# taz.de -- Hass auf die Grünen in Ostdeutschland: Im Osten nichts Grünes?
       
       > Nirgendwo sind die Grünen so unbeliebt wie in Ostdeutschland. Mangelnde
       > Bürgernähe, Realitätsferne und Wessitum. Woher kommt das?
       
 (IMG) Bild: Oft ist es hier nicht so ruhig: Monique Hänel im Büro der Grünen in Görlitz
       
       Es ist eine Auflistung puren Hasses. Einmal, so berichtet Monique Hänel,
       kam ein Mann ins Büro und rief: „Ich wollte nur sagen, dass ihr scheiße
       seid!“ Ein anderer kündigte am Telefon an: „Ich komme ins Büro und hole mir
       mein Geld!“ – „Welches?“ fragte Hänel. „Das, was mir fehlt wegen euch
       Grünen!“ Ein anderes Mal kam ein Mann in die Geschäftsstelle gestürmt und
       bedrohte eine Mitarbeiterin mit einem Fahrradschloss. „Den haben wir
       angezeigt.“ Ein Anrufer brüllte: „Ihr elenden grünen Drecksäcke. Ich hasse
       euch. Am besten komm ich ins Büro und [1][schlag euch tot]!“ Hänel
       informierte die Kripo.
       
       Dazu kommen die unzähligen Angriffe gegen das Büro selbst, die
       Farbattacken, die verkleisterten Türschlösser und die bespuckten
       Fensterscheiben. Monique Hänel leitet das Regionalbüro der Grünen in
       [2][Görlitz], tief im Osten Sachsens an der Grenze zu Polen. Belastend
       seien die Attacken, sagt sie. Das alles nimmt man schließlich am Abend mit
       nach Hause. „Ich wollte schon Bäume umarmen.“
       
       Die Anrufe kommen aus dem Landkreis, und die Eindringlinge sind Männer der
       Generation 50 plus. Themenhopping betreiben sie – [3][Ukraine],
       [4][Energiepreise], [5][Flüchtlinge], [6][Klima]. Sie brandmarken alles
       Grüne, lassen Dampf ab, kippen ihren Unrat aus. Der letzte Winter war
       besonders heftig, im Frühjahr hat sich die Lage dann beruhigt. Die
       Frühlingssonne, vermutet Monique Hänel, habe manch aufgewühlte Seele
       entspannt.
       
       Beruhigend, einerseits. Andererseits kann es bald wieder losgehen. Die
       Temperaturen fallen. Inzwischen gibt es Vorkehrungen. Die Eingangstür ist
       verschlossen. Erst nach Sichtkontrolle schließt Monique Hänel auf und bald
       werde der Außenbereich „kameratechnisch abgedeckt“, eine Empfehlung des
       sächsischen Landeskriminalamts.
       
       ## Schubert ist eigentlich keine polarisierende Grüne
       
       „Dass ich das mal erlebe, dass sich das Landeskriminalamt um Vorfälle
       kümmert, finde ich krass“, sagt Franziska Schubert. Alles Gift, was für das
       Görlitzer Büro bestimmt ist, soll auch sie treffen. Es ist ihr
       Abgeordnetenbüro in der Heimat. Jetzt sitzt sie in einem kahlen
       Besprechungsraum, irgendwo im Landtag in Dresden. „Es ist eine Enthemmung
       im Gange, die finde ich besorgniserregend.“ Es klingt nicht ängstlich, wie
       sie es sagt, doch nachdenklich.
       
       Die 41 Jahre alte Grünen-Politikerin war bisher keine, die sich persönlich
       Sorgen machen musste. Schubert polarisiert nicht, sie führt zusammen. Den
       Grünen hat sie in Görlitz schon zum Höhenflug verholfen.
       
       In der 56.000-Einwohner-Stadt, in der seit Jahren regelmäßig [7][ein
       Drittel für die AfD stimmt], ist ihr 2019 ein Triumph gelungen. Bei der
       Oberbürgermeisterwahl hatten im ersten Wahlgang 28 Prozent für Schubert
       votiert, Platz drei, knapp hinter dem CDU-Mann. Der AfD-Anwärter allerdings
       hatte beide überflügelt. Erstmals in Deutschland hätte ein AfDler
       Oberbürgermeister einer Stadt werden können. Es kam anders. Schubert
       verzichtete, warb im zweiten Wahlgang für eine „offene Europastadt“ und
       unterstützte so den CDU-Kandidaten. Mit 55 Prozent zog der ins Rathaus ein.
       
       ## Am Alltag der Menschen vorbei
       
       Das verleitete Annegret Kramp-Karrenbauer, damals die CDU-Vorsitzende, den
       eher wackeligen Sieg ganz für ihre Partei zu reklamieren. „So far away from
       here“ sei die Parteispitze der CDU, so weit, weit weg von den tatsächlichen
       Verhältnissen, schimpfte Schubert über dieses Fehlurteil. „Das ist genau
       der Stil, der die Menschen wütend macht“, sagte sie damals der taz.
       
       Möglicherweise kommen die Fehleinschätzungen inzwischen von den Grünen.
       Franziska Schubert, offener, freundlicher Blick, macht nicht den Eindruck,
       dass sie dieser Gedanke empört. Schuberts Eltern betreiben in dritter
       Generation eine Fleischerei in einem Dorf dreißig Kilometer südwestlich von
       Görlitz.
       
       Was das Handwerk von Robert Habecks über Monate favorisierten Idee vom
       Industriestrompreis hält, dürfte ihr der Vater bereits erzählt haben. Nicht
       nur die Aluminiumindustrie braucht Energie, auch das Schlachthaus, das
       Kühlhaus und der Backofen.
       
       Die Wirtschafts- und Sozialgeografin Schubert kam nach Abschlüssen in
       Osnabrück und Budapest nach Ostsachsen zurück. Sie, die überzeugte
       Katholikin, bezeichnet sich als Lokalpatriotin.
       
       „Es gibt so ein paar Annahmen, vielleicht auch innerhalb der Bündnisgrünen,
       die nicht zum Alltag der Menschen passen“, überlegt sie. „Wir sind als
       Bündnisgrüne beispielsweise manchmal recht unfreundlich gegen
       Wohneigentümer.“ Hausbesitz werde schnell mit Reichtum gleichgesetzt.
       [8][Dabei sind Wohnhäuser im ländlichen Raum Ostdeutschlands
       Lebensgrundlage und Altersvorsorge in einem], Kredite vor der Rente oft
       nicht abbezahlt.
       
       ## Vorangehen, vorangehen
       
       Fragen der energetischen Sanierung könnten da eben nicht nur technisch
       abgehandelt werden. Es gehe da schnell um Investitionen im sechsstelligen
       Bereich. Leute mit einem Einkommen, „die das so ohne weiteres stemmen
       können, die sehe ich im Osten nicht an jeder zweiten Hausecke“. Schubert
       hat das neunzig Jahre alte Haus ihrer Großeltern übernommen. Wenn
       Hausbesitzer zu ihr kommen, ahnt sie, was falsch läuft. „Gerade die Älteren
       haben eine Heidenangst, dass es kalt wird.“ Wer in so einem Moment über
       Wärmepumpen doziert, mag technisch auf der Höhe sein, sozial eher nicht.
       
       Lösungen zaubert man nicht aus dem Hut. Das ist die Realität, und die
       Vorreiterrolle, die die Grünen beanspruchen, hat auch noch ihre Tücken.
       „Manchmal ist es bei uns Bündnisgrünen so, dass wir vorangehen, vorangehen,
       vorangehen und dabei vergessen, uns umzudrehen und zu schauen, ob die Leute
       mitkommen.“
       
       Eigentlich wollte Franziska Schubert das Gespräch in ihrem Görlitzer Büro
       führen, dort, wo schon die Eingangstür von der Mühsal grüner Politik
       erzählt. Ihr Kalender, voll mit Terminen, hat das verhindert. Schubert
       blickt aus dem Fenster. An dem Parlamentsgebäude fließt die Elbe vorbei. Im
       Sommer sieht man in dem Fluss, einst nicht viel mehr als eine Kloake, immer
       wieder Menschen baden. Nicht nur für Grüne ein Lichtblick im tiefsten
       Osten.
       
       Dabei sind in allen ostdeutschen Ländern die Bündnisgrünen seit Jahren im
       Parlament vertreten, in drei Landesregierungen stellen sie Minister und
       Staatssekretäre. Schlecht ist diese Bilanz nicht. Vor zwanzig Jahren war
       sie desaströs. Die Grünen waren damals aus den Parlamenten aller
       ostdeutschen Flächenländer geflogen, die ökologischen Erneuerer
       gescheitert.
       
       ## Grüne haben es schwer, mit ihren Ideen durchzudringen
       
       Paul Dörfler kennt diese Enttäuschung – und hat sie hinter sich gelassen.
       Dörfler führt durch den Garten hinter seinem Häuschen im Dörfchen Steckby
       an der Elbe. Der Garten ist ein Mix aus Streuobstwiese und Urwald,
       mittendrin Tisch und Bank.
       
       „Schau mal da, Bienenfresser!“ ruft er. „Die fangen sich jetzt die
       Insekten, die aufsteigen, und fressen sich voll für ihre Reise in den
       Süden.“ Er deutet auf die farbenprächtigen Vögel, die direkt über seinen
       Kopf jagen. Eigentlich liegt ihre Heimat weiter im Süden. Doch seitdem es
       nördlich der Alpen stetig wärmer wird, fühlen sie sich auch hier wohl,
       besonders in Braunkohleregionen. [9][Sachsen-Anhalt] ist einer ihrer
       Favoriten. Die Bruchkanten für ihre Nistkolonien finden sie in Tagebauen.
       
       Dörfler hat ein ganzes Buch, „Nestwärme“, über Vögel geschrieben, über ihr
       Verhalten, ihre Lebensweise, es stand lange auf Bestsellerlisten. Gerühmt
       wird Dörflers Beobachtungsgabe, und das betrifft nicht nur die Vogelwelt.
       
       Dörfler kennt auch die Grünen in allen Ausprägungen – die vielen, die den
       kräftigen Westzweig bilden, die eigensinnigen Bürgerrechtler vom Schlage
       einer Vera Lengsfeld oder eines Werner Schulz, und die eher wenigen Grünen,
       die aus der DDR kommen, kennt Dörfler natürlich auch. Und er kennt auch den
       Menschenschlag, der es der Öko-Partei so schwer macht, mit ihren Ideen
       durchzudringen. Dörfler versucht das selbst seit vierzig Jahren.
       
       ## Ein Buch gegen die Umweltpolitik der DDR
       
       1986 hat Dörfler zusammen mit seiner Frau Marianne in der DDR das Buch
       „Zurück zur Natur?“ veröffentlicht – eine Sensation, da es erstmals die
       gewaltigen ökologischen Probleme des Arbeiter- und Bauernstaates
       thematisierte und sich heute noch liest wie ein Leitfaden für den
       ökologischen Umbau. Erstaunlicherweise im staatlichen Urania-Verlag
       erschienen, waren die 15.000 Exemplare binnen dreier Tage verkauft. Populär
       war die Einsicht, dass es für das menschliche Handeln planetare Grenzen
       gibt, dennoch nicht.
       
       Paul Dörfler hat 1989 die Grüne Partei in der DDR mitgegründet, er war in
       der letzten Volkskammer Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt, Energie
       und Reaktorsicherheit und war nach dem 3. Oktober 1990 Abgeordneter der
       Grünen in Bonner Bundestag.
       
       Dörfler, ein promovierter Chemiker, war einer der profiliertesten
       Umweltexperten, als die SED angesichts der ökologischen Katastrophe, in die
       die DDR schlitterte, Umweltdaten noch als Staatsgeheimnis betrachtet hat.
       Umweltschützer galten schnell als Staatsfeinde, weil sie die
       Fortschrittsgeschichte des Sozialismus in Frage stellten, der
       Gesellschaftsordnung, die angetreten war, die gesamte Menschheit zu
       beglücken.
       
       Damit war es 1990 vorbei, mit Umweltthemen allerdings auch. Mit dem
       „Aufschwung Ost“, dem milliardenschweren Konjunkturhammer der
       Kohl-Regierung, [10][waren ökologische Fragen schnell wieder vom Tisch].
       Was zählte, waren Autobahnen, Wasserstraßen, Gewerbegebiete – kurzum:
       Fortschritt, diesmal im Gewand der Marktwirtschaft.
       
       „Wir haben als Grüne gefragt, hat das Sinn? Ist das nachhaltig?“ erinnert
       sich Dörfler. So sollte die weitgehend naturbelassene Elbe als Trasse für
       Schubverbände vertieft werden, obwohl sie schon damals nicht mehr genügend
       Wasser führte.
       
       ## Die Sündenböcke der 90er
       
       Dazu kamen Reizworte von den Grünen wie: Weniger Auto, mehr Bahn! „Wir
       waren Staatsfeinde, und wir wurden Wirtschaftsfeinde“, fasst Dörfler
       zusammen. „Und als sich die ‚blühenden Landschaften‘ nicht einstellen
       wollten, waren wir die Sündenböcke.“ Das wirkt nach. Mit so einer Fama im
       Rücken ist [11][Robert Habeck als Wirtschaftsminister ein passendes
       Feindbild], besonders bei der Generation 50 plus im Osten.
       
       Vorsichtig nennt Dörfler diese Gruppe „die Sesshaften“. Das Gegenstück sind
       die Mobilen, die nach 1990 den Osten verließen und im Westen ihre Chance
       suchten. Menschen, die sich wahrscheinlich eher für grüne Themen
       interessieren, vermutet Dörfler. Wenn sie Grün wählen, dann heute in
       Baden-Württemberg oder Bayern.
       
       Überhaupt könne man in dünn besiedelten Regionen auch ganz gut ohne grüne
       Vorstellungen leben. Verkehrslärm? Abgase? Feinstaub? Wenn man nicht gerade
       eine Schweinemastanlage vor der Nase hat, könne man Umweltprobleme einfach
       ignorieren.
       
       Dabei profitiert auch das Dörfchen Steckby von urgrünen Konzepten wie
       nachhaltigem Tourismus. Der Elbe-Radweg, ein 1.280 Kilometer langes Band
       entlang der Elbe von ihrer Quelle im Riesengebirge bis nach Cuxhaven, führt
       direkt an Dörflers Haus vorbei. St. Nikolai mitten im Ort wurde zur
       Radfahrerkirche erhoben und Pensionen werben mit der naturbelassenen
       Flusslandschaft, mit Fischadlern, Störchen und Bibern.
       
       ## Eine Mehrheit, die den Klimawandel komplett ignoriert
       
       Dörfler, der Umweltpionier, hielt es nicht lange im Bundestag aus. Er trat
       zur Wahl im Dezember 1990 nicht wieder an. Dörfler hat gelitten, er zählt
       auf: die endlosen Sitzungen, die klimatisierten Räume, das künstliche
       Licht, falsche Ernährung und kein Draht mehr zur Natur. „Irgendwann nimmt
       dein Körper die Form eines Stuhls an.“
       
       Allerdings war Dörfler auch politisch ernüchtert. Er packt einen
       Tausend-Seiten-Wälzer auf den Tisch, ein geradezu historisches Konvolut vom
       Oktober 1990 zum Thema „Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“,
       [12][verfasst von der gleichnamigen Enquete-Kommission des Bundestages],
       sein Appell: Sofort den Klimawandel bekämpfen, den CO2-Ausstoß verringern
       und die Energiewende anpacken! „Die Mehrheit hat das komplett ignoriert.“
       
       Dörfler ist Autor geworden. Mit seiner jüngsten Veröffentlichung „Aufs
       Land“ schließt sich der Kreis, der 1986 in der DDR mit „Zurück zur Natur?“
       begann. Es ist ein Plädoyer für ein selbstbestimmtes Leben auf dem Land,
       für ein Ende von Konsumzwang und Fremdbestimmung. Vor allem aber wirbt es
       für eine Versöhnung zwischen den urbanen Zentren und der Peripherie –
       vielleicht ist auch das ein versteckter Wink an die Grünen.
       
       Dörfler ist 73 Jahre alt. Er wirkt wie ein weißhaariger Naturbursche. Zum
       Abschied zückt er ein Taschenmesser und schneidet eine Zucchini ab. Der
       Abstand zum politischen Geschäft hat ihm sichtlich gutgetan.
       
       ## Die Ur-Grünen in Ostdeutschland
       
       Das kann man von Lukas Beckmann auch sagen. Beckmann, ebenfalls 73, hat
       sich für die Grünen zuvor jahrzehntelang krumm gemacht. Er hat die Partei
       mitgegründet und -aufgebaut. Er war Bundesgeschäftsführer,
       Vorstandssprecher und Fraktionsgeschäftsführer, um nur einige Ämter zu
       nennen, jetzt schließt er das Herrenhaus von Zernikow in Brandenburg auf.
       2017 hat sich Lukas Beckmann mit seiner Frau hier niedergelassen. Er und
       Ingrid Hüchtker gehören damit zu den Ost-Grünen, zwei von etwa 10.000
       Mitgliedern, die die Partei in den ostdeutschen Flächenländern hat.
       
       Neben Beckmann und seiner Frau, die sich in der hiesigen Gemeindevertretung
       engagiert, haben sich zwei Kommunalpolitiker eingefunden, Uwe Mietrasch und
       Reiner Merker, beide Endvierziger, die sich hier in Brandenburg wacker für
       grüne Ideen schlagen. Beckmanns Ankunft hat den Grünen zwischen Oranienburg
       und Rheinsberg einen Neuanfang beschert.
       
       Lukas Beckmann inspiriert und motiviert wie vor Jahrzehnten. Und kaum einer
       überblickt die Geschichte der Grünen so wie der Bauernsohn aus der
       Grafschaft Bentheim ganz im Westen. 1979 – Habeck war ein Kind, Baerbock
       noch gar nicht geboren – da hat Beckmann mit Petra Kelly, Joseph Beuys und
       Rudi Dutschke Europa-Wahlkampf betrieben.
       
       Nach 1990 hat er die Vereinigung der Grünen mit Bündnis 90 vorangetrieben.
       Er kannte DDR-Bürgerrechtler und Oppositionelle der Charta 77 aus der CSSR,
       Paul Dörfler hat bei ihm in Bonn übernachtet. Kurzum – Beckmann hat alles
       getan, damit die Bündnisgrünen zu einer länderübergreifenden, europäischen
       Kraft werden.
       
       ## Gendern im Osten
       
       Und jetzt sagt Reiner Merker, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Kreistag
       von Oberhavel: „Es gibt keine Partei im Parteienspektrum, die so sehr
       Westpartei ist wie die Grünen.“
       
       Merker führt das gleich aus. Es seien nicht nur ganz oft die Zugezogenen,
       die sich politisch engagieren, sie kommen eben oft auch aus dem Westen.
       Merker selbst stammt aus Thüringen und sein Nachbar Uwe Mietrasch wuchs in
       Schwedt an der Oder auf. Aber sonst? Seine Fraktion hat sieben Mitglieder,
       sagt Merker, nur zwei davon sind aus Ostdeutschland, einer von ihnen ist
       nach 1990 geboren.
       
       Merker, Landwirt und Obstbaumspezialist, ist der einzige hier, der die
       Sprache mit ihren versteckten Anspielungen, die die DDR geprägt hat,
       versteht. Die Sprache grüner Programmatik hingegen ist
       westdeutsch-akademisch. „Nehmen wir das Gendern“, sagt Merker. Es stamme
       aus dem feministischen Diskurs und sei ein folgerichtiger Schritt, die
       Gesellschaft zu sensibilisieren – für Westdeutschland.
       
       [13][In Ostdeutschland mit der Erinnerung von der Gleichberechtigung der
       Frau], ob propagiert oder tatsächlich gelebt, halten viele eine
       geschlechtergerechte Sprache für gegenstandslos. Ihr Argument: Wir hatten
       das doch schon. „Dann ist es nicht verständlich, wenn da die Grünen sich
       für dieses Thema stark machen.“ Natürlich wird in Merkers Fraktion trotzdem
       bei Vorlagen und Reden gegendert – als einzige Fraktion im Kreistag.
       
       Für Ingrid Hüchtker, die 2002 nach einer fulminanten Rede des früheren
       Bürgerrechtlers Werner Schulz bei den Grünen eintrat, ein gutes Beispiel,
       „wie sehr sich der westdeutsche Feminismus und der ostdeutsche
       missverstehen“. Überhaupt, sagt Hüchtker, seien die Grünen in der
       Lokalpolitik, aber auch in Verwaltung und Wirtschaft schlecht verankert.
       „Die meisten Menschen haben gar keinen Kontakt zu Grünen. Deswegen kann man
       das so füllen mit irgendwas.“ [14][Im Zweifelsfall auch mit Hass].
       Hüchtker, die in Berlin als Lehrerin arbeitet und neben dem Engagement in
       der Gemeindevertretung auch Sprecherin des Ortsverbandes Gransee ist,
       stammt aus Münster.
       
       ## Die Grünen, eine geschichtslose Partei
       
       [15][Reiner Merker erinnert daran, dass es schon einmal die Grünen in der
       Region gab, stark geprägt von Leuten von Bündnis 90]. „Die sind aber alle
       ausgetreten.“ – „Was war der Grund?“, fragt Beckmann. „Die
       ‚Kriegstreiberei‘ der Grünen“, sagt Uwe Mietrasch, „der Jugoslawienkrieg“.
       Und später auch Hartz IV. Der Ingenieur war Geschäftsführer von Stadtwerken
       in der Region. Jetzt ist Mietrasch selbstständig, hat Zeit für Familie,
       Haus und Hof – und für Politik. Er ist für die Grünen in der
       Stadtverordnetenversammlung Gransee, Parteimitglied ist er allerdings
       nicht.
       
       Lukas Beckmann überlegt. Er sieht vor allem kulturelle Entfremdungen durch
       Sprache zwischen Stadt und Land. Es gehe um mehr als Gendern. „Eine Partei,
       die immer jugendlicher daherkommt, hat es schwer, Menschen zu überzeugen,
       die schon große Transformationen durchlebt haben.“
       
       Ost und West hätten sich zwar vermischt, eines aber sei geblieben. „Die
       Grünen sind im öffentlichen Bewusstsein in Ostdeutschland im Kern immer
       noch die Westgrünen“, präzisiert er. „Viele Ostdeutsche verzeihen uns
       Geschichtslosigkeit nicht. Wir haben zwar für Europa geworben, bis 1989
       endete es aber für viele im Westen an der Elbe. [16][Alles, was östlich
       war, hat leider zu wenige interessiert].“
       
       Für Beckmann sind Parteien ein zentrales Mittel, Demokratie zu leben und
       Freiheit zu ermöglichen. Bei den Grünen aber kommt eine Besonderheit hinzu.
       „Du kannst mitfahren, aber die Grünen wissen genau, wo es lang geht“, sagt
       er. „Und das ist einfach nicht sehr einladend. Wir isolieren uns dadurch
       selbst und ziehen kulturelle Grenzen ein.“
       
       Anruf in Görlitz. „Alles ruhig“, sagt Monique Hänel entspannt, zur Zeit
       keine Beschimpfungen, keine Angriffe. Eine gute Nachricht, nicht nur für
       die Grünen.
       
       25 Nov 2023
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Gewalt-gegen-Landtagsabgeordneten/!5950184
 (DIR) [2] /Goerlitz/!t5008521
 (DIR) [3] /Schwerpunkt-Krieg-in-der-Ukraine/!t5008150
 (DIR) [4] /Energiekrise/!t5872932
 (DIR) [5] /Gefluechtete/!t5234000
 (DIR) [6] /Schwerpunkt-Klimawandel/!t5008262
 (DIR) [7] /AfD-Sachsen/!t5571779
 (DIR) [8] /Armut-in-Ostdeutschland/!5937059
 (DIR) [9] /Sachsen-Anhalt/!t5009582
 (DIR) [10] /Geschichte-des-deutschen-Klimaschutzes/!5916334
 (DIR) [11] /Allianz-gegen-Habeck/!vn5937803
 (DIR) [12] /Umweltschutz-im-Jahr-1990/!5715858
 (DIR) [13] /Gender-Pay-Gap/!5709794
 (DIR) [14] /Politischer-Diskurs/!5906370
 (DIR) [15] /30-Jahre-Buendnis-90/Die-Gruenen/!5932563
 (DIR) [16] /Baerbock-und-Habeck-im-Osten/!5944802
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Thomas Gerlach
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Ostdeutschland
 (DIR) Bündnis 90/Die Grünen
 (DIR) Sachsen
 (DIR) Ost-West
 (DIR) wochentaz
 (DIR) GNS
 (DIR) Lesestück Recherche und Reportage
 (DIR) Podcast „Vorgelesen“
 (DIR) Thüringen
 (DIR) Bündnis 90/Die Grünen
 (DIR) Bündnis 90/Die Grünen
 (DIR) Europawahl
 (DIR) Ricarda Lang
 (DIR) Bündnis 90/Die Grünen
 (DIR) Deutsche Einheit
 (DIR) Schwerpunkt Ostdeutschland
 (DIR) Schwerpunkt Ostdeutschland
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Linke Grüne über die Wahl in Thüringen: „Duckmäusertum hilft nicht“
       
       Astrid Rothe-Beinlich hat viele Jahre für die Grünen in Thüringen Politik
       gemacht. Dass sie jetzt aufhört, liegt auch an der politischen Lage im
       Land.
       
 (DIR) Bundesumweltministerin Steffi Lemke: „Ich bin dort verwurzelt“
       
       Steffi Lemke ist die einzige Grüne mit DDR-Hintergrund im Kabinett. Über
       den Hass auf ihre Partei und die Frage, ob sie eine Entschuldigung von
       Markus Söder will.
       
 (DIR) Grünen-Fraktionschefin in Thüringen: Astrid Rothe-Beinlich geht
       
       Am Wochenende hätte sie fast nocheinmal die Pläne der Grünen-Bundesspitze
       durchkreuzt. Jetzt geht die langjährige Thüringer Fraktionschefin.
       
 (DIR) Bundesparteitag der Grünen: Grüne ohne Adenauer
       
       Die Grünen debattieren ihr Programm zur Europawahl. Am Abend wird eine
       Kontroverse zur Asylpolitik erwartet. Baerbock wirbt für Realitätssinn.
       
 (DIR) Wahlen auf dem Grünen Parteitag: Terry Reintke ist Spitzenkandidatin
       
       Die Grünen ziehen mit der linken Sozialpolitikerin in die Europawahl im
       kommenden Jahr. Lang und Nouripour sind als Parteivorsitzende
       wiedergewählt.
       
 (DIR) Generaldebatte auf dem Grünen Parteitag: Mehr Selbstkritik wagen
       
       Der Beginn des Grünen-Parteitages verdeutlich: Die Partei setzt auf
       staatspolitische Verantwortung. Doch ein Weiter-so darf es nicht geben.
       
 (DIR) Jahresbericht der Bundesregierung: Nachholbedarf bei deutscher Einheit
       
       Der Jahresbericht der Bundesregierung zeigt weiter Unterschiede zwischen
       Ost- und Westdeutschland. Daten zu Vermögen und Erbschaft fehlen.
       
 (DIR) Volksverhetzung in Neubrandenburg: Hakenkreuzfahne überm Bahnhof
       
       Rechtsextreme haben wohl die Regenbogenflagge durch die verbotene
       Naziflagge ersetzt. Mecklenburg-Vorpommerns Landesinnenminister Pegel ist
       empört.
       
 (DIR) Göring-Eckardt über Ostdeutschland: „Die Bösartigkeit hat zugenommen“
       
       Zehn Tage lang radelte Katrin Göring-Eckardt durch Ostdeutschland. Der
       Grünen-Politikerin schlug dabei Hass entgegen – aber nicht nur. Ein
       Gespräch.