# taz.de -- Allmende und knappe Güter: Kant und die Tragik der Allmende
       
       > Gemeingut ist kostbar und immer gefährdet. Eine solidarisch orientierte
       > Gesetzgebung muss immer wieder erkämpft werden.
       
 (IMG) Bild: Auch eine Allmende: Badestelle am Betzsee in Brandenburg
       
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       Die Allmende ist eine Form gemeinschaftlichen, solidarisch verwalteten und
       genutzten Eigentums in der Landwirtschaft, also eine Gemeinschafts- oder
       Genossenschaftsfläche abseits der besessenen oder gepachteten
       landwirtschaftlichen Nutzfläche. Vor allem in ländlichen Gebieten der
       Entwicklungsländer finden sich noch immer verbreitet Allmenden.
       
       Der ursprünglich landwirtschaftliche Begriff hat Eingang in die
       Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Informationswissenschaften
       gefunden. Oft wird auch die englischsprachige Entsprechung „Commons“ und
       entsprechend „Tragedy of Commons“ verwendet.
       
       Im Sinne des deutschen Rechts kommt der Allmende keine Rechtsposition
       zugute. Nur bestimmte Organisationsformen wie der Gemeindebesitz oder
       Genossenschaftsbesitz erzeugen Rechtspositionen.
       
       Die Tragödie der Allmende stellt sich ein, wenn knappe Güter oder
       Ressourcen zum Gemeingut erklärt werden und zu einem Preis von null frei
       zur Verfügung gestellt werden. In dieser Situation wird meist eine
       Rationierung über die Wartezeit erzeugt. Es beginnt ein
       ressourcenverzehrender Aneignungswettkampf, bei dem einige versuchen
       werden, die Ersten zu sein, die sich von dem knappen Gut so viel wie
       möglich „erobern“. Im Beispiel einer landwirtschaftlichen Allmende als
       gemeinsamer Weideplatz tritt dann Überweidung ein. Den letzten Nutzern
       (Vieh) stehen keine Grashalme mehr zur Verfügung.
       
       ## Unsolidarisch und unakzeptabel
       
       Ein derartiger Aneignungswettkampf ist unsolidarisch, denn er folgt keiner
       Maxime, deren Gültigkeit für alle, jederzeit und ohne Ausnahme akzeptabel
       wäre. Dies fordert der kategorische Imperativ, das grundlegende Prinzip
       moralischen Handelns in der Philosophie [2][Immanuel Kants]. Demnach müsste
       der Landwirt, der als Erster sein Vieh auf die Allmende treiben kann, seine
       Tiere spätestens dann freiwillig vom Weideplatz entfernen, wenn seine Tiere
       den Anteil Gras gefressen und den Anteil Gras durch Zertreten und
       Ausscheidungen zerstört haben, der seiner Herde relativ zu den anderen
       Herdengrößen zusteht – das wäre ideales solidarisches Handeln.
       
       Die Tragik der Allmende beschreibt ein Problem, aus dem aber nicht folgt,
       dass Allmendegüter abzulehnen sind. Beispiele für von uns allen genutzten
       Allmendegütern sind öffentliche Stadtparks, frei zugängliche natürliche
       Badeseen etc. Neben der Bereitstellung dieses Allmendegutes muss die
       öffentliche Hand auch seine Pflege, Reinigung und Kontrolle übernehmen, um
       die Unfähigkeit einiger Menschen zu kompensieren, eine moralisch
       begründete, eigenverantwortliche und solidarische Notwendigkeit zur Pflege
       und Säuberung der genutzten Flächen in das eigene Handeln einzubeziehen.
       
       Dort, wo der Aufwand und die Kosten für die Pflege dieser Allmendegüter zu
       hoch werden, wird ihre freie Bereitstellung aufgrund des unsolidarischen
       Verhaltens einiger weniger oftmals beendet und alle Nutzer werden unter den
       Folgen gemeinsam leiden – ein nicht seltenes Phänomen im menschlichen
       Miteinander, das die einfache Anwendung des kategorischen Imperativs leicht
       verhindert hätte.
       
       In einer seiner Grundformen lautet der kategorische Imperativ: „Handle nur
       nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein
       allgemeines Gesetz werde.“ Tatsächlich kann man annehmen, dass die
       Verfassung wie auch alle untergeordneten Bundesgesetze letztendlich mehr
       oder weniger derartige Maximen formulieren und zu allgemeinen Gesetzen
       erklärt haben.
       
       Selbstverständlich versuchen [3][Lobbyorganisationen] und
       Wirtschaftsverbände, die Formulierung der Gesetze in ihrem Sinne
       aufzuweichen. Einmal in den Beton eines Gesetzes gegossen, sind die
       gesetzten Pfeiler nur noch schwer zu entfernen. Eine solidarisch
       orientierte Gesetzgebung kann nur erreicht werden, wenn neben den
       professionellen Interessenverbänden auch NGOs Einfluss auf die Gesetzgebung
       nehmen.
       
       3 Jul 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Projekt/static/Genoausgabe.pdf
 (DIR) [2] /Immanuel-Kant-und-der-Rassismus/!5692764
 (DIR) [3] /Studie-zu-Einfluss-von-Lobbyismus/!5730595
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Heinisch
       
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