angriffe auf die
       Pressefreiheit laufen? 
       
       Semsrott: Angriffe auf die Pressefreiheit gingen subtil, etwa durch die
       Besetzung von Rundfunkräten. Und Angriffe gibt es ja auch schon lange: mit
       eigenen Medienstücken und einer Kampagne gegen den öffentlichen Rundfunk.
       Wie effektiv und erfolgreich das ist, sehen wir bei El Hotzo. Für einen
       eigentlich ganz guten Tweet zum Trump-Attentat wurde ihm das Engagement
       beim Rbb gekündigt. Das zeigt einmal mehr: Der öffentliche Rundfunk ist
       wahnsinnig anfällig für Shitstorms, die kampagnenförmig von rechtsextremen
       Aktivisten, der AfD, aber auch Nius und anderen antidemokratischen
       Plattformen losgetreten werden. Das ist deutlich unterhalb von Schwelle von
       gesetzlichen Änderungen.
       
       taz: Wie könnten öffentlich-rechtliche Sender souveräner damit umgehen? 
       
       Semsrott: Ich würde mir da mehr Mut wünschen, die AfD bei Talksendungen
       nicht einzuladen, auch mal zur Demokratie zu stehen und Gerichtsprozesse zu
       riskieren. Aber Verantwortliche im Rundfunk haben enorme Angst davor. Das
       kann ich zu großen Teilen nicht nachvollziehen.
       
       taz: Zuletzt haben immer wieder Wirtschaftsvertreter betont, wie schädlich
       eine starke AfD ist. Wie können Unternehmer gegen den Autoritarismus
       helfen? 
       
       Semsrott: Mit rein linker Dogmatik würde man sagen: Wir müssen an die
       Sozialpolitik ran und den Kapitalismus abschaffen; und das stimmt auch.
       Aber solange der noch da ist, bleibt es wichtig und relevant, wie sich
       Firmen positionieren. Wirtschaftsvertreter*innen genießen im Dorf ein
       hohes Ansehen und können so Signale senden. Sie können sich mit
       Betriebsvereinbarungen wirksam positionieren, in denen sie festlegen:
       Unsere Firma steht für Vielfalt und Demokratie, und gewisse
       Unvereinbarkeiten regeln wie rassistische Äußerungen, bestimmte
       rechtsextreme Kleidermarken und Symbole. Dann hat man auch eine Handhabe
       gegen rechte Agitation im Betrieb.
       
       taz: Faktisch dürfte das aber auch hier oft anders laufen. Der
       [10][AfD-Chef Tino Chrupalla] selbst ist Malermeister aus Görlitz. 
       
       Semsrott: Ich glaube auch, dass es da draußen viele Chrupallas gibt. Bei
       allem, was ich sage, muss man natürlich anerkennen, dass der Trend
       andersherum geht. Es gibt nicht die drei Schritte, die man nur machen muss,
       und dann ist die Demokratie gerettet. Es sieht ziemlich bitter aus gerade.
       Aber es hilft nicht, sich immer nur ohnmächtig die Apokalypse vor Augen zu
       halten. Man muss auch an die Postapokalpyse denken. Es gilt, nicht in
       Schockstarre zu verfallen, sondern zu einer Handlungsfähigkeit zu kommen.
       Mein Buch ist kein optimistischer Appell, aber es ist dennoch wichtig, in
       eine Verbindung zueinander zu kommen, um zu sehen, wie viele wir sind.
       
       taz: Ihre letzten zwei Kapitel des Buches heißen „Prepping for Future“ und
       „Widerstand beginnt jetzt“. Wie Preppen von rechts aussieht, weiß man:
       Waffen und Lebensmittel horten, Leichensäcke und Kriegstechnik vorhalten.
       Wie geht denn Preppen von links? 
       
       Semsrott: Man sollte lokale Netzwerke bilden, die sich selbst versorgen
       können. In größeren Gruppen sollten Menschen kollektiv mit verschiedenen
       nützlichen Fähigkeiten für sich da sein. Dabei geht es mir nicht um das
       Horten von Klopapier und Medikamenten, sondern um Liebe und Verbindungen.
       Gerade die gesellschaftliche Linke hat eine Historie, solche Räume zu
       schaffen: autonome und kulturelle Zentren sind Orte von „Prepping for
       Future“, und die Nachbarschaftshilfe ist es auch. Es braucht Netzwerke für
       gemeinsame Bedürfnisse.
       
       taz: Was heißt das mit Blick auf die Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen
       und Brandenburg im September, wo die AfD stärkste Kraft werden könnte? 
       
       Semsrott: Bei mir fängt es klein an: Ich beginne damit, mir zur überlegen,
       wen ich anrufe, wenn die AfD ein katastrophal hohes Ergebnis hat, um zu
       sagen: „Hey, ich bin da.“ Wir können nicht alleine die Demokratie retten.
       Wir müssen uns verbinden und füreinander da sein. Da kann man sich die Form
       aussuchen: gemeinsam auf die Straße gehen, stickern im eigenen Kiez, an
       Organisationen spenden. Von meinem Buch geht pro verkauftem Exemplar 1 Euro
       an das [11][Netzwerk Polylux], die großartige Arbeit machen, aber man kann
       auch direkt bei Initiativen mithelfen – man muss nicht das Rad neu
       erfinden.
       
       taz: Hat Ihnen Polen Hoffnung gemacht, wo die rechtsradikale PiS-Partei
       wieder abgewählt wurde? 
       
       Semsrott: Total. Die feministische Kampagne, die dort im Vorfeld der Wahl
       mobilisiert hat, war sehr beeindruckend. Dort wurde überparteilich für
       liberale Abtreibungspolitik und pro-demokratische Positionen eingetreten.
       Das hat viele Menschen mobilisiert, die sonst nicht zur Wahl gegangen
       wären. Das ist ein enorm unterschätzter Bereich: Wir schauen uns in
       Wahlanalysen immer an, wie die Wählerwanderung zur AfD aussieht – aber
       dabei geht häufig unter: 20 Millionen Menschen haben überhaupt nicht
       gewählt. Wir sollte mehr Menschen in den Blick nehmen, die so hoffnungslos
       sind, dass sie nicht wählen. Das hat die polnische Kampagne gut geschafft.
       
       30 Aug 2024
       
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