# taz.de -- Ausstellung über das Judentum in Preußen: Gleichgestellt nur auf dem Papier
       
       > Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Rendsburg zeigt, wie Judentum in
       > Preußen gelebt wurde. Ein wichtiger Aspekt dabei war der Dienst im Heer.
       
 (IMG) Bild: Innig verbindet Moritz D. Oppenheim Preußen und Judentum im Bild „Die Rückkehr aus den Befreiungskriegen“ (1833)
       
       Jüdisch. Preußisch. Beide Wörter erzeugen Bilder im Kopf, oft sind es
       Klischeebilder: Gebetsschal hier, Pickelhaube da. Wie beides in ein
       gemeinsames Bild passt, zeigt die Ausstellung „Jüdisch? Preußisch? Oder
       was?“ im Jüdischen Museum Rendsburg ohne einfache Antworten zu geben.
       
       Am Feiertag Jom Kippur des Jahres 1870 feiern rund 1.200 deutsche Soldaten
       jüdischen Glaubens einen Feldgottesdienst bei der Festung Metz. In der
       Mitte steht der Rabbiner vor dem Thora-Schrein, im Vordergrund sind
       Gläubige in Uniform und Pickelhaube zu sehen, die das Gebetstuch um die
       Schultern geschlungen haben. Die Szene aus dem [1][Deutsch-Französischen
       Krieg] ist auf einem Gedenktuch festgehalten, in der Ausstellung steht sie
       für das Thema „Kämpfen“.
       
       Das Militär war ein wichtiger Bestandteil des preußischen Staates, und auch
       jüdische Männer mussten ab 1814 ihren Dienst im Heer versehen. Zwar gab es
       unsichtbare Hürden, die ihnen den Einstieg in die Offizierslaufbahn
       versperrten. Dennoch bedeutete die Teilnahme am Soldatenleben einen Schritt
       zur Gleichstellung. Durch das „Judenedikt“ von 1812 hatte die Minderheit
       Rechte wie die Wahl des Wohnortes und Gewerbefreiheit erhalten. Ab 1847
       galten Jüd:innen dann als gleichgestellt, zumindest auf dem Papier. Die
       Realität, auch das zeigt die Ausstellung, sah oft anders aus.
       
       Zehn inhaltliche Stationen befassen sich mit dem Judentum in Preußen: mit
       dem Alltagsleben und religiösen Feiern, aber auch mit Antisemitismus und
       bürokratischen Hürden. Um vollständig preußisch zu werden, brauchte es
       einen Familiennamen. „Oft dachte man sich den in der Amtsstube aus“,
       berichtet die Kuratorin Sylvia Necker. So kamen Namen wie Rosenzweig oder
       Apfelbaum zustande, die heute als „typisch jüdisch“ empfunden werden: „Wenn
       da ein Baum vor dem Fenster stand, nannten sich die Leute eben danach.“
       
       Necker hat die Ausstellung ursprünglich für das Preußenmuseum des
       Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in Minden entworfen, deren Leiterin
       sie ist. Dort standen ihr zehn Räume mit gut 600 Quadratmetern zur
       Verfügung.
       
       Viel Platz, den Necker mit extrem wenigen Objekten füllt: Ein Bierkrug mit
       antisemitischen Bildern und Sprüchen steht dafür, dass anti-jüdische
       Klischees und Beleidigungen stets als Grundrauschen in der Gesellschaft
       vorkamen. Noten und das Bild einer Synagoge decken den Bereich Religion ab.
       
       Ein wandgroßes Schwarz-Weiß-Foto zeigt die Schülerinnen einer jüdischen
       Mädchenschule. Es entstand in den 1920er-Jahren in der Hamburger
       Loewenbergschule, gegründet vom Reformpädagogen [2][Jakob Loewenberg] und
       verweist auf die Frage, welche Chance auf Integration und Aufstieg eine
       gute Bildung für jüdische Kinder bot.
       
       Viele Fragen, wenige klare Antworten, schon gar nicht durch lange Texte:
       „Wir wollten eine Ausstellung, die Luft und Platz zum Denken lässt“, sagt
       Necker. Ihr sei es wichtig, Klischees zu brechen. „Jüdische Geschichte ist
       bunt.“
       
       In Rendsburg ist die Ausstellung in einem Nebengebäude des Museums, dem
       Haus der ehemaligen Talmud-Thora-Schule und Synagoge, untergebracht. Dort
       ist der Platz begrenzt, die zehn Themenbereiche gehen nahtlos ineinander
       über.
       
       Mirjam Gläser, stellvertretende Leiterin des Rendsburger Museums, hat die
       Exponate aus Minden zusätzlich um Bilder und Texte aus Schleswig-Holstein
       ergänzt, so etwa ein großes Foto, das den Salon der Rendsburger Familie
       Gotartowski um 1917 zeigt. Die Familie war wohlhabend und gut bürgerlich.
       Von den drei Kindern, die auf dem Bild zu sehen sind, überlebten zwei den
       [3][Holocaust]. Walter, der Älteste, kämpfte im Ersten Weltkrieg und starb
       1941 bei der Zwangsarbeit.
       
       Neben dem Bild des Salons steht ein runder Tisch mit mehreren Hockern. Er
       ist eine Einladung an alle Besucher:innen, sich selbst mit Fragen, Ideen,
       Kommentaren an der Debatte zu beteiligen – und um aktuelle Themen zu
       ergänzen.
       
       11 Jun 2024
       
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 (DIR) Esther Geißlinger
       
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