# taz.de -- Parteiübergreifendes Spitzentreffen: Wagenburgmentalität soll enden
       
       > Regierungschef Wegner (CDU) verabredet erstmals mit Fraktionen von Grünen
       > und Linkspartei Schritte zur Verwaltungsreform. Auch die Bezirke machen
       > mit.
       
 (IMG) Bild: Regierungschef Kai Wegner (CDU) lud alle Fraktionsspitzen ein, um gemeinsam die drängende Verwaltungsreform auf den Weg zu bringen
       
       Berlin taz | Regierungschef Kai Wegner (CDU) hat am Donnerstag bei einem
       Treffen mit den führenden Köpfen aller Parlamentsfraktionen – außer der AfD
       – Schritte zu einer Verwaltungsreform verabredet. Die gilt seit Jahrzehnten
       als überfällig.
       
       Ziel ist es, bis Jahresende ein Gesetzespaket ins Abgeordnetenhaus
       einzubringen, zu dem auch eine Verfassungsänderung gehören könnte. Im Kern
       geht es um eine genaue Festschreibung, für welche Aufgaben die
       Senatsverwaltungen und für welche die Bezirke zuständig sind. Alle
       Beteiligten – von CDU bis Linkspartei – lobten anschließend vor
       Journalisten die Atmosphäre des zweistündigen Gesprächs im Roten Rathaus.
       
       Eine solche Verabredung zu dem Thema gab es in Berlin bislang nicht. Wegner
       hatte im Herbst 2023 [1][zwar schon mit den zwölf Bezirksbürgermeisterinnen
       und -bürgermeistern] zur Verwaltungsreform zusammengesessen. Auch hatten
       fast alle Fraktionen und Parteien [2][schon Papiere und Konzepte dazu
       entwickelt]. Auf der Ebene der Fraktionsspitzen im Landesparlament aber war
       es eine Premiere.
       
       Sollte eine Verfassungsänderung nötig sein, sind Wegner und seine vor rund
       zehn Monaten beschlossene schwarz-rote Koalition auf Stimmen aus der
       Opposition angewiesen: Für eine solche Änderung braucht es eine
       Zwei-Drittel-Mehrheit, also 67 Prozent Zustimmung – [3][CDU und SPD
       verfügen nur über 54 Prozent der Sitze]. Laut Wegner soll das aber nicht
       die alleinige Motivation sein, Grüne und Linkspartei miteinzubeziehen.
       
       Welche Kompetenzen künftig wo angesiedelt sein sollen, mochte Wegner nicht
       vorwegnehmen: Dann hätte er ja die Arbeitsgruppen nicht einsetzen müssen,
       die sich wöchentlich träfen und darüber beraten würden. Klar ist für ihn
       nur, dass das gegenwärtige und immer wieder kritisierte Allgemeine
       Zuständigkeitsgesetz weg und durch eine neue Regelung ersetzt werden soll.
       
       ## Grüne Jarasch will breit getragene Reform
       
       Wegner und andere Teilnehmer betonten nach dem Treffen, dass bei der Reform
       Parteibücher keine Rolle spielen würden. „Da gibt es keine ideologische
       Entscheidung“, sagte er. Es gebe dabei kein rechts oder links, sondern nur
       richtig oder falsch. Grünen-Fraktionschefin Bettina Jarasch sah das
       ähnlich: „Es sollte kein Projekt sein. dass bei einem Regierungswechsel
       2026 wieder abgewickelt wird“, sagte sie – alle Beteiligten müssten es
       mittragen.
       
       So sehr sich die Journalisten auch mühten, mit Fragen Risse und
       Widersprüche herauszuarbeiten: Egal ob Linksfraktionschefin Anne Helm oder
       Mittes Grünen-Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger, sie alle stimmten
       Wegner zu und stellten die Notwendigkeit gemeinsamen Arbeitens bei diesem
       immer wieder aufgeschobenen Großthema heraus. Jaraschs Co-Fraktionschef
       Werner Graf hatte daran erinnert, dass schon vor 30 Jahren dazu eine Studie
       des Beratungsunternehmens PWC vorlag.
       
       „Wir haben keine Wagenburgmentalität mehr“, sagte Remlinger. Und Helm
       versicherte: „Das gemeinsame Gefühl der Verantwortung ist heute deutlich
       geworden.“ Keiner und keine, so der Tenor der Äußerungen, habe bei dem
       Treffen Forderungen erhoben und die mit der Drohung verbunden, bei
       Nichterfüllen auszusteigen. Im Mai will man sich in dieser Runde erneut
       treffen, im Juni will Wegner wieder mit den Spitzen der Bezirke
       zusammensitzen.
       
       Der parteiübergreifende Ansatz des Regierungschefs freut in der CDU dem
       Vernehmen nicht alle. Wie er sich denn mit der Linkspartei an einen Tisch
       setzen könne, hat sich Wegner offenbar schon anhören müssen. Gemessen an
       hart geführten Debatten bei anderen Themen dürften auch die Spitzen von
       Grünen und Linkspartei mit ihrem Auftritt nicht alle in ihren Parteien
       begeistert haben, wo Wegner schon Rassismus vorgeworfen wurde.
       
       Keiner der Beteiligten mochte bestreiten, dass der Weg zur Reform schwierig
       wird – „da ist noch viel Butter bei die Fische zu geben“, also viel zu tun,
       beschrieb es der Grüne Werner Graf. Aber diese Butter, so gab er zu
       verstehen, entstehe gerade.
       
       15 Feb 2024
       
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