# taz.de -- Politische Krise im Irak: Des Predigers Lichtschalter
       
       > Im Irak rief der schiitische Kleriker Sadr seine Anhänger zu
       > gewalttätigen Protesten auf. Dann pfiff er sie zurück – und wartet nun
       > auf Entgegenkommen.
       
 (IMG) Bild: Ein Anhänger Al-Sadrs mit dessen Konterfei in Bagdad am Montag
       
       Kairo taz | Der einflussreiche Schiitenprediger und Politiker Muktada Sadr
       hat einmal mehr bewiesen, dass er seine Anhänger wie einen Lichtschalter
       aus- und einschalten kann. 24 Stunden lang [1][lieferten sich seine
       Gefolgsleute wilde Schusswechsel] mit proiranischen Milizen und den
       offiziellen Sicherheitskräften des Irak, mitten in der eigentlich schwer
       bewachten Grünen Sicherheits-Zone in Bagdad.
       
       Dann rief Sadr am Dienstagmittag seine Anhänger auf, innerhalb einer Stunde
       die Gewalt zu beenden und sich zurückzuziehen. In weniger als 60 Minuten
       räumten diese friedlich das Gebiet, in dem Regierung, Parlament, UN-Büros
       und die meisten ausländischen Botschaften ihren Sitz haben. Doch über Nacht
       hatten sie die Grüne Zone in ein Schlachtfeld verwandelt. Videos in den
       sozialen Medien zeigen den Einsatz von Raketenwerfern und auf dem Boden
       liegende Patronenhülsen. Mindestens 30 Menschen sind ums Leben gekommen.
       
       Auch in anderen schiitischen Teilen im Süden des Landes gab es zwischen
       Sadristen und proiranischen Milizen Auseinandersetzungen.
       
       Es war ein Zusammenstoß, der sich seit Monaten zusammengebraut hatte.
       Begonnen hat es vor zehn Monaten bei den Parlamentswahlen. Die Partei Sadrs
       erhielt dabei die meisten Stimmen – aber nicht genug, um die irakische
       Politik fortan im Alleingang zu bestimmen und vor allem nicht, um jenseits
       der Konkurrenz anderer, proiranischer schiitischer Parteien zu regieren.
       Die schiitischen Parteien bilden zusammen die absolute Mehrheit im
       Parlament und bestimmen somit letztlich die irakische Politik.
       
       ## Sadr präsentiert sich als irakischer schiitische Nationalist
       
       Nachdem die Verhandlungen um eine neue Regierung ins Nichts geführt hatten
       und kein innerschiitischer Deal gefunden wurde, zog Sadr im August seine
       Abgeordneten ab und forderte eine Auflösung des Parlaments und Neuwahlen.
       Seitdem herrschte eine Pattsituation, die das ganze Land lähmte – bis Sadr
       am Montag seine Anhänger von der Leine ließ.
       
       Das Ganze ist eine innerschiitische Auseinandersetzung, Sunniten, Kurden,
       Christen sowie weitere Minderheiten im Irak sind hier nur Zaungäste. Im
       Kern geht es darum: Wer dominiert die Schiiten des Landes, die die Mehrheit
       der Bevölkerung stellen, politisch? Es ist ein Machtkampf zwischen
       proiranischen Parteien und Milizen und Sadr, der sich in letzter Zeit
       zunehmend vom Einfluss Teherans auf die Politik im Irak distanziert hat und
       sich als irakischer schiitischer Nationalist präsentiert.
       
       Was zunächst relativ friedlich begann, als Sadrs Anhänger in den
       Präsidentenpalast eindrangen und [2][im dortigen Swimmingpool ein Bad]
       nahmen, eskalierte schnell in heftige Schusswechsel in und vor der Grünen
       Zone zwischen den rivalisierenden Gruppen. Ganz Irak hielt den Atem an, in
       der Befürchtung, dass das geschundene Land erneut in einen Bürgerkrieg,
       diesmal einen innerschiitischen, schlittern könnte.
       
       Sadr und seine proiranischen Rivalen spielten mit dem Feuer. Auch wenn es
       ihnen am Ende wahrscheinlich nur darum ging, sich mit Waffengewalt an den
       Verhandlungstisch zu schießen: Sie hatten eine gefährliche Dynamik
       losgetreten, die jederzeit völlig außer Kontrolle hätte geraten können.
       
       ## Sadrs Anhänger zeigten ihr Waffen
       
       Sadr setzte seine Lichtschalter-Politik ein, wie er es so oft zuvor getan
       hatte, etwa als er seine Anhänger in einer Machtdemonstration dazu aufrief,
       das Parlament zu besetzen, nur um sie kurz darauf wieder zurückzupfeifen.
       
       Doch diesmal eskalierten die Sadristen diese bewährte Methode einen Zacken
       weiter und tauchten mit Waffen auf. Damit zeigten sie den rivalisierenden
       proiranischen Milizen, dass sie auch fähig sind, militärisch auf Iraks
       Straßen Flagge zu zeigen. Sie hofften damit wohl, ihre Verhandlungsmasse zu
       erhöhen.
       
       Nun hat Sadr die Seinen wieder an die Leine genommen. Jetzt wird er, in
       dieser erneuten zynischen Episode irakischer Politik, warten, was ihm
       angeboten wird. Möglich ist, dass die andere Seite nun doch einer Auflösung
       des Parlaments und Neuwahlen zustimmt. Möglich ist auch, dass man sich für
       eine begrenzte Zeit auf eine neue Regierung einigt, in der weder Sadristen,
       noch die Vertreter der proiranischen Parteien, sondern nur Technokraten
       sitzen.
       
       Das würde beiden Seiten und dem Land eine Atempause verschaffen. Denn wenn
       die letzten beiden Tage im Irak eines bewiesen haben, dann wie sehr das
       [3][Land sich in der Geiselhaft] schiitischer Parteien und Milizen, sowie
       deren Ringen um Macht und Einfluss befindet.
       
       30 Aug 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Protest-im-Irak/!5877494
 (DIR) [2] https://twitter.com/danbanik/status/1564258864706555904?s=20&t=7ffQeQthewHbCUr6DxYxVg
 (DIR) [3] /Schiiten-im-Irak/!5871973
       
       ## AUTOREN
       
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