# taz.de -- Soziologe über positive Zukunftsideen: „Utopisch Denken braucht Training“
       
       > Angesichts der Krisen fällt es schwer, positive Zukunftsszenarien zu
       > entwickeln. Warum das gerade jetzt wichtig ist, sagt der Soziologe Stefan
       > Selke.
       
 (IMG) Bild: Zum ersten Mal war die Erde als Ganzes sichtbar, fragil und wunderschön, das Foto „Earthrise“ aus dem Jahr 1968
       
       taz: Herr Selke, wir Menschen haben keine Probleme damit, [1][uns die
       Apokalypse auszumalen]. Warum fällt es uns so schwer, positive Bilder von
       der Zukunft zu entwerfen? 
       
       Stefan Selke: Menschen lieben Geschichten, sie lieben Dramen. Die
       Apokalypse, der Weltuntergang, ist das Drama schlechthin. Es gibt allein
       über 500 Varianten von der Sintfluterzählung, in allen Kulturkreisen. So
       ein richtig gutes Drama ist unterhaltsam und funktional. Und mit der Angst,
       die so eine Geschichte erzeugt, lassen sich Menschen auch gut lenken.
       
       Utopien haben einen schlechten Ruf. Woran liegt das? 
       
       Es gibt eine weit verbreitete Angst vor der großen Utopie, und die ist im
       Grunde Angst vor der Ideologie. Das 20. Jahrhundert war die Zeit der
       gesellschaftlichen Großutopien, die dann ins Dystopische, ins Faschistische
       abgeglitten sind. Da will natürlich niemand wieder hin. Dennoch sollte wir
       diese Angst beiseitelegen und uns stattdessen trauen, [2][utopisch zu
       denken]. Denn eigentlich geht es bei der Utopie nicht um die Weltformel,
       sondern eher um visionären Pragmatismus. Um die Frage: Wie wollen wir diese
       unsere Welt, unsere Gesellschaft, gemeinsam gestalten?
       
       In Ihrem Buch „Wunschland“ klopfen Sie verschiedene utopische Projekte ab.
       Gibt es eines, von dem wir besonders viel lernen können? 
       
       Ich finde Monte Verità sehr inspirierend, eine Lebensreformgemeinschaft,
       die Anfang des 20. Jahrhunderts [3][bei Ascona im Tessin entstand]. Die
       Menschen, die dort um 1900 zusammenkamen, waren, wie wir heute,
       zivilisationsmüde und krisengebeutelt – aber es gab eben auch eine
       unglaublich positive Aufbruchstimmung. Die Lebensreformbewegung, die damals
       entstand, hatte sich zum Ziel gesetzt, wirklich alles neu zu denken:
       Ernährung, Landwirtschaft, Beziehungen, selbst Sprache. Das war ein
       Feuerwerk an Ideen, der Wahnsinn. Dieser Geist von Zukunftseuphorie, der
       begeistert mich sehr. Genau das brauchen wir heute wieder.
       
       Frei, gleich, gerecht: Träumen wir Menschen den immergleichen Traum? Wie
       schaffen wir eigentlich grundlegend Neues? 
       
       Utopien sind immer ein Spiegel dessen, was in einer Gesellschaft als
       Problem empfunden wird. Auch die persönlichen Erfahrungen der Gründer
       spielen durchaus eine Rolle. Henry Oedenkoven zum Beispiel hatte sich den
       Magen verdorben und hat dann in Monte Verità vegane Ernährung ausprobiert
       und propagiert. Andere arbeiteten sich am Kapitalismus ab, an Ausbeutung
       und Militarismus, die gaben sich dann pazifistische oder spirituelle Ziele.
       Wir sind alle geprägt, biografisch, geschlechtlich, kulturell. Das sind
       soziale Konventionen, die wir nicht von heute auf morgen ablegen, das muss
       man sich systematisch abtrainieren.
       
       Was halten Sie von Projekten wie [4][„Neom“ in Saudi-Arabien], wo mitten in
       der Wüste eine neue Hightech-Stadt entstehen soll? Hat das für Sie
       utopischen Wert? 
       
       „Neom“ ist in meinen Augen eher ein Negativbeispiel, ähnlich wie all die
       geplanten Unterwasserstädte. Alles, was elitär, privilegiert und
       exkludierend ist, ist per se nicht utopisch. Das sind keine Blaupausen für
       eine gelingende Zukunft, sondern Survival-of-the-richest-Strategien. Es
       braucht unendlich viele Ressourcen, damit diese Leute da in ihrem
       klimatisierten Luxushabitat ein antiseptisches Leben genießen können.
       Insgesamt ist das eher ein Ansatz von „future by disaster“ als „future by
       design“.
       
       Was meinen Sie damit? 
       
       Mit „future by disaster“ meine ich, dass Welten als Reaktion auf externen
       Druck entworfen werden, angstgetrieben. „Neom“ ist da ein gutes Beispiel:
       Das saudische Regime befürchtet, dass bald das Öl ausgeht, und sucht nun
       mit allen Mitteln nach Wegen, Geld ins Land zu bringen. Auch die Pläne für
       die [5][„Ocean Spiral City“], eine Unterwasserstadt vor der Küste Japans,
       entstehen „by disaster“: In diesem Fall ist es die Angst vor Tsunamis und
       Erdbeben, die die Menschen treibt. Mit wirklicher Veränderung, mit
       positiver Entwicklung von Gesellschaft hat das nichts zu tun. Gerettet
       werden immer nur die Eliten.
       
       Angesichts der vielen Krisen fühlen sich viele Menschen unfähig, positive
       Zukunftsszenarien zu entwickeln. Sie sprechen von „Zukunftsarmut“. 
       
       Ja, mittlerweile belegen empirische Studien dieses Phänomen. Die
       [6][Sinus-Milieustudie 2022] zum Beispiel hat gezeigt: Nur 35 Prozent aller
       Teenager in Deutschland schauen optimistisch in die Zukunft. Die junge
       Generation hat nicht mehr das Gefühl, die Welt mitgestalten zu können.
       Eigentlich müsste es da einen medialen Aufschrei geben, aber der bleibt
       bislang aus. Ich meine: Transformation ist ja nichts anderes als der Glaube
       daran, dass die Welt gestaltbar ist und dass man selbst einen Beitrag
       leisten kann. Und der kommt uns langsam, aber sicher abhanden.
       
       Die Welt verändert sich derzeit rasend schnell. Wissenschaftler*innen
       und Politiker*innen fordern Anpassung, zum Beispiel an die Klimakrise. 
       
       Und genau das halte ich für grundfalsch. Anpassung ist zum neuen Leitmotiv
       geworden, und das kann fatale Folgen haben. Denn Anpassung bedeutet
       Stillstand. Da wird dann ein sogenannter Normalzustand als alternativlos
       vorausgesetzt. Wir nehmen bestimmte Wirtschaftsverhältnisse und
       gesellschaftliche Konventionen als gegeben hin und denken überhaupt nicht
       mehr in Alternativen.
       
       Sie sprechen selbst von „erschöpften Gesellschaften“. Das macht es schwer,
       utopisch zu denken. Wie kommen wir da raus? 
       
       Wir brauchen neue Vorbilder und starke Symbole. Und wir brauchen gute
       Geschichten von einer erstrebenswerten Zukunft. Bilder können immense
       Kräfte freisetzen. Denken Sie nur an die Fotografie „Earthrise“. Das
       berühmte Foto, das aus der Perspektive eines Astronauten zeigt, wie über
       dem Mond die Erde aufgeht.
       
       Das Bild wurde auf dem Flug von Apollo 8 aufgenommen, im Jahr 1968. Es hat
       Geschichte geschrieben. 
       
       Dieses Foto ging um die Welt, und es hat unglaubliche Wirkung entfaltet.
       Zum ersten Mal war die Erde als Ganzes sichtbar, fragil und wunderschön und
       umgeben von unendlichem Raum. „Earthrise“ hat erstmals ein planetares
       Bewusstsein geschaffen. Dieses Bild der Nasa hat die Umweltbewegung
       inspiriert und unglaublich viel Engagement angestoßen.
       
       Brauchen wir ein neues Bild dieser Art, um einen neuen historischen Ruck zu
       erzeugen? 
       
       Das wäre großartig. Ich denke viel darüber nach, was für ein Bild das sein
       könnte. Vor allem aber denke ich: Utopisches Denken braucht Training, wir
       müssen üben. Und wir sollten Räume schaffen, wo das angstfrei möglich ist
       und sogar gefördert wird. Da sind die Bildungseinrichtungen gefragt, aber
       auch Unternehmen und Institutionen. Wir brauchen [7][Summer Schools,
       Workshops], in denen wir die Frage stellen: Können wir uns Alternativen
       vorstellen? Und das nicht nur rein kognitiv. Wir müssen Bilder schaffen, an
       denen wir emotional beteiligt sind. Wir brauchen das Gefühl, dass es Freude
       macht, über die Zukunft nachzudenken. Aufbruchstimmung! Zukunftseuphorie
       [8][ist der soziale Treibstoff für Veränderung].
       
       26 Apr 2023
       
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