# taz.de -- Selbsthilfegruppe für Klimagefühle: Klimatränen, Klimawut
       
       > In Gesprächsrunden in Hannover reden Aktivist*innen über ihre
       > Emotionen: Wut, Ängste, Enttäuschung. Einer bringt einen Strohhalm
       > Optimismus mit.
       
 (IMG) Bild: Hat man nicht guten Grund, da traurig zu werden? Ein vom Hochwasser überfluteter Kinderspielplatz in Niedersachsen Anfang 2024
       
       Hannover taz | Dirk Landsberg brauchte früher nie einen Antrieb, um
       optimistisch zu sein. Er war es grundlos, sagt er. Doch während der
       [1][Pandemie] änderte sich das. Landsberg ist Chemiker, als
       Naturwissenschaftler interessierte ihn, wie viele falsche Fakten über
       Corona im Umlauf waren. Er begann sich mit Studien zu beschäftigen, stieß
       dabei auf Untersuchungen zur Nachhaltigkeitskrise und las bald eine
       [2][klimawissenschaftliche Studie] nach der anderen. Seitdem ist der
       Optimismus des 41-jährigen Vaters zweier Kinder wackelig geworden.
       
       Er hätte nie gedacht, dass er mal so etwas wie eine Selbsthilfegruppe
       brauchen würde, sagt Dirk Landsberg. Jetzt sieht er das anders. Als er beim
       Klimastreik im vergangenen Jahr einen Flyer für eine Veranstaltung der
       [3][Psychologists for Future] in die Hand gedrückt bekommt, beschließt er,
       dorthin zu gehen.
       
       Seit März 2023 veranstalten Psycholog*innen in einem Hannoveraner
       Kulturzentrum [4][Gesprächsrunden, die sie Klimacafé nennen]. Es geht um
       Sorgen, Ängste, Wut, Trauer oder Hoffnung, die Menschen in Verbindung mit
       der Klimakrise haben. Sie sind überzeugt, dass diese Gefühle durchlebt
       werden müssen, um ins Handeln zu kommen.
       
       Die Runde findet in einem soziokulturellen Zentrum statt, in dem es sonst
       Kinderdisko und Kabarett gibt. „Wir haben uns bewusst dazu entschieden, es
       in diesem eher bürgerlichen Rahmen stattfinden zu lassen, damit sich nicht
       nur Klimaaktivist*innen angesprochen fühlen“, sagt Monika Krimmer,
       Gründerin der Psychologists for Future in Hannover.
       
       ## Zu Beginn schweigen sie
       
       Dirk Landsberg hat an diesem Tag Anfang 2024 noch mit seiner Familie
       Abendbrot gegessen und ist nun extra mit dem Auto aus dem Hannoveraner
       Umland hergekommen. Er ist zum zweiten Mal hier, zielstrebig läuft er zu
       dem richtigen Raum im Kulturzentrum und setzt sich zwischen die anderen in
       den Stuhlkreis.
       
       In dem kahlen Seminarraum versammeln sich nach und nach acht 40- bis
       80-Jährige. Schweigend warten sie darauf, dass die beiden
       Psycholog*innen Katja Püttker und Heribert Gröhl die Sitzung eröffnen.
       In der Vorstellungsrunde erzählen die Teilnehmenden von ihrem Aktivismus
       bei den Omas for Future, Engagement bei den Grünen, von Besetzungen oder
       ihrem Versuch eines nachhaltigeren Alltags. Ein über 70-Jähriger sagt mit
       zerknirschtem Gesicht, dass er heute mit dem Auto zum Bahnhof fahren
       musste: „[5][Bei uns herrscht noch Hochwasser], und ich bin deshalb schon
       vor ein paar Tagen mit dem Fahrrad umgekippt.“
       
       Sie berichten wie Dirk Landsberg von ihren Sorgen um die Zukunft, ihrer Wut
       über politische Entscheidungen und der Enttäuschung über erwachsene Kinder,
       die sich nicht um das Klima scheren. Erst als der nächste Punkt schon
       begonnen hat, trudeln noch drei jüngere Menschen Anfang 20 ein. Landsberg
       sitzt mit Hoodie und Cap in diesem Mehrgenerationenkreis sehr verschiedener
       Menschen. „Das gibt mir das Gefühl, eben nicht nur in einer bestimmten
       Bubble zu sein“, sagt er.
       
       ## Aktivist*innen zeigen sich verletzlich
       
       Eine Aktivistin [6][vom Bündnis „Leinemasch bleibt“] berichtet von der
       Räumung eines besetzen Waldstücks. Bäume wurden für einen Ausbau der
       Hannoveraner Umgehungsstraße gefällt. „Alles, was wir die letzten beiden
       Jahren aufgebaut haben, wurde einfach innerhalb von zwei Tagen zerstört.
       Und natürlich die Bäume, diese alten Bäume, an denen wir so lange vorbei
       gelaufen sind – einfach umgefallen.“
       
       Ihre Stimme bricht, sie hat Tränen in den Augen und räuspert sich. Die
       anderen schweigen und schauen zu Boden; eine Frau hat ihr Gesicht in den
       Händen versteckt. Man hört das Ticken der Uhr.
       
       Von einem Teil der Gesprächsrunde sind Journalist*innen ausgeschlossen,
       es soll ein geschützter Rahmen sein. Eine Psychotherapeutin erzählt, dass
       in so einem Rahmen zum Beispiel Aktivist*innen aus Lützerath, die sonst
       härter auftreten und teils auch in den Runden vermummt bleiben, ihre
       verletzliche Seite zeigen.
       
       „Das fühlte sich sehr stark nach Selbsthilfe an“, wird Dirk Landsberg
       später über die heutige Runde sagen.
       
       Das Paradoxe an Gefühlen in der Klimakrise ist, dass Ruhe manchmal
       beunruhigen und Wut aufbauen kann. Landsberg zum Beispiel sagt, er werde
       pessimistisch, wenn er von politischen Entscheidern vermittelt bekomme,
       dass alles gut werde. Wenn er aber Klimaaktivist*innen von harten
       Momenten wie Polizeigewalt sprechen höre, dann sei das schwer auszuhalten,
       ihr Widerstand gebe ihm aber auch Kraft. Dirk Landsberg selbst sieht sich
       noch nicht als Aktivist. Er ist den Grünen beigetreten und geht zu den
       großen Klimastreikdemos.
       
       Aber können solche Selbsthilfegruppen nach hinten losgehen? Verstärken
       Betroffene in diesen Gruppen vielleicht sogar ihre Gefühle gegenseitig und
       schaukeln sich hoch? Die Psychologin Monika Krimmer hat zwar schon erlebt,
       dass die Klima-Gesprächsrunden emotional sehr schwer wurden, aber die
       Psycholog*innen bringen das Gespräch zur Not mit Auflockerungsübungen
       oder Zweieraustausch aus dieser Schwere.
       
       Der Austausch bleibt in ihren Augen trotzdem wichtig. „Durch die Gruppen
       werden die Leute in ihrem [7][Durchleben der Gefühle] gehalten.“ Emotionen
       bewusst zu spüren, statt sie loswerden zu wollen, das raten Profis wie sie.
       Und dabei zu merken, dass es anderen genauso geht. An diesem Tag sollen die
       Menschen im Raum einen Satz vervollständigen, der beginnt mit: „[8][Meine
       Hoffnung], was ich bewirken kann, ist …“
       
       ## Ein Strohhalm des Optimismus
       
       Später erklingt ein Gong, danach wird es eine Minute lang still, viele
       schließen ihre Augen. Als der Schweigemoment vorbei ist, können alle noch
       mal, jetzt in Anwesenheit der Journalistin, frei über ihre Gefühle reden.
       Eine Weile herrscht Stille.
       
       Dirk Landsberg beginnt als Erster zu sprechen. Er dreht seinen Ring am
       Ringfinger und sagt: „Bei mir sind zwei Gefühle vorherrschend: Ich bin
       froh, dass wir hier zusammensitzen, unsere Gefühle teilen und schweigen
       können. Aber ich bin auch wütend, dass es so etwas geben muss.“ Noch
       schauen die Meisten in der Runde zu Boden. Es wird weitere drei
       Redebeiträge dauern, dann sehen sie sich an und nicken sich zu.
       
       Landsberg sagt hinterher, dass solche Gesprächsrunden zwar emotional
       belastend seien, es ihm hinterher aber nie schlechter gehe als vorher. Er
       ist motiviert, hierher zu kommen, seine Sorgen mitzuteilen. Aber in der
       Runde merkte er auch, dass andere noch viel geknickter sind als er. In
       solchen Momenten meldet sich dann doch wieder der alte Optimist in ihm.
       „Vielleicht konnte ich ihnen ja einen Strohhalm meines Optimismus
       mitgeben.“
       
       Nach der Abschlussrunde spricht Dirk Landsberg seinen Sitznachbarn an. Er
       möchte noch weiter über das Thema von vorhin reden: Was können sie nun ganz
       konkret als Nächstes tun? Briefe an Abgeordnete schreiben, die Presse
       kontaktieren? Es dauert noch lange, bis die letzte Person aus dem Raum
       verschwunden ist.
       
       Dieser Text ist Teil eines Rechercheprojekts zu Klimawandel und Gesundheit,
       das von der [9][taz Panter Stiftung] unterstützt wird.
       
       21 Feb 2024
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Schwerpunkt-Coronavirus/!t5660746
 (DIR) [2] /Studie-zum-Klimaschutz/!5913111
 (DIR) [3] /Psychologists-for-Future/!5902231
 (DIR) [4] /Hilfe-fuer-Aktivistinnen/!5927655
 (DIR) [5] /Hochwasser-in-Niedersachsen/!5981359
 (DIR) [6] /Rodung-befuerchtet/!5979851
 (DIR) [7] /Psychologe-ueber-Klima-Angst/!5922795
 (DIR) [8] /Philosophie-ueber-Hoffnung/!5903044
 (DIR) [9] /!v=e4eb8635-98d1-4a5d-b035-a82efb835967/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jelena Malkowski
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Zukunft
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Psychologie
 (DIR) Wir retten die Welt
 (DIR) Schwerpunkt Klimaproteste
 (DIR) Kolumne Diskurspogo
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) psychische Gesundheit
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Schwerpunkt Fridays For Future
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Paarbeziehungen in der Klimakrise: Das Private ist klimapolitisch
       
       Als langjähriger Klimajournalist fühlt sich unser Autor oft wie ein
       wandelnder Vorwurf an die Mitmenschen. Seltsam, freakig, kauzig. Woher
       kommt das?
       
 (DIR) Kriminalisierung von Pipelineprotesten: Ab in den Hochsicherheitstrakt
       
       In Uganda und Tansania kämpfen Aktivisten gegen eine gigantische
       Ölpipeline. Nun sitzen sie gemeinsam mit Terrorverdächtigen ein.
       
 (DIR) Schlechte Laune allerorten: Im Zweifel erst mal anschreien
       
       Wir alle kennen Menschen, denen es noch schlechter geht als uns. Deshalb
       müssen wir mehr über unser Befinden sprechen.
       
 (DIR) Glossar der Klimagefühle: A wie Angst bis Z wie Zuversicht
       
       Die Klimakrise und der fehlende Klimaschutz wecken ganz unterschiedliche
       Gefühle: Wut, Trauer, Verdrängung. Wie geht man mit ihnen um? Eine
       Übersicht.
       
 (DIR) Hilfe für Aktivist*innen: Klima-Angst essen Seele auf
       
       In Hannover haben die „Psychologists for future“ zum ersten Mal zum
       Klimacafé geladen. Sie bieten einen geschützten Raum für Wut, Angst und
       Trauer.
       
 (DIR) Psychologe über Klima-Angst: „Das ist eine rationale Reaktion“
       
       Besonders Jugendliche fürchten sich vor der Klimakrise, sagt
       Umweltpsychologe Gerhard Reese. Ein Gespräch über die psychischen Folgen
       der Klimakrise.
       
 (DIR) Psychotherapeutin über Klimaangst: „Eine gesunde und normale Reaktion“
       
       Angst vor dem Klimawandel ist menschlich und sollte nicht pathologisiert
       werden, fordert die Psychotherapeutin und Aktivistin Lea Dohm.