# taz.de -- Was Ausländerhass mit mir macht: Der Sozialschmarotzer-Effekt
       
       > Im Warteraum des Finanzamts las ich ein Zitat eines AfDlers und mein
       > Ausländerhass-Gedankenkarussell ging los. Zum Glück stoppte es der
       > Sachbearbeiter.
       
 (IMG) Bild: Schütten Öl ins Feuer jahrelanger Ausländerfeindlichkeit: AfD-Anhänger wie hier bei einer Demo am 8. Januar 2024 in Erfurt
       
       Beim Finanzamt sitze ich im Warteraum, um mich nach dem Schicksal meiner
       Steuererklärung zu erkundigen.
       
       „Sozialschmarotzer! Die [1][AfD] wird alle Ausländer remigrieren“, sagt ein
       AfD-Heini in der Zeitung.
       
       Wer ist denn hier ‚Sozialschmarotzer‘?! Die Hälfte meines sauer verdienten
       Geldes wird mir das Finanzamt gleich abknöpfen!
       
       Kurz danach schaut mich der Sachbearbeiter völlig entgeistert an, als hätte
       er einen Außerirdischen zu Besuch – einen ausländischen Außerirdischen!
       Einen ausländischen, außerirdischen Sozialschmarotzer, der weder beim
       Finanzamt noch in Deutschland was zu suchen hat!
       
       Ich bin kein [2][Sozialschmarotzer], verdammt!
       
       „Alle Ausländer sind Sozialschmarotzer! Die sind alle arbeitslos und
       bezahlen ohnehin keine Steuern“, denkt der sich jetzt wohl hinter seinem
       Schreibtisch.
       
       „Ich arbeite seit 30 Jahren in Halle 4 [3][sehr, sehr hart], du Ignorant,
       da warst du noch nicht mal geboren“, kontere ich sofort – innerlich
       natürlich!
       
       „Diese Türken haben bestenfalls einen stinkenden Gemüseladen, lümmeln von
       morgens bis abends hinter der Theke rum, drehen Däumchen und uns Deutschen
       drehen sie vergammelte Tomaten an“, denkt er weiter und merkt nicht mal,
       dass ich all seine Gedanken von seinen abweisenden, eiskalten Blicken
       ablesen kann.
       
       „Du hast ja von Nichts ’ne Ahnung! Wenn du wüsstest, wie viel Arbeit so ein
       Gemüseladen macht“, werfe ich ihm meine Gedanken an den Kopf. „Man muss
       morgens, besser gesagt, mitten in der Nacht aufstehen, in eisiger Kälte zum
       Großmarkt fahren, zentnerweise Gemüsekisten aufladen, im Geschäft alles
       wieder ausladen und wie ein Irrer 15 Stunden lang pausenlos schuften. Ohne
       die Hilfe der anderen Familienmitglieder ist diese Arbeit auf keinen Fall
       zu schaffen. Überhaupt nicht zu vergleichen mit deinem lächerlichen
       Acht-Stunden-Zeittotschlagen in diesem gemütlichen Büro, du Parasit!“
       
       „Diese ganzen Gemüseläden und [4][Dönerbuden] sind ohnehin alle nur zur
       Tarnung da. Damit waschen die Ausländer ihre schmutzigen Drogengelder“,
       meint er.
       
       „Drogen? Dass ich nicht lache! Die Türken verkaufen in ihren Geschäften
       nicht mal Dosenbier, du blöder Rassist“, brülle ich fassungslos zurück.
       
       Besser gesagt, ich hätte so gebrüllt, wenn der Mann ein Wort gesagt hätte.
       Aber seit zehn Sekunden starrt er mich regungslos an.
       
       Doch dann spricht er plötzlich: „Jetzt weiß ich endlich, woher ich Sie
       kenne. Vom Elternabend natürlich! Sie sind doch der Vater von diesem
       reizenden, kleinen Mädchen Hatice, das neben meinem Sohn sitzt, nicht wahr?
       Wie heißen Sie noch mal?“, lächelt er.
       
       „Ich, ich heiße Sozialschmarotzer… ich meine, Engin. Ich will für meine
       schmutzigen Drogengeschäfte Steuern zahlen… ähm, ich möchte wegen meiner
       Steuerhinterziehung… ich meine, [5][Steuererklärung] nachfragen…“, stottere
       ich völlig verwirrt.
       
       „Wie bitte? Ich verstehe Sie nicht ganz, Herr Engin?“
       
       „Oh, Entschuldigung, wir sind in all den Jahren in Deutschland ohnehin so
       superempfindlich geworden. Und einige dämliche AfD-Politiker gießen noch
       mehr Öl ins Feuer!“
       
       28 Mar 2024
       
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