# taz.de -- Ausstellung in Istanbul: Die Frau ergreift das Wort
       
       > In Istanbul wird die Künstlerin Melek Celâl in einer Schau
       > wiederentdeckt. Ein Werk im Zeichen der Emanzipation, wie sie die
       > türkische Republik versprach.
       
 (IMG) Bild: „Frau ergreift das Wort in der Alten Großen Nationalversammlung“, 1936, Öl auf Leinwand, 36 x 48,5 cm (Ausschnitt)
       
       Eine sanft blickende Frau in weißer Bluse, den Kopf leicht zur Seite
       geneigt, auf dem Kopf ein kokettes Hütchen in Schwarz. Auf den ersten Blick
       wirken weder die Person des kleinen Selbstporträts, auf das die
       Besucher:innen im Istanbuler Sabancı-Museum zulaufen, besonders
       revolutionär, noch seine Malweise.
       
       Das Pastellbild kommt in einer Mischung aus Realismus und Impressionismus
       daher: eine sittsame höhere Tochter, zurückhaltend, fast scheu. Doch trotz
       des unscheinbaren Äußeren: Wahrscheinlich gibt es nur wenige
       Künstler:innenleben, in denen sich die historischen Umbrüche der Türkei so
       spiegeln wie in demjenigen Melek Celâls, die dieses Bild von sich im Jahr
       1934 malte.
       
       Es begann ganz klassisch und konventionell: 1896 als Tochter des
       osmanischen Offiziers Ziya Bey und seiner Frau Naciye in Istanbul geboren,
       wuchs die junge Frau in einem begüterten Haushalt auf. Sie geht nicht zur
       Schule, sondern wird zu Hause erzogen und mit 21 Jahren von ihrer Familie
       mit dem zypriotischen Anwalt Celâl Bey verheiratet, dessen Namen sie fortan
       trägt.
       
       Aus dem üblichen Rahmen fällt der intellektuelle Background. Durch ihre
       Großmütter stößt sie als junges Mädchen zu den „Dienstag-Empfängen“, zu
       denen die Dichterin Nigâr Hanım Istanbuls Intellektuelle in ihr Haus im
       Großbürgerviertel Nişantaşı einlud – Frauen inklusive. Die 1862 geborene
       Nigâr Hanım war ein bedeutendes „role model“ für die Frauen in der Zeit
       nach der 1839 beginnenden Reformperiode Tanzimat, in der Sultan Abdülmecid
       westlich orientierte Staats- und Gesellschaftsreformen durchsetzte.
       
       ## Männliche Pseudonyme für Künstlerinnen
       
       Künstlerinnen verbargen sich damals noch hinter männlichen Pseudonymen. Als
       erste Frau im Osmanischen Reich veröffentlichte Nigâr Hanım einen
       Gedichtband, der modernen westlichen Stil und feminine Sensibilität
       verband. Nach dem Tod von Meleks Mutter animiert sie die junge Frau,
       Malerin zu werden. Die Affinität zur Kunst gab es schon zuvor. In dem
       europäischen Netzwerk Libre Échange hatte sie schon Postkarten und
       Autografen berühmter Künstler:innen ausgetauscht.
       
       Melek nahm Unterricht bei einem Militärzeichner, besuchte die 1914
       eingerichtete Kunstschule für Frauen, die in der zweiten konstitutionellen
       Periode öffnete, die Sultan Abdülhamids II. autoritärer Herrschaft folgte.
       Zeitweilig studierte sie an der Pariser Kunstschule Académie Julian.
       
       Bereits 1917, im Jahr ihrer Hochzeit, mit 21 Jahren, nahm sie unter ihrem
       Mädchennamen Melek Ziya an der zweiten Galatasaray-Ausstellung teil, mit
       der die Gesellschaft Ottomanischer Maler (die sich nach der
       R[1][epublikgründung 1923] in Gesellschaft Türkischer Maler umbenannte) im
       Jahr zuvor am Bosporus eine eigene Salontradition begründet hatte.
       
       Im Jahr 1935 stellt sie im Mısır Apartment auf der Istiklal Caddesi,
       Istanbuls zentraler Ausgehmeile, aus – die erste Soloausstellung einer Frau
       in der Türkei. Das 1910 von dem armenischen Architekten Hovsep Aznavur
       erbaute Art-Nouveau-Palais für die High Society ist bis heute ein Standort
       türkischer Galerien.
       
       ## Salonveranstaltungen in Istanbul
       
       In ihrem Haus in Istanbul-Moda wiederholen Melek und ihr Ehemann das
       vorrepublikanische Salonmodell Nigâr Hanıms in den zwanziger bis vierziger
       Jahren. Sie versammeln Freigeister und Unterstützer der Republik. Einer
       ihrer engsten Freunde wurde der Schriftsteller Yahya Kemal Beyatlı, der für
       Atatürks Republikanische Volkspartei im Parlament saß.
       
       1936, ein Jahr nach der 5. Parlamentswahl, bei der die türkischen Frauen
       zum ersten Mal wählen durften, zollt sie dem Aufbruch der Frauen mit einem
       ungewohnt politischen Werk Tribut. In ihrem Ölbild „Frau ergreift das Wort
       in der Alten Großen Nationalversammlung“ steht eine der 17 Frauen, die
       damals 383 männlichen Abgeordneten gegenüberstanden, am Rednerpult in
       Ankara.
       
       Die aufschlussreiche Ausstellung ist das letzte Glied in einer Reihe des
       Sabancı-Museums, die sich von Feyhaman Duran über Avni Lifij bis zu dem
       malenden Sultan Abdülmecid Efendi Gründungsfiguren der Kunstgeschichte im
       Übergang vom Osmanischen Reich zur türkischen Republik widmen. Melek Celâl
       selbst nahm an insgesamt 27 Ausstellungen teil, die letzte davon in München
       1964 in der Galerie Schumacher. In der bayerischen Metropole starb sie
       1976.
       
       ## Heirat mit deutschem Arzt
       
       Nach dem Tod ihres ersten Mannes hatte sie den deutschen Arzt Andre Lampé
       geheiratet. Für dieses lange Künstlerinnenleben ist ihr Œuvre eher schmal.
       Bis auf die in der Ausstellung gezeigte, auffällig expressive Büste des
       polnischen Malers Roman Bilinsky, mit der sie ihr Interesse demonstrierte,
       ins Dreidimensionale vorzudringen, gelten ihre Skulpturen als verschollen.
       Trotzdem gelingt es der Schau, Celâls Werdegang mit wenigen Werken
       nachzuzeichnen.
       
       In der Presse ab den 30er Jahre wurde Celâl als „Porträtmalerin“ gelabelt,
       50 solcher Genrearbeiten hatte sie geschaffen. Darin, in ihren Stillleben
       und zahllosen Kohlezeichnungen und Pastellstudien variiert sie denselben
       impressionistisch-realistischen Mix.
       
       In Wahrheit war sie mehr als eine Porträtistin. Sie schrieb Bücher über
       Kalligrafie und türkische Stickereikunst. In ihren letzten Lebensjahren
       profilierte sie sich in zahlreichen, in der Ausstellung dokumentierten
       Artikeln als Kritikerin der Istanbuler Stadtplanung.
       
       Ihr auf den rapiden Umbau des Stadtteils Üsküdar gemünzter Satz „Innovation
       meint niemals, ignorant gegenüber der Vergangenheit zu sein“, ließe sich
       umstandslos auf die Bauwut anwenden, mit der Istanbul nach Meinung von
       Kritiker:innen heute in eine Kopie von Dubai verwandelt zu werden
       droht.
       
       Dass zum Abschluss des 100. Republikjubiläums im vergangenen Jahr mit der
       Melek-Celâl-Schau eine „außergewöhnliche Frauenfigur, die ein Beispiel für
       die Generation gibt, die die Republik großziehen wollte“, so unterstreicht
       es Museumsdirektorin Nazan Ölçer nachdrücklich, in einer Ausstellung
       präsentiert wird, ist auch ein politisches Zeichen.
       
       ## Mächtigste Frauen der Türkei
       
       Die private Sabancı-Stiftung, zu der neben einer Universität das im
       Istanbuler Nobelvorort Bebek in einem malerischen Park am Ufer des Bosporus
       gelegene [2][Sabancı-Museum] zählt, gehört dem gleichnamigen, 1967 als
       kleines Textilunternehmen in Adana gegründeten, inzwischen global
       agierenden Konzern. Nach dem Tod des Firmengründers Sakıp 2004 wird die
       (nach dem ewigen Konkurrenten Koç) zweitgrößte Industrie- und Finanzgruppe
       der Türkei mit Suzan Sabancı und Güler Sabancı von Sakıps Abkömmlingen der
       dritten Generation geführt.
       
       Sie gelten als die mächtigsten Frauen des Landes und sind für ihre
       säkulare, republikanische Haltung bekannt. Mit Melissa Sabancı Tapan ist
       das jüngste Mitglied der kunstbegeisterten Familie in die Rolle der Mäzenin
       geschlüpft. Sie leitet die 2019 gegründete internationale Künstlerresidenz
       Gate 27 im Istanbuler Stadtteil Yeniköy.
       
       Die Schau betont ihre „hidden agenda“ nicht demonstrativ. Auf die
       Präsentation eines ihrer zwanzig Aktbilder, die Melek Celâl in der
       Galatasary-Ausstellung des Jahres 1922 gezeigt hatte und mit denen sie zu
       einer der ersten türkischen Künstlerinnen aufstieg, die dieses Genre in
       ihrem Land ausstellten, verzichtet die Schau. Deren Botschaft teilt sich
       freilich auch ohne „nudes„ oder feministische Parolen klar genug mit. Mögen
       Celâls Lebenswerk und Kunst auch ein bourgeoises Exempel abgeben.
       
       ## Emanzipationsversprechen
       
       In ihnen spiegelt sich eines der, wenn nicht das zentrale
       Emanzipationsversprechen der türkischen Republik und ihres Gründers, das in
       der Türkei des gegenwärtigen Präsidenten, nicht zuletzt nach dessen 2021
       erfolgtem Austritt aus der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen vor
       Gewalt, ausradiert zu werden droht.
       
       Am Schluss der Ausstellung ist die goldene Gedenkmedaille zu sehen, die
       Melek Celâl 1939, ein Jahr nach dem Tod des Republikgründers Mustafa Kemal
       Atatürk, für diesen schuf. „Die türkischen Frauen, die Sie befreiten,
       werden ewig Freudentränen für Sie vergießen“, ist darauf neben zwei
       knienden Frauengestalten eingraviert.
       
       Der Kritiker und taz-Autor Ingo Arend arbeitet derzeit als Stipendiat der
       Kulturakademie Tarabya in Istanbul zu Kunst und Politik in der Türkei.
       
       9 Feb 2024
       
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