# taz.de -- Neuer Film von Levan Akin: Verschwinden wollen in Istanbul
       
       > Eine Frau sucht ihre Nichte. In „Crossing“ taucht der
       > schwedisch-georgische Regiesseur Levan Akin ein in die queere Welt
       > Istanbuls.
       
 (IMG) Bild: Lia (herausragend gespielt von Mzia Arabuli) lässt los und tanzt in „Crossing“, dem Panorama-Eröffnungsfilm auf der 74. Berlinale
       
       Bei to cross – also überqueren – denkt man zuerst an eine Straße.
       Überqueren lassen sich aber auch Ländergrenzen, Gewässer, gesellschaftliche
       Normen und im Sinne des Überwindens auch Vorurteile. All das vereint der
       Spielfilm „Crossing“ des schwedisch-georgischen Filmemachers Levan Akin,
       der auf der Berlinale die Sektion Panorama eröffnete.
       
       Die pensionierte Lehrerin Lia aus Georgien sucht nach ihrer Nichte Tekla,
       die sich in Istanbul aufhalten soll. Begleitet wird sie von Achi, einem
       jungen Mann, der vorgibt zu wissen, wo Tekla sich aufhält: in einer
       Wohngemeinschaft für trans Frauen.
       
       Selbst in Schweden aufgewachsen, verbrachte Regisseur und Drehbuchautor
       Akin viel Zeit bei seiner Familie in Georgien sowie in der Türkei, woher
       seine Eltern stammen, sagt er am Premierenabend. Bereits mit „[1][Als wir
       tanzten“, einer schwulen Liebesgeschichte], die 2020 in der Kategorie
       Bester Internationaler Film für die Oscars eingereicht wurde, setzte er dem
       queerfeindlichen Klima in Georgien filmisch etwas entgegen.
       
       Mit „Crossing“ setzt er dieses Vorhaben fort: „Ich widme diesen Film all
       jenen, die nicht ihr wahres Selbst ausleben können.“ Tekla ist so jemand:
       Von ihrer inzwischen verstorbenen Mutter und deren Schwester Lia verstoßen
       und von der georgischen Dorfgemeinschaft geächtet, überquert sie die Grenze
       ins Nachbarland Türkei, um dort selbstbestimmt leben zu können.
       
       So ist die Annahme, denn ihre Spuren sind verwischt, was klar wird, als
       sich Achis Informationen als falsch herausstellen: „Istanbul scheint ein
       Ort zu sein, an den Menschen gehen, wenn sie verschwinden wollen.“
       
       ## Ausbrechen aus Rollenmustern
       
       Zwar ist die Suche nach Tekla der treibende Motor der Handlung,
       ausschlaggebend ist aber, was die Überquerung der Ländergrenzen, das
       Ausbrechen aus dem Alltag und seinen traditionellen Rollenbildern mit Lia
       und Achi macht. Denn obwohl die Landschaft gleich aussieht, ist prompt
       alles anders: die Sprache, die Preise, die Menschen. Sich dort
       zurechtzufinden erscheint schwierig, bietet beiden aber die Möglichkeit,
       sich selbst näherzukommen.
       
       Besonders deutlich wird das bei Lia: Mzia Arabuli spielt diese strenge und
       erhaben wirkende Frau sensationell. Anfangs noch abgeneigt gegenüber allem,
       was auf sie frivol wirkt, bröckelt ihre Fassade zusehends. Hilfreich dabei
       ist Achis sensible Art, die Lucas Kankava in seiner ersten Rolle gekonnt
       vermittelt.
       
       An ihre Seite gesellt sich Evrim (ebenfalls in ihrer ersten Rolle glänzt
       hier Deniz Dumanli), selbst trans Frau und Anwältin, die sich für die
       Rechte queerer Menschen einsetzt. Dass diese auch in der Stadt am Bosporus
       nicht selbstverständlich gegeben sind, macht Akin deutlich.
       
       Die Begeisterung nach der Premiere im Zoopalast ist greifbar, der Applaus
       tosend und lang anhaltend, zu Recht und nicht unwesentlich – bestimmt in
       der Panorama-Kategorie doch das Publikum, wer hier am Ende einen Preis
       erhält.
       
       16 Feb 2024
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sophia Zessnik
       
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