# taz.de -- Umweltschutz und Wintersport: Wer braucht schon eine Bobbahn!
       
       > Die Olympischen Spiele 2026 finden in Cortina d’Ampezzo statt. Nicht
       > einmal das IOC will, dass eine neue Kunsteisbahn entsteht.
       
 (IMG) Bild: Die verblassten Ringe zeigen, wofür dies einst gebaut wurde: Bob- und Rodelbahn von Cesana 2006
       
       Rennrodeln ist eine Sportart, bei der Menschen mit 130 Kilometern pro
       Stunde auf Schlitten einen Eiskanal hinunterrasen, und am Ende gewinnen
       immer die Deutschen. So war es bei den Olympischen Spielen 2022 in Peking,
       bei denen alle vier Rodelwettbewerbe von Deutschen gewonnen wurden. Und so
       ist es meistens, wenn ein stinknormaler Weltcup-Wettbewerb stattfindet.
       Auch wenn bisweilen sogenannte Exoten wie die Irin Elsa Desmond in Peking
       oder der sechsmalige Olympiateilnehmer Shiva Keshavan aus Indien bei den
       Spielen dabei sind, wird wohl kaum jemand auf die Idee kommen, das
       [1][Rennrodeln] auf Kunsteisbahnen als Weltsport zu bezeichnen.
       
       Beim Bobsport ist das nicht viel anders, auch wenn da nicht immer die
       Deutschen gewinnen. Sich bäuchlings den Eiskanal herunterzustürzen, wie es
       die Skeletonis tun, darf man getrost als abseitiges Wintersportphänomen
       bezeichnen, auch wenn es da schon mal olympische Goldmedaillen für Südkorea
       und Großbritannien gegeben hat. Und so ist es kein Wunder, dass es die
       Kunsteisbahnen sind, die im Zentrum der Diskussionen um die Sinnhaftigkeit
       von [2][Wintersport in Zeiten des Klimawandels] stehen.
       
       Wie Mahnmale der Umweltzerstörung schlängeln sich neu gebaute Bahnen durch
       die Berglandschaften der Olympiaorte, an denen sie errichtet werden. Vor
       zwei Jahren rieben sich auch die Sportlerinnen und Sportler die Augen, als
       sie zum ersten Mal das [3][Yanqing National Sliding Centre] in den Bergen
       vor Peking zu Gesicht bekommen hatten. Für geschätzte 500 Millionen Euro
       hatten die chinesischen Gastgeber einen Eiskanal gebaut, der mit edelstem
       Holz von Start bis zum Ziel überdacht worden war. Als „geisteskrank“ hat
       das der deutsche Bobpilot Johannes Lochner in einer ARD-Doku zu den Spielen
       bezeichnet.
       
       Im IOC, dem Internationalen Olympischen Komitee, freute man sich über alle
       Neubauten für die [4][Spiele in der Volksrepublik]. IOC-Präsident Thomas
       Bach schwärmte von den Hinterlassenschaften der Wettbewerbe, die dafür
       gesorgt hätten, dass 300 Millionen Menschen in China fortan Wintersport
       betreiben. In der Diktion der führenden Sportverbände geht es im
       Zusammenhang mit den immer gigantischer ausgestalteten Großveranstaltungen
       immer um das Erbe, um die legacy, wie es im internationalen
       Sportfunktionärsenglisch heißt. So wie man behauptet hat, dass mit der
       Wahnsinns-WM der Fußballer in Katar der Sport im Nahen Osten auf eine neue
       Entwicklungsstufe gehievt wurde, sollte sich China mit der Kunsteisbahn von
       Yanqing zu einem neuen internationalen Zentrum des schnellen Kufensports
       mausern.
       
       Geklappt hat das bis jetzt nicht wirklich gut. Ein großer Teil der besten
       Bobsportnationen scheute zu Beginn dieses Winters die Kosten für den
       Transport der Schlitten nach Yanqing, und so wurde der Ende November
       geplante Weltcup-Auftakt der Frauen abgesagt – zu wenige Teams hatten
       gemeldet. Das Männerrennen im Zweierbob konnte immerhin stattfinden. Gerade
       einmal elf Schlitten waren beim Sieg von Johannes Lochner mit Anschieber
       Georg Fleischhauer am Start. Als großes Erbe wird man das nicht bezeichnen
       können.
       
       ## Pyeongchang und Turin: trauriges Erbe
       
       Immerhin hat es nach den Spielen noch einen Bobweltcup auf der Bahn
       gegeben. In Pyeongchang, dem Olympiaort von 2018, war das nicht der Fall.
       Die Weltbesten haben sich den weiten Weg nach Korea gespart. Und wer weiß,
       wie es um die Anlage bestellt wäre, hätte Südkorea mit der Stadt Gangwon
       nicht den Zuschlag für die Ausrichtung der Olympischen Jugendspiele
       erhalten, die am Freitag eröffnet worden sind. Die besten jugendlichen
       Rodler und Bobpilotinnen sind da aktuell unterwegs und das Gastgeberland
       hofft, dass sich mit den Spielen ein paar junge Leute für das Rennrodeln
       begeistern können, nachdem die einzigen zwei Rodlerinnen aus Südkorea, die
       es bis zur Weltcup-Reife gebracht haben, ihre Karriere gerade beendet
       haben. Es geht, na klar, ums Erbe.
       
       Wie traurig eine olympische Hinterlassenschaft sein kann, ist westlich von
       Turin in Cesana zu beobachten. Dort fanden die Rodel-, Skeleton- und
       Bobwettbewerbe der Turiner Winterspiele von 2006 statt. Viel ist von der
       Bahn nicht geblieben. Ein graues Band aus brüchigem Beton, das von Pflanzen
       überwuchert wird, schlängelt sich heute ins Tal. 2011 wurde die Anlage
       stillgelegt, und beinahe hatte man sie schon vergessen.
       
       Doch Ende des vergangenen Jahres war die Bahn, deren Bilder lägst
       einsortiert waren in die Fotoserien mit neuzeitlichen Olympiaruinen,
       plötzlich wieder Thema. Von einem möglichen Wiederaufbau war da die Rede.
       Die Ausrichter der Olympischen [5][Winterspiele 2026] hatten mitgeteilt,
       dass es wohl nichts wird mit der Renovierung der ebenfalls zur Ruine
       verkommen Olympiabahn von 1956 in [6][Cortina d’Amp]ezzo, dem Gastgeberort
       der Spiele. Es hatte sich kein Unternehmen gefunden für die Realisierung
       des 150 Millionen Euro teuren Projekts, für das zudem ein enger Zeitplan
       vorgegeben war.
       
       Örtliche Umweltverbände jubelten. Die Vernunft habe gesiegt, meinte der
       Alpenverein Südtirol, die Aktivistinnen von der NGO Mountain Wilderness
       sowie der Dachverband für Natur- und Umweltschutz in Italien in einer
       gemeinsamen Mitteilung. Ein paar Tage vor der Entscheidung zum Baustopp
       hatten sie eine Kundgebung in Cortina organisiert und auf die Schäden für
       die Bergwelt, den Energieverbrauch und die Kosten für den Betrieb der Bahn
       auch nach den Olympischen Spielen hingewiesen.
       
       ## Alternativen: Königssee oder Innsbruck
       
       Eine Lösung bahnte sich an. Die Wettbewerbe könnten auch im Ausland
       stattfinden, auf Bahnen, die im Betrieb sind, ließ das IOC wissen. In Tirol
       machte man sich schon Hoffnungen, es werde auf die Bahn von Innsbruck/Igls
       ausgewichen. Und auch am bayerischen Königssee wurden olympische Träume
       gesponnen. Dabei gibt es dort gerade gar keine funktionierende Bahn. Nach
       einem Erdrutsch in Folge von Starkregen und Hochwasser wurde der obere Teil
       der traditionsreichen Kunsteisbahn zerstört. Ende November beschloss der
       Kreistag des Berchtesgadener Landes, die Bahn wiederherzustellen. 60
       Millionen Euro Steuergelder sollen es kosten, damit Deutschland bald wieder
       vier Kunsteisbahnen betreiben kann, so viele wie keine andere
       Wintersportnation.
       
       Als eine solche sieht sich auch Italien, wo mehrere nationalistische
       Parteien um die Stimmen von Wähler und Wählerinnen buhlen. Für die kommt es
       nicht infrage, einen Teil der Spiele im Ausland austragen zu lassen. Und
       obwohl das IOC inzwischen selbst keine Perspektive für eine Kunsteisbahn in
       Cortina d’Ampezzo sah, zudem auch einen Wiederaufbau der Anklage von Cesana
       kritisch sieht, weil es dort ja mit dem olympischen Erbe nicht wirklich gut
       geklappt hat, soll nun eine Bob- und Rodelbahn in Italien errichtet werden
       – als nationale Aufgabe.
       
       Matteo Salvini, Chef der nationalistischen Lega und
       Infrastrukturminister in Italiens rechter Regierung, hat Anfang
       Dezember den Plan für eine Bobbahn light entwickelt. 82 Millionen Euro soll
       nun der Wiederaufbau der Bahn von Cortina nur noch kosten. Eine
       Ausschreibung für das abgespeckte Projekt lief bis Donnerstag. Und in der
       Tat hat sich jemand gefunden, der das Projekt noch rechtzeitig bis zu den
       Spielen fertigstellen will. In 625 Tagen soll die Bahn stehen. Das Angebot
       wird nun geprüft – nicht nur in Italien, sondern auch im IOC, das Ende
       Januar endgültig entscheidet, wo gerodelt wird bei den Olympischen Spielen
       2026.
       
       Salvini geht davon aus, dass sich das IOC am Ende für sein italienisches
       Projekt aussprechen wird. Er will Steuergelder dafür aber auch dann
       einsetzen, wenn sich das IOC gegen olympische Rodel, Skeleton- und
       Bobwettbewerbe in Cortina d’Ampezzo entscheiden sollte. Umweltfragen
       treiben ihn sowieso nicht um. Der Lärchenwald, der der Anlage zum Opfer
       fallen würde, schert ihn wenig. Eher ist es die Konkurrenz seiner Lega zu
       einer anderen Regierungspartei, die ihn antreibt. Es war schließlich der
       Chef der Partei Forza Italia, der italienische Außenminister Antonio
       Tajani, der sich für den Wiederaufbau von Cesana starkgemacht hatte. Für
       die von der Lega regierte Region Venetien, zu der Cortina d’Ampezzo gehört,
       wäre das eine schwer hinzunehmende Pleite gewesen.
       
       Und so kann es gut sein, dass schon bald die Bauarbeiten für eine
       Kunsteisbahn beginnen, die nicht mal das sonst so auf prestigeträchtige
       Neubauten versessene IOC für notwendig hält. Sie würde als nationales
       Prestigeprojekt entstehen. Auch wenn sie gewiss nicht so viel kosten wird,
       drängt sich die Analogie zur irrwitzigen Olympiabahn von 2022 in Yanqing
       auf. Für Naturschutz ist bei solchen Projekten kein Platz – ebenso wenig
       wie für Gedanken über die Sinnhaftigkeit von Sportarten, die nur in ein
       paar Ländern ernsthaft betrieben werden. Im Rennrodeln etwa haben bis heute
       überhaupt nur Sportler und Sportlerinnen aus 7 Nationen Medaillen gewonnen.
       Meistens haben Deutsche abgeräumt. Von den 52 Goldmedaillen, die bei
       Olympischen Spielen seit 1964 im Rennrodeln vergeben wurden, sind 38 nach
       Deutschland gegangen. Dafür sind schon viele Schneisen durch Bergwälder
       geschlagen worden. Ein trauriges Erbe.
       
       20 Jan 2024
       
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