# taz.de -- #MeToo bei der Linkspartei: Der Knall
       
       > Die Linke steckt in einem Sexismusskandal. taz-Recherchen zeigen: Vor den
       > Vorfällen in Hessen gab es bereits Vorwürfe in Bayern.
       
 (IMG) Bild: Kommt es bald zum großen Knall? „Die Linke“ steckt mal wieder in einer tiefen Krise
       
       Für die meisten in der Linkspartei kam überraschend, was ihre Vorsitzende
       Susanne Hennig-Wellsow am Mittwoch veröffentlichte. Aus drei Gründen
       [1][trete sie von ihrem Amt zurück], schrieb sie. Sie wolle zum einen mehr
       Zeit mit ihrem Sohn verbringen. Die Linke brauche zweitens Erneuerung. Und
       drittens habe der Umgang mit Sexismus in den eigenen Reihen eklatante
       Defizite der Partei offengelegt.
       
       Das war’s. Damit war Susanne Hennig-Wellsow, die in Thüringen so
       erfolgreich mitregiert hatte, nach gut einem Jahr weg von der Bundesspitze
       der Linken. Wer bleibt, ist Janine Wissler, die Co-Vorsitzende. Die, die
       seit dem vergangenen Wochenende [2][im Verdacht steht], sexuelle Übergriffe
       in ihrem Landesverband in Hessen nicht energisch bekämpft zu haben. Die,
       über der der Sexismusskandal eigentlich hereingebrochen ist. Und der ist
       weit größer, als es bislang öffentlich thematisiert wurde.
       
       Die Linke steckt in ihrer tiefsten Krise. Bei den letzten Wahlen im
       Saarland und im Bund ist sie gescheitert. Die teils kruden Positionen zum
       russischen Angriff auf die Ukraine haben die Partei erneut ins
       außenpolitische Abseits gedrängt. Und jetzt erschüttert auch noch ein
       Sexismusskandal die Partei, die sich selbst als feministisch versteht.
       
       Der [3][Spiegel] hatte am vergangenen Wochenende über mutmaßliche sexuelle
       Übergriffe und Grenzüberschreitungen von Politikern der hessischen Linken
       berichtet. Ein Fall sticht dabei besonders hervor: Von Herbst 2017 bis
       Sommer 2018 soll ein Mitarbeiter der Landtagsfraktion ein Verhältnis mit
       einer Frau gehabt haben, die noch minderjährig war, als sie sich
       kennengelernt haben.
       
       Als die Frau Schluss macht, steigt der Fraktionsmitarbeiter unangekündigt
       über den Balkon in ihre Wohnung ein und sie haben Sex. Am nächsten Tag
       schreibt er ihr in einer Mail, er habe die Nacht „crazy, romantisch,
       prickelnd“ gefunden. Die junge Frau leitet diese Mail an die damalige
       Landesvorsitzende Janine Wissler weiter. Sie sagt, sie habe mit Wissler
       danach zwei Mal telefoniert, die sei dem Thema aber ausgewichen.
       
       Was damals in der Landtagsfraktion viele wissen, worüber Wissler und der
       Balkonkletterer aber nie offiziell reden: Wissler und er sind ein Paar. Der
       Spiegel schreibt von einem „strukturellen Versagen einer Partei, die
       mutmaßlichen Opfern lange keine geeignete Hilfe anbot“.
       
       Janine Wissler reagiert noch am Tag des Erscheinens auf den Spiegel-Text.
       Die Parteivorsitzende schreibt, die Frau habe sie angemailt und mit ihr
       telefoniert. Aber: „In keinem dieser Kontakte wurde der Vorwurf des
       sexuellen Missbrauchs oder der sexuellen Gewalt erhoben. Sie hat mich auch
       nicht um Hilfe gebeten.“ Wissler schreibt, sie habe damals die Beziehung
       mit dem Fraktionsmitarbeiter beendet und sei bestürzt über den Vorwurf, sie
       habe ihren ehemaligen Partner geschützt.
       
       Nach dem Spiegel-Bericht [4][trendet auf Twitter #linkemetoo]. Beim linken
       Jugendverband Solid melden sich 60 weitere Betroffene von sexuellen
       Übergriffen, bundesweit. Die Vorsitzende von Solid, Sarah Dubiel, sagt, sie
       kenne keine Genossin, die noch nie sexistisch angegangen worden sei.
       
       Auch Hennig-Wellsow wusste, dass Wiesbaden nicht der erste Fall von
       Sexismusvorwürfen ist. Ein anderer, bisher nicht öffentlich bekannter Fall
       hat die Bundespartei intensiv beschäftigt. Wegen dieses Falls hat der
       Parteivorstand eine Vertrauensgruppe gegründet, die Sexismusvorwürfe
       aufklären soll. Oder – so sehen es manche – die nur als Feigenblatt dient.
       
       Der Fall spielt in Nürnberg und beginnt im Jahr 2017. Mehrere
       Parteimitglieder werfen einem dortigen Stadtrat sexuelle Übergriffe und
       Grenzüberschreitungen vor. Sie beschuldigen ihn, sie ohne ihre Einwilligung
       berührt zu haben, am Hintern, am Oberschenkel, im Nacken. In einem Fall
       geht es um eine Affäre, in der emotional Druck ausgeübt worden sei.
       
       Zwei der Parteimitglieder zeigen den Stadtrat an. Zu ihrem Schutz bleiben
       die Personen anonym. Aus juristischen Gründen wird auch der Beschuldigte S.
       hier nicht mit vollem Namen genannt. Die Staatsanwaltschaft hat die
       Ermittlungen gegen ihn eingestellt. Auf Anfrage der taz sagt er, er habe
       sich nichts zuschulden kommen lassen.
       
       ## Bild einer überforderten Partei
       
       Die taz hat mit rund zwei Dutzend Personen in der Linken gesprochen, die
       mit diesen Vorgängen vertraut sind. Die Personen, die die Vorwürfe gegen
       den Stadtrat erhoben haben, äußern sich gegenüber der taz selbst nicht. Sie
       streiten noch vor Gericht mit ihm.
       
       Die taz konnte jedoch interne Unterlagen sichten, Protokolle, Anträge,
       Mails und Stellungnahmen. Damit lässt sich nachzeichnen, um welche Vorwürfe
       es geht und wie die Partei mit ihnen umgegangen ist. Es ergibt sich das
       Bild einer überforderten Partei, die ihrem hehren feministischem Anspruch
       nicht gerecht wird.
       
       Der Mann, dem die Vorwürfe gemacht werden, ist eine wichtige Figur in der
       Linken in Nürnberg. Er ist Stadtrat, war Direktkandidat für den Bundestag.
       Nach dem schlechten Ergebnis bei der Wahl im Herbst zog er zwar nicht in
       den Bundestag ein, ist aber erster Nachrücker aus Bayern. Im Vergleich zu
       den Fällen aus Wiesbaden sind die Vorwürfe aus Nürnberg weniger
       schwerwiegend. Aber wie im Wiesbadener Fall geht es nicht allein darum, was
       passiert ist. Es geht auch darum, wie sich Verantwortliche in einer Partei
       verhalten, wenn jemand sagt, dass etwas passiert sei.
       
       Im Sommer 2020 wendet sich eine junge Frau, ein Mitglied der Nürnberger
       Linken, an eine Gleichstellungsbeauftragte des Landesverbands und berichtet
       von mehreren Fällen sexueller Belästigung in der Partei. Bei der
       Gleichstellungsbeauftragten entsteht der Eindruck, dass es mehrere
       Betroffene gibt.
       
       Die beiden Gleichstellungsbeauftragten führen Gespräche mit der Frau und
       mit dem beschuldigten Stadtrat. Es geht zum Beispiel um ein Foto, auf dem
       der Stadtrat und eine mutmaßlich Betroffene zu sehen sind. Der Vorwurf:
       Während das Foto entsteht, habe S. seine Hand auf den Po der Betroffenen
       gelegt. Wäre das bewiesen, wäre es strafbar. Die Frau präsentiert eine
       Zeugin, die bestätigt, das gesehen zu haben. Der Beschuldigte streitet ab.
       Aussage gegen Aussage.
       
       Irgendwann wird klar, dass es zunächst offenbar doch nur eine Betroffene
       gibt: die Frau, die die Vorwürfe selbst vorgebracht hat.
       
       „Die Landesvorsitzende kam auf uns beide zu und hat uns gesagt, dass diese
       Frau nur für sich spricht“, sagt Simone Barrientos, damals
       Bundestagsabgeordnete und eine der beiden Gleichstellungsbeauftragten. In
       ihren Augen hatte die Betroffene einen falschen Eindruck erweckt. „Dadurch
       ergab sich eine völlig andere Situation“, sagt Barrientos.
       
       Ab da habe sich der Ton gedreht, erzählt eine Person, die die Aufarbeitung
       begleitet hat: Der Betroffenen und den Gleichstellungsbeauftragten sei
       unterstellt worden, sie hätten gelogen und würden eine politische Kampagne
       gegen den Stadtrat fahren. Die Gleichstellungsbeauftragten formulieren ein
       Statement: „Die Anschuldigungen haben sich nach sorgfältiger Prüfung wegen
       nachweisbarer Falschbehauptungen und Widersprüchlichkeiten als unhaltbar
       erwiesen.“ Damit scheint der Fall abgeschlossen.
       
       Im Februar 2021 jedoch werden neue Vorwürfe bekannt. In einer Sitzung des
       Kreisvorstandes berichtet ein Parteimitglied von einer Affäre, die sie mit
       dem Stadtrat S. gehabt habe. Mehrfach soll er Grenzen überschritten haben.
       Sie berichtet von aggressivem Sex, dem sie nicht zugestimmt hatte, davon,
       wie der Stadtrat sie emotional unter Druck gesetzt habe.
       
       Felix Heym, der Kreisvorsitzende der Linken Nürnberg, sagt, nach diesem
       Vortrag habe „eine sehr ernsthafte Stimmung“ geherrscht. Die Frau, die die
       Vorwürfe geäußert hat, beschreibt es ganz anders: Mehrere
       Teilnehmer*innen der Sitzung hätten ihre Erlebnisse verharmlost. Eine
       soll gesagt haben, auch sie habe schon „scheiß Affären“ gehabt, es sei
       nicht Angelegenheit der Partei, darüber zu urteilen. So steht es in einem
       Antrag auf Parteiausschluss gegen Stadtrat S., den die Frau und vier
       weiteren mutmaßlich Betroffene wenige Tage später einreichen.
       
       Dieser Antrag gibt den Vorwürfen eine neue Dimension. Plötzlich ist da
       nicht mehr nur eine mutmaßlich Betroffene von Grenzüberschreitungen,
       sondern fünf: drei Frauen, zwei Männer. Ein Mann gibt an, er sei als
       Praktikant von dem Stadtrat „ungewöhnlich lange“ am Nacken und am
       Oberschenkel berührt worden. Ein anderer schreibt, der Stadtrat habe ihn
       ungefragt an den Nacken und Kopf gefasst. Gewehrt hätten sie sich nicht,
       aus Angst vor dem mächtigen Stadtrat. Einer der Männer zeigt die Berührung
       an, die Ermittlungen werden später eingestellt.
       
       Nachdem die neuen Vorwürfe bekannt geworden sind, Anfang März 2021, tritt
       eine der beiden Gleichstellungsbeauftragten, Eva Kappl, zurück. Sie
       erklärt, dass sie den Druck, der mit der Aufklärung einhergehe, nicht mehr
       aushalte.
       
       Anders als in der Einschätzung, die die Gleichstellungsbeauftragten nach
       den ersten Vorwürfen abgegeben haben, schreibt Kappl nun, sie könnte
       keineswegs mit Sicherheit sagen, dass alle Vorwürfe, die die Frau erhoben
       habe, Falschbehauptungen seien. Sie lehne es ab, dass Vorwürfe von
       Betroffenen generell abgetan würden, nur weil im Laufe des Verfahrens
       einmal Zweifel aufgekommen seien.
       
       Der Rücktritt der Gleichstellungsbeauftragten, die neuen Vorwürfe – für den
       Landesverband passiert all das zu einer ungünstigen Zeit: Der Stadtrat S.
       hat gerade seine Kandidatur für den Bundestag bekannt gegeben, der
       Wahlkampf steht an. Einen Kandidaten mit Sexismusvorwurf kann sich die
       Partei nicht leisten. Aber kann sie sich den Verdacht leisten,
       Sexismusvorwürfe nicht ernst zu nehmen?
       
       Einige im Landesvorstand argumentieren, man könne den Stadtrat nicht mehr
       für den Bundestag aufstellen. Das Risiko, dass die Vorwürfe öffentlich
       würden, sei zu groß. Andere berufen sich auf den offiziellen Beschluss der
       Gleichstellungsbeauftragten. Sie glauben, die Vorwürfe würden bewusst
       gestreut als politische Kampagne.
       
       Es ist schließlich der Stadtrat selbst, der die Sache in der Partei bekannt
       macht. Anfang März 2021 treffen sich rund 70 Genoss*innen zur
       Aufstellungsversammlung für die Bundestagswahl. Einige Tage vorher schickt
       S. Whatsapp-Nachrichten an Parteimitglieder. Er schreibt, dass seit seiner
       Kandidatur Sexismusvorwürfe gegen ihn vorgebracht würden. Er habe sich
       allen Gesprächen gestellt. Es handle sich um Verleumdungen mit dem Ziel,
       seine Kandidatur zu verhindern.
       
       Bei der Versammlung spricht er einige Vorwürfe an. Das berichten mehrere
       Personen, die dabei waren. Sie beschreiben seine Rede als aggressiv.
       Mehrere Redner*innen ergreifen für ihn Partei. Am Ende der Veranstaltung
       geht seine Ehefrau auf die Bühne, zeigt mit dem Finger auf die Frau, die
       die Vorwürfe erhoben hatte, nennt ihren Namen und ruft, sie solle sich
       schämen für ihre Lügen. Sie bekommt Standing Ovations.
       
       Die mutmaßliche Betroffene beschreibt diesen Abend als schwer erträglich:
       „Würden wir im Mittelalter leben, hätte der wütende Mob auf der Versammlung
       meine Unterstützerin und mich auf dem Scheiterhaufen verbrannt“, schreibt
       sie später in ihrem Antrag auf Parteiausschluss des Stadtrats.
       
       Mit diesem 45-seitigen Antrag beschäftigt sich die Landesschiedskommission.
       Kurz nachdem er eingegangen ist, schickt ein Mitglied dieser Kommission
       eine Mail an die Frau, die die Vorwürfe erhoben hat: „Meint ihr im Ernst,
       dass die Landesschiedskommission parteiinterne Bettgeschichten
       recherchieren und bewerten soll? Ich weigere mich und finde eure
       detaillierten Ausführungen peinlich (…) Als ich in deinem Alter war, gab es
       die Devise: Wer zweimal mit demselben pennt, gehört schon zum
       Establishment.“
       
       Man kann die Fälle aus Nürnberg und Wiesbaden als Generationenkonflikt
       lesen, so wie die SMS das nahelegt: Wokies gegen Boomer. Nur täte sich die
       Partei keinen Gefallen damit. In den vergangenen zehn Jahren sind 30.000
       neue Mitglieder eingetreten, 20.000 davon unter 30. Wenn die Partei eine
       Zukunft haben will, dann sind es diese Mitglieder, die sie gestalten.
       
       Die Landesschiedskommission bietet den Beteiligten in Nürnberg schließlich
       eine Schlichtung an. Der Landesvorstand offeriert den mutmaßlich
       Betroffenen eine Mediation – mit oder ohne den beschuldigten Stadtrat. Die
       mutmaßlich Betroffenen lehnen ab. Sie bleiben bei ihrer Maximalforderung:
       Der Stadtrat soll aus der Partei ausgeschlossen werden.
       
       Einige im Vorstand empfinden diese Forderung als Affront: Die Hürden für
       einen Parteiausschluss sind hoch. Wieso sollte man ein wichtiges Mitglied
       ausschließen, zumal auf der Basis von Vorwürfen, die schwer zu beweisen
       sind? Für die Betroffenen hingegen sind die Angebote, die der
       Landesvorstand macht, nicht akzeptabel: Wieso sollten sie sich mit dem Mann
       zusammensetzen, den sie der Belästigung bezichtigen und der das bestreitet?
       
       Ende März folgt wieder eine Versammlung zur Vorbereitung der Bundestagswahl
       – es sollen die Listenplätze für die Kandidat*innen vergeben werden. In
       kleiner Runde bespricht der Landesvorstand die anstehende Veranstaltung. Am
       Ende fragt jemand, wie man damit umgehen wolle, wenn auf der Versammlung,
       die per Livestream übertragen werden soll, jemand die Vorwürfe gegen den
       Stadtrat anspricht? Dann, soll darauf jemand geantwortet haben, müsse der
       Livestream eben leider kurz ausfallen. So berichten es Leute, die in der
       Besprechung dabei waren.
       
       Aber niemand thematisiert die Vorwürfe am nächsten Tag. S. wird nominiert
       für Platz 6 der Landesliste. Zu dieser Zeit ist das ein aussichtsreicher
       Platz.
       
       ## Vorwürfe weder strafrechtlich noch parteirechtlich relevant
       
       Während mehrere Parteimitglieder dem Mann also Belästigung vorwerfen,
       nominiert der Landesverband ihn für den Bundestag. Die Partei habe sich
       dagegen gestellt, die neuen Vorwürfe aufzuklären, sagt eine Person, die die
       Aufarbeitung begleitet hat. Es sei darum gegangen, dass die richtigen Leute
       auf den richtigen Listenplätzen nominiert werden.
       
       Die Verantwortlichen im Kreis- und Landesvorstand weisen das zurück. Der
       Kreisverband hatte nach den neuen Vorwürfen einen Juristen beauftragt, zu
       untersuchen, ob die Partei gegen den beschuldigten Stadtrat vorgehen muss.
       Die taz kennt den Inhalt des Gutachtens. Der Jurist kommt darin zu dem
       Schluss, die Vorwürfe seien weder strafrechtlich noch parteirechtlich
       relevant.
       
       Im Mai 2021 stellt die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen gegen den
       Stadtrat ein. Es habe Aussage gegen Aussage gestanden, sagt Antje
       Gabriels-Gorsolke, die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth.
       Eine Zeugin habe doch nicht bezeugen können, wie der Stadtrat der
       mutmaßlich betroffenen Frau auf den Hintern gefasst habe.
       
       Im anderen Fall habe man die Vermutung des Anzeigenerstatters nicht
       nachvollziehen können, dass hinter Berührungen am Kopf oder im
       Nackenbereich eine sexuelle Motivation stecke.
       
       Der Stadtrat selbst erstattet Anzeigen gegen die beiden
       Anzeigenerstatter:innen und zwei weitere Personen. Der Vorwurf:
       Verleumdung. Auch dieses Verfahren wurde eingestellt.
       
       Der Fall aus Nürnberg zeigt das Dilemma von MeToo-Vorwürfen: Meist steht
       Aussage gegen Aussage, Zeugen und Beweise gibt es kaum, Widersprüche
       häufiger. Betroffene beschreiben oft, dass sie während der Belästigung
       versteinert waren. Es ist nicht verwunderlich, dass dabei Erinnerungen
       durcheinandergehen. Nur: Ab welchem Punkt werden Widersprüche so groß, dass
       sie Zweifel an der gesamten Erzählung zulassen?
       
       Am Ende gilt oft „Im Zweifel für den Angeklagten“. Ein Freispruch ist das
       selten, an allen Beteiligen bleibt etwas kleben: am Beschuldigten der
       Verdacht, dass er doch nicht ganz sauber ist. An der Gegenseite der
       Verdacht, dass sie eine Schmutzkampagne fahren.
       
       Über seine Anwältin fordert der Stadtrat die, die ihn beschuldigen, auf,
       Unterlassungserklärungen zu unterschreiben. Sollten sie weiter
       Falschbehauptungen verbreiten, drohten ihnen hohe Strafen. Auf Twitter
       lässt er Tweets blockieren, die die Vorwürfe gegen ihn erwähnen. Über das,
       was sie dem Stadtrat vorwerfen, können sie nun also nicht mehr sprechen.
       
       Die Anwältin des Stadtrats ist selbst Genossin der Linken. Im vergangenen
       Sommer wurde sie in die Bundesschiedskommission der Partei gewählt, also in
       das Gremium, das über die Vorwürfe in Nürnberg auch informiert war und sich
       mit ihnen hätte befassen können.
       
       Im Juni vor der Bundestagswahl erreichen die Vorwürfe aus Nürnberg die
       Bundespartei. Sie werden aber nicht etwa durch bayerische Funktionäre in
       den Parteivorstand getragen. Die Betroffenen selbst vertrauen sich
       Vorstandsmitgliedern an. Eine trägt das Anliegen in den geschäftsführenden
       Bundesvorstand. Passiert ist erst mal nicht viel. Dafür treten die
       Parteivorsitzende Janine Wissler und Bundesgeschäftsführer Jörg Schindler
       mit dem beschuldigten Stadtrat im Wahlkampf in Nürnberg auf. Da hätten sich
       manche mehr Distanz gewünscht.
       
       Kurz vor der Bundestagswahl kommt doch noch Bewegung in die Sache. Eine der
       Betroffenen aus Nürnberg schreibt E-Mails an alle 44 Mitglieder des
       Parteivorstandes und fordert sie zum Handeln auf. Erst auf diesen Druck von
       außen wird der Nürnberger Fall in dem Gremium diskutiert und auf einer
       Klausurtagung im Oktober eine Vertrauensgruppe eingerichtet. Darin sollen
       fünf bis acht Personen aus dem Vorstand Opfern von Übergriffen,
       Machtmissbrauch und Diskriminierung innerhalb der Partei zur Seite stehen.
       Die Gruppe arbeitet ehrenamtlich, bekommt kein Budget und keine besonderen
       Befugnisse.
       
       Die Gruppe widmet sich als Erstes den Vorwürfen in Nürnberg. Sie sprechen
       mit denen, die die Vorwürfe erhoben haben, und mit dem Kreisverband. Sie
       bitten auch den beschuldigten Stadtrat um ein Gespräch. Der antwortet auch,
       aber das Gespräch kommt nicht zustande.
       
       Der Beschuldigte habe kein Unrechtsbewusstsein gezeigt, sagt Melanie
       Wery-Sims, rheinland-pfälzische Landesvorsitzende und Mitglied der
       Vertrauensgruppe. „So konnte schlicht keine Aufarbeitung passieren.“ Julia
       Schramm, ebenfalls im Parteivorstand und Teil der Vertrauensgruppe, sagt,
       S. habe sich „formaljuristisch nichts zuschulden kommen lassen“, aber auch
       keine Selbstreflexion gezeigt. Sie sagt weiter, die Gremien in Nürnberg
       hätten alles richtig gemacht. Eines aber ärgere sie. Schramm sagt: „Die
       sozialen Kosten tragen wieder einmal betroffene Frauen und nicht Männer.
       Von einer linken Partei erwarte nicht nur ich etwas anderes.“
       
       Nach den Vorwürfen aus Wiesbaden und dem Rücktritt Hennig-Wellsows tagte am
       vergangenen Mittwoch der Parteivorstand. Er verabschiedete einen Beschluss,
       darin heißt es: „Wir bedauern die sexuellen Übergriffe in unserer Partei
       zutiefst und entschuldigen uns bei den Opfern“. Es folgt eine Reihe von
       konkreten Vorschlägen, wie der Vorstand künftig auf Sexismusvorwürfe
       reagieren will. Sie gehen zurück auf die Vertrauensgruppe: Es soll
       Ressourcen für ihre Arbeit geben, die Partei will bei Bedarf
       Psycholog:innen oder Anwält:innen bezahlen. Und vor allem sollen
       neue Sanktionsmöglichkeiten bei sexistischem Verhalten eingeführt werden,
       etwa die Entbindung von Ämtern in der Partei oder der befristete Entzug des
       Rederechts.
       
       Die Verantwortlichen in Nürnberg betrachten die Vorwürfe gegen den Stadtrat
       S. als erledigt. Er wird nicht aus der Partei ausgeschlossen. Es gibt neue,
       extra geschulte Ansprechpersonen für Betroffene in Bayern, der
       Landesverband arbeitet an einer Richtlinie zum Umgang mit
       Sexismusvorwürfen.
       
       Eine mögliche Maßnahme, die auch Linken-Bundesgeschäftsführer Jörg
       Schindler dem Kreisverband Nürnberg empfohlen hat, sind geschützte Räume
       für Frauen, Frauenplena beispielsweise. Auf dem jüngsten Landesparteitag
       der Linken in Bayern, im Oktober 2021, fand ein solches Frauenplenum statt.
       Auf Antrag einer Parteigenossin wurde das Plenum ausgerechnet in diesem
       Jahr auch für Männer geöffnet, als Zuschauer, ohne Stimmrecht. Auch
       Stadtrat S. war unter den Gästen.
       
       Mitarbeit: Luise Strothmann, Patricia Hecht
       
       22 Apr 2022
       
       ## LINKS
       
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       sortieren. Und auf ein neues Musikalbum dürfen wir uns alle freuen.
       
 (DIR) Linkspartei will Spitze neu wählen: Hoffnung auf Neuanfang
       
       Die Linke hat beschlossen, im Juni ihre komplette Führungsspitze neu zu
       wählen. Beim Parteitag soll es auch um Sexismus in den eigenen Reihen
       gehen.
       
 (DIR) Linkspartei in der Krise: Nachwuchs an die Macht
       
       Die Linkspartei liegt am Boden. Was sie nun braucht, ist eine personelle
       Neuaufstellung. Heißt: weniger alte Garde, mehr frische Gesichter.
       
 (DIR) Zukunft der Linkspartei: Es geht ums Überleben
       
       Wenn es die Linkspartei nicht schafft, einen Ausweg aus ihren multiplen
       Krisen zu finden, ist sie endgültig Geschichte. Und das wäre ein Verlust.
       
 (DIR) #LinkeMeToo in Hessen: Landesverband will aufklären
       
       Nach Vorwürfen von Übergriffen will die Linke nun eine „Kultur des
       Hinschauens“ in der Partei etablieren. Über das „Wie“ gibt es
       Unstimmigkeiten.