# taz.de -- Prozess um Femizid: Bruder gesteht Tat
       
       > Im Prozess um den Mord an der 34-jährigen Afghanin Maryam H. hat einer
       > der Brüder ein Geständnis abgelegt. Das Gericht setzt Zeugenvernehmung
       > fort.
       
 (IMG) Bild: Kriminalgericht Moabit
       
       Berlin taz | Es war ein Geständnis mit Ankündigung. Im Prozess um den Mord
       an der 34-jährigen Afghanin hat einer der beiden angeklagten Brüder die Tat
       zugegeben. Sechs Monate nach Prozessbeginn brach der ältere der Brüder, der
       27-jährige Yousuf H., am Mittwoch sein Schweigen. In der Erklärung, die
       sein Anwalt für ihn verlas, war von einem tödlichen Streit die Rede. „Ich
       wollte sie nicht töten, was passiert ist, tut mir sehr leid.“
       
       Es sei zu einer heftigen Auseinandersetzung gekommen, in der es um Geld für
       ihre Familie in der Heimat ging, hieß es in der Erklärung weiter. Seine
       Schwester habe nicht gewollt, dass auch ihre Eltern von Afghanistan nach
       Deutschland kommen. Im Streit habe er der 34-Jährigen den Hals zugedrückt.
       Als Kinder hätten sie oft derart gerangelt. „Doch sie wurde schwer und ging
       zu Boden.“ In Panik sei er auf die Idee gekommen, die Leiche nach Bayern zu
       bringen. Sein Bruder – gemeint ist der mitangeklagte 23-jährige Mahdi H. –
       habe lediglich geholfen, den Koffer zu transportieren.
       
       Die Sprecherin der Strafgerichte, Christina von Bothmer, bestätigte den
       Ablauf gegenüber der taz. [1][Der Prozess vor der 22. Strafkammer des
       Landgerichts findet seit März statt.] Kurz vor dem Termin am 7. September,
       so von Bothmer, habe der Anwalt dem Gericht signalisiert, dass „am Mittwoch
       etwas kommt“. Yousuf H. selbst habe nichts gesagt und auch keine Fragen der
       Prozessbeteiligten beantwortet.
       
       ## Die Schwester überwacht
       
       Maryam H. hatte sich von ihrem gewalttätigen Ehemann scheiden lassen, war
       im Begriff, sich zu emanzipieren, und hatte eine Liebesbeziehung zu ihrem
       früheren Familienhelfer. Die Afghanin war am 13. Juli 2021 aus dem
       Flüchtlingsheim in Hohenschönhausen verschwunden, in dem sie mit ihren
       beiden Kindern gelebt hatte. [2][Zeugenaussagen zufolge] waren die Brüder
       zuvor oft bei ihr. Sie hätten die Schwester überwacht, hieß es.
       
       Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Brüder die Schwester
       getötet haben, weil sich diese entgegen ihren Moralvorstellungen verhalten
       habe. Aufzeichnungen einer Überwachungskamera am S-Bahnhof Südkreuz hatten
       ergaben, dass die Brüder am 13. Juli mit einem schwarzen Rollkoffer in
       einen ICE gestiegen waren.
       
       Die Auswertung ihrer Mobilfunkdaten erbrachte, dass die Reise nach
       Donauwörth in Bayern gegangen war. Yousuf H. war dort gemeldet. [3][Seine
       Lebensgefährtin, die dort lebt, hatte die Polizei drei Wochen später zu der
       Stelle geführt, wo der Leichnam vergraben worden war]. Die Leiche war mit
       Klebeband an Händen und Füßen gefesselt, auch Mund und Nase waren mit
       Klebeband umwickelt.
       
       In dem Geständnis hieß es, Yousuf H. habe sich am 13. Juli 2021 mit seiner
       Schwester getroffen, um für sie und ihre beiden Kinder eine Wohnung zu
       besorgen. Er habe zuvor noch 400 Euro an die Familie in Afghanistan
       überwiesen. „Ich wollte unbedingt, dass die ganze Familie hierher kommt,
       meine Schwester aber war sehr böse auf unsere Eltern.“ Er habe das als
       respektlos empfunden.
       
       Wie Justizsprecherin von Bothmer sagte, beabsichtigt das Gericht, auch
       nach dem Geständnis noch viele weitere Zeugen zu hören. Bis Mitte Dezember
       seien Verhandlungstage terminiert. (mit dpa)
       
       7 Sep 2022
       
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