# taz.de -- Leben mit Enttäuschungen: Vom glücklichen Leben
       
       > Ob man sich sein Leben leichter macht, wenn man nichts erwartet? Keine
       > Frage für den Ethikrat, der lieber philosophisch mit Weihnachtsbäumen
       > spielt.
       
 (IMG) Bild: Nach dem Fest auch noch für philosophische Betrachtungen tauglich
       
       Kürzlich war ich als Gast bei einer Radiosendung eingeladen, bei der es um
       Erwartungen und Enttäuschungen ging. Tatsächlich hatte ich nicht viel
       Erhellendes dazu zu sagen, wie man sinnvoll mit enttäuschten Erwartungen
       umgeht, ich sammle sie lediglich, und es war vermutlich naiv zu hoffen, ich
       würde mit neuen Antworten aus dem Selbstfahrerstudio E5 herauskommen.
       
       Auf dem Rückweg sah ich auf einem kleinen Platz in der Nähe unserer Wohnung
       eine Ansammlung von Fichten, die dort sonst nicht stehen. Als ich anhielt,
       sah ich den Ethikrat, der weitere Bäume in Weihnachtsbaumständer hievte.
       Der Ethikrat, das sind drei ältere Herren von geringer Größe, die mir
       gelegentlich Hinweise in Fragen praktischer Ethik geben.
       
       Ich will schon lange einen Pop-up-Wald mit [1][ausrangierten
       Weihnachtsbäumen] errichten, aber meine Bemühungen haben gerade mal für
       eine Suchanzeige für Christbaumständer auf Ebay gereicht, auf die niemand
       geantwortet hat. Ich betrachtete die Fichten eher freudlos.
       
       „Guten Tag“, sagte ich zum Rat, „ist das Stadtbegrünung oder eher Kunst?“
       
       ## Die Herausforderung der philosophischen Suche
       
       „Weder noch“, sagte der Ratsvorsitzende. „Wir machen der interessierten
       Öffentlichkeit eine philosophische Erfahrung zugänglich“, und wies auf die
       beiden anderen Ratsmitglieder, die ein schiefes Pappschild an einen der
       Bäume hängten. „Das philosophische Labyrinth“ stand darauf in krakeliger
       Schreibschrift, „kleine Runde 3 Euro, große Runde mit vertiefendem
       Nachgespräch 10 Euro“.
       
       Der Ethikrat und ich haben nicht viele Gemeinsamkeiten, außer
       gelegentlichen Anwandlungen von Traurigkeit und ewigem Bankrott. „Da werden
       Sie noch ein paar Bäume brauchen“, sagte ich zum Vorsitzenden. „Wir
       verfügen über einen Vorrat“, sagte der heiter und wies auf eine
       Baumansammlung am Straßenrand. „Das Labyrinth vermittelt besonders
       eindrücklich die Herausforderungen der philosophischen Suche“, fuhr er
       fort. „Planen Sie einen Ausgang?“, fragte ich, denn dem Rat war alles
       zuzutrauen.
       
       Der Vorsitzende überhörte meine Frage. „Vielleicht möchten Sie uns beim
       Aufbau behilflich sein“, sagte er und es war wenig Fragendes in seinem Ton.
       
       Ich folgte ihm und den beiden anderen Ratsmitgliedern zum Baumhaufen. „Darf
       ich Ihnen eine Frage stellen?“ „Natürlich“, sagte der Ratsvorsitzende,
       während er auf eine riesige Fichte wies, die ich zum Labyrinth schleifen
       sollte. „Sind Erwartungen, die man an sich oder andere stellt, produktiv,
       weil sie anspornen – oder eher kontraproduktiv, weil sie unter Druck
       setzen?“, fragte ich und zerrte an der Fichte. „Und ist es sinnvoll, sie zu
       formulieren?“
       
       Die Fichte bewegte sich nicht. In der Radiosendung hatte der Moderator
       gefragt, ob ein Leben ohne Erwartungen ein besseres sei, und ich hatte erst
       gesagt, dass man wohl am besten wenig an andere und hohe an sich selbst
       stellte. Aber dann hatte ich mir selbst widersprochen und erklärt, dass man
       sehr wohl seinen Kindern vermitteln könne, dass sie einen später nicht
       allein im Altenheim verkümmern lassen sollten.
       
       Auf dem Rückweg hatte ich mich danach gefragt, ob das überhaupt stimmte.
       „Ich meine: Wie viel Freude hat man an Loyalität, die man erst einfordern
       muss?“, sagte ich in Richtung Ratsvorsitzendem, aber der hörte mir gar
       nicht zu.
       
       Ich folgte seinem Blick und sah auf der gegenüberliegenden Straßenseite
       drei ältere, hochgewachsene Frauen mit Hochsteckfrisuren und der kühlen
       Schönheit vom Typus Virginia Woolf. Sie trugen das Modell eines
       Heißluftballons, an dem ein goldenes Banner flatterte. „Vom glücklichen
       Leben“, stand darauf, „Fliegen Sie mit Philosophinnen. Erster Flug gratis“.
       
       15 Jan 2023
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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