# taz.de -- Schauspielerin über E.T.A Hoffmann: „Er ist unglaublich modern“
       
       > Viele Facetten: Ein Abend in Hamburg widmet sich dem Schriftsteller,
       > Komponisten und Beamten E.T.A. Hoffmann.
       
 (IMG) Bild: Interessiert an den Abgründen: Ein Porträt des Dichters Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776–1822)
       
       taz: Frau Hartmann, haben Sie einen Lieblings-Hoffmann? 
       
       Maria Hartmann: Ich müsste eigentlich zwei nennen. Ich finde nach wie vor
       die „Kreisleriana“ ganz großartig, die frühe, aus den „Fantasiestücken“.
       Wegen der Ironie, und weil es eine Betrachtung unseres Berufes ist, eine
       Betrachtung des Künstlers und der Kunstwelt, auf feine, ironische und auch
       ziemlich, ja: kräftige Art. Das gefällt mir. Auf der anderen Seite finde
       ich „Prinzessin Brambilla“ ganz toll, ein spätes Werk, 1820 erst
       geschrieben, zwei Jahre vor seinem Tod. Das deckt so eine ganz andere Art
       auf: dieses Grundthema Hoffmanns, die fließende Grenze zwischen
       [1][Fantasie] und Realität. Das wird da auf eine wunderbare Art nicht ins
       Auge, sondern in die Feder gefasst.
       
       Bei einem derart schillernden Menschen könnte es einen „Lieblings-Hoffmann“
       ja auch auf andere Weise geben: Ist es der Autor E.T.A Hoffmann, der
       Komponist, gar der Beamte? 
       
       Der ganze Druck lastete auf dem Komponistendasein; da wollte er unbedingt
       Erfolg haben, ist als aber oft zurückgewiesen worden. Sein erfolgreichstes
       und heute noch bekanntesten Werk ist die [2][Oper] „Undine“. Die
       Schriftstellerei geschah fast nebenbei. Den „Sandmann“ zum Beispiel, eine
       großartige Erzählung, hat er zum Teil während einer juristischen Sitzung
       skizziert. Erstaunlich wiederum ist: So chaotisch er war, so genau und wohl
       auch hoch geschätzt war er als Jurist. Das war auch wie eine Art
       Doppelleben. Wie das so ineinander greift, das ist unglaublich; wie er das
       auch alles in einem Leben untergebracht hat.
       
       Hoffmann ist 1822 gestorben, 2022 ist ein [3][Jubiläumsjahr]. Hat das etwas
       zu tun mit dem Zustandekommen Ihres Abendprogramms? 
       
       Ja, die E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft hat das [4][Renaissance-Theater] in
       Berlin gebeten, ein Begleitprogramm [5][zu einer Ausstellung] zu erstellen.
       Und das Theater hat wiederum mich gebeten; das waren insgesamt neun
       Veranstaltungen, darunter meine drei, Hoffmann aus drei Blickwinkeln. In
       Hamburg ziehe ich das nun sozusagen zusammen in eine einzige Veranstaltung
       – gar nicht so einfach!
       
       Wegen der Fülle an Texten? 
       
       Jeder glaubt irgendwie, Hoffmann zu kennen, hat in der Schule oder so von
       ihm gehört. Aber ihn wirklich kennen? Der ist ja unheimlich komplex durch
       die ständigen Ebenenwechsel: Realität, Traumwelt, manchmal reißen Stränge
       ab, dann kommen sie irgendwo wieder. Das ist keine leichte Kost – was ich
       ja super finde. Er ist unglaublich modern in der Art, wie er eigentlich
       schon die Psychoanalyse vorwegnimmt, wie er Abgründe im Menschen beschreibt
       – und was zum Menschen alles dazugehört. Wie er als Jurist dafür war, dass
       man das man jemanden relativ lange selbst für seine Taten zur Verantwortung
       zieht, also auch für strafwürdig erachtet. Da könnte man sich doch
       vorstellen, so jemand würde das eher in die Krankheitsschiene schicken oder
       in die der psychischen Labilität. Aber er empfand auch diese Zustände als
       [6][Teil der Normalität].
       
       Sie bezeichnen ihn als „Taktgeber der Moderne“, also nicht nur als deren
       Vertreter. 
       
       Zentral ist daran die Frage der Identität: Woraus setzt sich ein Mensch
       überhaupt zusammen? Gibt es so was wie ein eindeutiges Ich oder sind das
       nicht immer viele Facetten; also gerade keine Einheit? Bei anderen
       Romantikern war eine Sehnsucht ein großes Thema, die radikale Subjektivität
       eines Ichs. Aber das Ich selbst, von dem viele Romantiker als Zentrum
       ausgingen, das stellt Hoffmann in Frage. Es gibt bei ihm keine strenge
       Einteilung in Gut und Böse im herkömmlichen Sinne; diese Dinge gehören
       zusammen. Abgründe gibt es, ja, innere Gespenster, aber nicht im
       Moralisierenden Sinne. Der Mensch hat viele Facetten, viele verborgene
       Winkel. Abgesehen davon haben sich ja auch viele auf ihn bezogen, es gibt
       viele Spuren, die er in der Literatur hinterlassen hat, stilistisch, aber
       eben auch thematisch. Dieses Menschenbild, diese Art von psychologischem
       Weitblick, diese Vision Hoffmanns: Das würde ich als einen Teil der Moderne
       bezeichnen.
       
       6 Dec 2022
       
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