# taz.de -- Jean Arp-Ausstellung in Bremen: Frieden in der Welt der Nabel
       
       > Was es alles Gips! In nie dagewesener Fülle haben Jean Arps bestimmt
       > unbestimmte Figuren das Gerhard-Marcks-Haus in Bremen erobert.
       
 (IMG) Bild: Nach Selbstauskunft „in einer Wolke geboren“: Jean Arp, hier mit Monokel im Jahr 1926
       
       Gipskörper haben den Raum besetzt. Gipskörper, massenhaft Gipskörper, die
       in ihrer entschiedenen Unbestimmtheit an Figuren erinnern, die man
       irgendwoher kennt, aber gerade vergessen hat. Sie drängen sich ballonartig
       gewölbt oder kurvig-konkav zusammen auf den weißen Sockeln im zentralen
       Saal des Bremer [1][Gerhard-Marcks-Hauses], Miniknubbel neben meterhohen
       Stängeln, roséfarbige, glattpolierte, raue.
       
       Es sind Hunderte, dicht an dicht, wie eine Invasion, wobei Jean Arps
       Plastiken auf eine seltsame Weise immer eine schwer fassbare Freundlichkeit
       ausstrahlen: Nichts an ihnen ist Kampf, nichts Strenge, nichts
       Verzweiflung.
       
       Jean Arp, manche sagen auch Hans, ist unter Laien vielleicht kein so
       bekannter Name mehr. Aber der Elsässer, 1886 nach lyrischer Selbstauskunft
       „in einer Wolke geboren“, ist der prägendste Bildhauer der klassischen
       Moderne: [2][Allenfalls] Henry Moore und [3][Constantin Brâncuși] kommen da
       noch ran.
       
       Prägend heißt nicht: der beste oder der bedeutendste; das sind ohnehin
       romantische Kategorien ohne jeden Wert. Aber prägend, das lässt sich
       nachprüfen – denn nicht nur die Art, Kunst zu sehen, sondern auch überhaupt
       Welt wahrzunehmen, ist so deutlich von Jean Arps plastischen Arbeiten
       mitbestimmt, wie sonst höchstens durch die Malerei Pablo Picassos.
       
       ## Wo Blumen seufzen
       
       Gut ablesen kann man das zum Beispiel an den zahllosen – zuverlässig
       reaktionären – Versuchen, moderne Kunst per Karikatur zu verspotten. Sie
       zeigen Betrachter, die sich wahlweise ratlos einer Arlésienne-Parodie im
       Bilderrahmen gegenüber stehen, oder die sich eben über eine
       wolkig-organische Form auf einem Sockel wundern, weil sie nicht erkennen
       können, was das denn nun wieder sein soll.
       
       Die besten Antworten nicht nur auf diese Frage sind lyrisch: [4][In einem
       Prosagedicht hat Paul Éluard] Arp den Willen zugeschrieben, selbst in
       erkalteter Asche noch jene kleinen Vögelchen zu suchen, „die nie die Flügel
       schließen“. Alles klar?
       
       Zum Glück nicht! Sich auf Arp einzulassen, heißt, einer Fantasie zu folgen,
       die ihren Flug selbst dann nicht einstellt, wenn sie verbrannt, gestutzt
       und tot ist, zum Werk geronnen, zum Standbild: Das klingt an in Titeln wie
       „Seufzer einer Blume“, „Frucht unterwegs“, „Landschaft oder Frau“ – oh,
       diese wundervolle, aber das bürgerliche Zucht-, Ordnungs- und
       Sicherheitsbedürfnis verletzende Unbestimmtheit! Diese Formen, deren
       Dialektik unvermittelt bleibt, erlöst vom Zwang, sich zwischen Masse oder
       Gestalt zu entscheiden!
       
       Dem entspricht eine Arbeitsweise, die den Gegensatz von additiven Bildern
       und substraktiver Hauerei fröhlich nebeneinander bestehen lässt. Auf diese
       Weise schaffen Jean Arps Plastiken ihre eigene Wirklichkeit. Und wenn man
       das auch mit einem gewissen Recht auch von jeder anderen Skulptur behaupten
       kann: Vor ihm war das den Künstler*innen allenfalls halb bewusst.
       
       Arp hingegen hatte das schon 1915 als Ziel seines Schaffens benannt, ein
       Jahr bevor er in Zürich Dada mitbegründet. Er ist es, der dieser
       Antikunstkunst mit dem Nabel zu einem Signet verhilft, dessen
       Wiedererkennbarkeit jeden Grafikdesigner vor Neid erblassen lassen muss.
       Ebenso wie dessen Anwendungsvielfalt. Denn ob Schnurrbart, Stern, Monokel,
       Gabel oder Tisch: Alles kann ja einen Nabel haben. Oder muss das sogar.
       
       Die Idee der Bremer Ausstellung ist, keine Holz- und keine Steinfigur zu
       zeigen, und keine Bronze. Dafür aber einmal, erstmals und letztmals, den
       kompletten Gips, also sämtliche in Kalziumsulfat modellierten Arbeiten
       Arps.
       
       Das ist natürlich völlig irre, und räumlich hat es das kleine
       Bildhauermuseum an seine Grenzen gebracht: Etwa 800 Gipsfiguren gibt’s,
       etwas mehr als 300 stellen sie in der alten Ostertorwache aus, und die
       Präsentationsweise spielt nicht nur im Gedränge des großen, mittleren Raums
       mit der Vorstellung von industrieller Massenproduktion.
       
       „Firma Arp“ hat man, leicht häretisch, die Ausstellung genannt. Und auch
       wenn einzelne Stücke – niemand erfährt, welche – echte Reliquien sein
       könnten, also von der Hand des Heiligen Hans selbst geformte Körper, und
       nicht vom Gipser gegipste Auftragsgipse: Das weihevolle Pathos der
       Original-Verehrung, den Kult ums vermeintliche Unikat zerstört die
       Ausstellung aktiv.
       
       Das ist nicht ohne Hintersinn. Und auch, dass diese Gips-Orgie gerade hier
       in Bremen steigen muss, lässt sich erklären. Die Ausstellung markiert
       nämlich einen halb versöhnlichen, halb ironischen Endpunkt der
       jahrzehntelangen Querelen um den Arp-Nachlass. Auf die hatte
       Marcks-Haus-Direktor Arie Hartog durch erkenntnis- und friedensstiftende
       Forschung eingewirkt.
       
       ## Der Zwist der Stiftungen
       
       Um hier mal nur die Umrisse der Geschichte anzudeuten: Gipsfiguren sind ja
       in den seltensten Fällen als autonomes Kunstwerk gedacht. Meist dienen sie
       als Vorlage für den Guss. So auch im Fall Arp.
       
       Sie nun einmal zu zeigen, ist Ausdruck der Entscheidung der [5][hier
       zuständigen Stiftung] Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp e. V.in Berlin,
       früher Rolandswerth – bitte nicht verwechseln mit der [6][Fondation Arp] in
       Meudon bei Paris oder gar der Fondazione Arp in [7][Locarno]! –, die eigene
       Gips-Sammlung aufzulösen und an die Museen zu verteilen, die wichtige
       Arp-Arbeiten besitzen.
       
       Und dann auch Schluss zu machen mit der Nachgusspraxis. Die hatte Arps
       Bronzeplastiken zum Gegenstand einer erbitterten, seit spätestens 1976
       immer wieder auflodernden Auseinandersetzung gemacht. Zum Nachteil der
       Rezeption.
       
       Grob gesagt war es darum gegangen, dass sich die drei konkurrierenden,
       chronisch klammen Stiftungen partiell durch den Verkauf von Neuauflagen der
       Plastiken finanziert hatten. Das ist legitim und gar nicht so unüblich, bis
       zu einem gewissen Maß.
       
       Bloß war dieses gewisse Maß mit den posthumen Neuanfertigungen – Arp war
       1966 gestorben – aus Sicht der Einen von den Anderen jedenfalls
       überschritten worden. Die hingegen fühlten, ja wussten sich selbst im
       Einklang mit dem Letzten Willen des Künstlers, hielten die Praxis der
       anderen hingegen für …
       
       Für Museen und Sammlungen ist so etwas eine Scheißsituation. Denn nicht
       autorisierte Nachgüsse sind rechtlich eher so etwas wie eine Fälschung.
       Will man das haben oder das dem Publikum zumuten? Von Arp-Ausstellungen
       wurde weitgehend abgesehen.
       
       Erst vor zehn Jahren konnte dank eines Katalogs des bildhauerischen Œuvres,
       den Hartog erstellt hat, begonnen werden, diesen Krieg um den
       Radikalpazifisten zu befrieden: Statt weniger als 400 plastische Arbeiten,
       die in alten Werkverzeichnissen dokumentiert sind, haben Hartog und der
       Kunsthistoriker Kai Fischer [8][in dem monumentalen Buch nachgewiesen],
       dass 2011 Plastiken – gut fünfmal so viel – als echte Arps gelten dürfen.
       Für einen Toten zeugt das von bemerkenswerter Produktivität.
       
       Vor sieben Jahren gab’s dann in Berlin endlich mal wieder eine große
       Retrospektive, [9][erstmals seit Jahren.] Aber die Präsenz, die Arp als
       Jahrhundertkünstler gebühren würde, ist für immer perdu. Außer eben in
       Bremen, wo die schiere Fülle die individuelle Figur als Bestandteil eines
       in die Wirklichkeit drängenden, ganz eigenen Figuren-Kosmos wahrnehmen
       lässt.
       
       Es ist dessen furchtlose Unerschöpflichkeit, die hier zur realen Gegenwart
       gerät und so das Publikum eintaucht in den künstlerischen Prozess. Das aber
       ist eine sehr tiefe, sehr kostbare ästhetische Erfahrung.
       
       13 Dec 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://marcks.de/de/die-firma-arp/
 (DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Moore
 (DIR) [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Constantin_Br%C3%A2ncu%C8%99i
 (DIR) [4] http://eluardexplique.free.fr/capitale/capitale.html
 (DIR) [5] http://stiftungarp.de/
 (DIR) [6] http://www.fondationarp.org/
 (DIR) [7] https://www.fondazionearp.ch/de/
 (DIR) [8] https://www.stiftungarp-shop.de/publikationen/hans-arp/hans-arp-skulpturen-eine-bestandsaufnahme_71426_171239
 (DIR) [9] https://georg-kolbe-museum.de/programm/ausstellungen/hans-arp-der-nabel-der-avantgarde/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Benno Schirrmeister
       
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